03.11.2016 - Andreas Iten

Der grosse Pan

Thomas Hürlimann hat in einem Interview beklagt, dass der moderne Mensch die Welt entleert habe, indem er nicht mehr an die grossen Erzählungen der Menschheitsgeschichte glaube.

„Der grosse Pan ist tot“ zitiert der Schriftsteller Thomas Hürlimann im Interview des Tages-Anzeigers vom 20. Oktober den Schriftsteller Plutarch (45 n. Chr. - 120). Plutarch war Zeuge, als das Orakel von Delphi seine Bedeutung verlor. Die Griechen glaubten seinen Wahrsagungen nicht mehr. In der Tat, wo Lärm herrscht, verschwinden die Götter. Das Kreuz werde von den Bergen geholt, sagt Hürlimann, die Erzählungen der Bibel verstummten. Zuerst würden die Zeichen sterben, und die Menschen hinterher.

Die Welt ist leer geworden. Woran sich halten? Aber doch ja, sie leben noch, die Götter. Sie haben sich mir in diesem fruchtbaren Oktober wieder offenbart. Ich habe sie in der Stille und Ruhe des Waldes flüstern gehört, auf einer einsamen Wanderung über die Höhen gesehen, im Gedenken an grosse Weine entdeckt. Dionysos, der Gott des Weines und des Rausches, hat mich gefragt: „Hast Du im Frühling die Reben gesehen? Der Winzer hat sie mit einem Pflegeschnitt bis auf den Stock zurückgestutzt. Der Trieb hat sich im Sommer entfaltet. Nun trägt die Rebe wunderbare Trauben. Die Wärme und Kraft des Sommers schenkt ihnen die Süsse. Es wird einen guten Wein geben. Ist das nicht ein grosses Wunder? Spürst Du die göttliche Kraft im Wein? Deine Zunge lebe! Sie verehre die Götter!“

Es war mir gegönnt, Weine zu verkosten, den einen mit einem anderen zu vergleichen und den besten unter ihnen zu küren. Beim Anstossen hielten wir das klingende Kristallglas ans Ohr. Mit leicht schwingendem Ton wisperte der grosse Dionysos mir zu: „Wir leben noch, wir Götter. Wir stellen die Menschen vor die grossen Bedeutungen des Lebens. Aphrodite, die Göttin der Liebe, schafft Stimmung, damit die Liebe gelinge. Hera, die Frau des Zeus, hält ihren Mann vom Drang ab, sich verschiedenen irdischen Frauen zu nähern. Ist die Liebe nicht göttlichen Ursprungs? Hephaistos, der Gott der Schmiedekunst, schaut, dass die Menschen kunstvoll arbeiten?“ So sprach er, der grosse lebenslustige und weltfromme Dionysos. Ich wunderte mich, dass Plutarch vor zweitausend Jahren ausgerufen haben soll „Der gross Pan ist tot“. Vielleicht sollten wir die Götter Griechenlands, die sich nur verzogen haben, aber noch da sind, wieder heran rufen. Denn sie können uns sagen, was uns heilig sei und was wir verabscheuen sollten. Es gibt genug Dinge von grosser Bedeutung, damit wir an ihnen heil, zufrieden, demütig und dankbar werden können.

Auf dem Höhenweg mit Blick in gepflegte Gärten sann ich den Einflüsterungen der Götter nach. Ich sah eine Frau, die die Herbstblumen pflegte, den Rosen die welken Blütenblätter vom Zweig zupfte, einige Stöcke bereits einhüllte, um sie vor der kommenden Kälte zu schützen. Die Bauern füllten Säcke prall mit Äpfeln. Es wird guten Most geben. Und als ich im Markt zwischen den Auslagen der Früchte und des Gemüses ging, den Geruch einsog, das Auge sich nicht satt sehen wollte, dankte ich im Stillen den göttlichen Kräften der Natur, zu denen Demeter, die Fruchtbarkeitsgöttin, Sorge trägt. Sie garantiert das ewige, sich Jahr für Jahr wiederholende Wachsen und Werden. Wenn wir die Götter verdrängen, tun, als ob der Mensch es sei, der dieses hervorbringt, vergisst er, dass er nur der Handlanger der Natur ist. Er veredelt diese, wenn er sie nicht zerstört, mit Hingabe. Vergisst er aber daran zu denken, dass der Humus in Milliarden Jahren den Boden für jegliches Gedeihen gelegt hat, schwingt er sich selber zum Halbgott auf. Halbgötter stürzen ins Verderben.

Ob der grosse Pan tot ist, entscheidet der einzelne Mensch. Übernimmt er das Selbstverständnis von denen, die die Kreuze von den Bergen holen und vergessen haben, die Götter zu loben, dann bleibt er tatsächlich tot. Vielleicht fehlen den Lauten und Mächtigen tatsächlich die Götter, und sehen sie sich an deren Stelle selber, entleeren sie mit ihrem Gebaren den Olymp.

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