23.02.2017 - Andreas Iten

Der Hofnarr

Hanskuony von Stockens Ratschlag für Erzherzog Leopold, genau zu überlegen, was er tue, wenn er bei Morgarten ins Land der Schwyzer einmarschiere, ist auch nach 700 Jahren noch beachtenswert.

Über den Menschen, der sich närrisch benimmt, hat Sebastian Brant „im Jahre des Herrn 1494“ sein Buch „Das Narrenschiff“ in Basel drucken lassen, und zwar „während der Fastnacht, die man der Narren Kirchweih nennt.“ Ein Narr ist für Brant derjenige, der unnütze Bücher liest, der sich um des Geldes willen vom rechten Weg abbringen lässt, der sich der Rechthaberei verschreibt oder sich vor Neid und Hass, diesem „Gift von Todeswunden“, verzehrt. Über Narren schreibt Brant 112 Gedichte, oft in holprigen Versen. Brant beginnt sie meistens mit: „Der ist ein Narr, der...“ Herrlich verspielt reimt er, der Mensch solle zuerst denken, bevor er handle.

Der ist mit Narrheit wohl geeint: / wer spricht: Das hätt' ich nicht gemeint! / Denn wer bedenkt all Ding beizeiten, / der sattelt wohl, eh er will reiten.

Das ist im Zeichen von Facebook und Twitter fürwahr eine weise Empfehlung.

Erfahrene Narren wie der Hofnarr Hanskuony von Stocken, der den Erzherzog Leopold, als er gegen Morgarten zog, warnte: „Bedenket nicht, wie ihr ins Land der Schwyzer kommt, bedenket, wie ihr wieder herauskommt“, sollte man ernst nehmen. Der Lehrer, der in der vierten Klasse die Geschichte der Schlacht am Morgarten erzählte, sprach diesen Satz mit rollenden Augen. So nahm ich ihn zu Herzen. Als ich später mit der Fastnachtsgesellschaft Ägeri zu einem internationalen Narrentreffen nach Stockach fuhr, sagte ich mir: „Bedenke nicht, wie du nach Stockach kommst, bedenke, wie du wieder heimkommst.“ Es ging dann recht gut, denn ich konnte im Car auf der Heimfahrt ein paar fehlende Schlafstunden nachholen. Nach dieser Erfahrung beschloss ich, den Narr auf meine Schulter zu setzen. Dem Hofnarr gleich sollte er mich vor Dummheiten warnen.

Wenn ich heute nach Stockach fahre, besuche ich immer das Denkmal von Hanskuony. Ich spaziere gemächlich durch die Hauptgasse hinunter. Dort sitzt er auf einer Kugel mit seiner Narrenkappe, streckt den rechten Finger zur Mahnung vor Torheit in die Höhe und stützt die linke Hand mit dem Zepter auf den Oberschenkel. Ich trete vor ihn hin, verbeuge mich vor ihm und flüstere: „Der Narr auf meiner Schulter ist vom gleichen Teig wie Du. Er hat mich schon einige Male rechtzeitig gewarnt, als ich zu spekulieren versuchte oder im Begriff war eine Dummheit zu begehen. Ich danke Dir für Deinen weisen Rat.“ Hanskuony lächelte wissend und bimmelte mit den Glöckchen an seinem Kragen.

Auch im Fastnachtsgetümmel stand er mir bei. Trank ich Alkohol, nahm er mir nach einiger Zeit, oft erst nach Mitternacht, das Weinglas aus der Hand und gebot mir auf Wasser umzustellen. Und waren die Nächte etwas gar lang, gab er mir den Rat, eine Mehlsuppe zu essen. Vor Reden warnte er mich stets, keine Scherze zu machen, die missverständlich oder beleidigend sein könnten. Der Narr trommelte mir oft ins Ohr: „Du bist schnell in einer Sache drin, aber bedenke wie du wieder herauskommst! Bedenke zuerst das Ding und reite erst, wenn du den Sattel auf das Pferd gelegt hast.“

Jetzt, wo ich auf dem Balkonsitz des Lebens ein wenig in die Welt hinausblicke, empfinde ich meinem Narren gegenüber, der inzwischen schon fast ein Philosoph ist, grosse Dankbarkeit. Vor den gröbsten Dummheiten hat er mich bewahrt. Das gibt mir eine gewisse Gelassenheit. Wenn ich beobachte, wie etwa das viele Geld Menschen verwirrt und wie sie auf dem hohen Ross den Kopf strecken, ohne es gesattelt zu haben, dann wundert es mich nicht, dass es den einen oder anderen abwirft und dass ihm der Sturz das Genick bricht. Nicht selten habe ich auch zum Mittel der Selbstironie gegriffen, was dann hiess: „Mache dich selbst zum Narren, dann machen es die anderen nicht.“ So vernarbte der eine oder andere Stich mit Leichtigkeit und schmerzte nicht ein halbes Leben lang.

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