21.11.2015 - Maja Petzold

Dialog mit der Zeit

Wie lebe ich, wenn ich alt bin? Das Berner Museum für Kommunikation zeigt Möglichkeiten, aber auch Klischees – und alles kommunikativ.

'Das Alter' gibt es bekanntlich nicht – Altern ist eine vielfältige, individuelle Entwicklung. Abbau von Gesundheit, Einschränkungen im Bewegungsspielraum oder immer mehr Gedächtnislücken sind nur einige Facetten des Älterwerdens. Sie stehen allerdings oft im Mittelpunkt der allgemeinen Wahrnehmung, denn wer würde sich nicht insgeheim vor ihnen fürchten. Im Alter – vor allem im sogenannten 'selbständigen Alter' – lassen sich auch neue Freiheiten geniessen, neue Interessen pflegen. "Dialog mit der Zeit. Wie lebe ich, wenn ich alt bin?" Unter diesem Titel zeigt das Museum für Kommunikation in Bern eine Ausstellung, in der die Palette des Alterns erleb- und erfahrbar wird.

Dialog mit der Zeit IWürde ich die Zeit gerne zurückdrehen? Beim Empfang erwarten die Besucher grosse Sanduhren mit Fragen zum Alter und Altwerden. © Museum für Kommunikation / Hannes Saxer

Das Konzept, dass niemand allein durch die Stationen schlendert und sich anguckt, was ihm gerade ins Auge fällt, macht diese Ausstellung aussergewöhnlich. Siebzig Seniorinnen und Senioren –bewegliche, rüstige, 'junge Alte' - stehen als Senior-Guides bereit, die Besucherinnen und Besucher einzeln oder in Gruppen durch die Ausstellung zu führen. Sie erklären, geben Anleitungen, lassen der Besucherin Zeit, einen kurzen Bericht zu hören oder eines der Spiele zu absolvieren, und rätseln gemeinsam. Man trifft auf Menschen mit viel Lebenserfahrung, und wenn man Glück hat, erzählt die frisch und lebensfroh wirkende 83-jährige Begleiterin ein wenig aus ihrem Leben. Dass sie zum Beispiel in einem Tessiner Tal aufgewachsen ist, wo Mädchen nach der Schule eigentlich nichts anderes machen durften, als in der nahen Fabrik zu arbeiten. Die Mutter der Erzählerin jedoch ermöglichte der Tochter eine Lehre bei der Post. So kam sie dann mit Anfang 20 in ein abgelegenes Tal, wo sie den Posthalter zu vertreten hatte. Zu ihren Aufgaben gehörte es, den Postsack vom nächst grösseren Ort abzuholen. Der war einmal im Monat sehr schwer, denn es waren die Löhne der Arbeiter am nahen Staudamm darin. Ohne jegliche Sicherung oder Schutz fuhr die junge Frau im Postauto mit dem wertvollen Sack zurück – heute undenkbar.

Persönliche Erinnerungen erfährt man auch in drei 'Zelten'. Dabei erweitert sich der eigene Horizont unwillkürlich. Ganz unterschiedliche ältere Menschen kann man von ihren Erfahrungen erzählen hören, auch Gefühle kommen zur Sprache und Erkenntnisse, was man im Rückblick anders gemacht hätte. Eine Frau berichtet davon, wie sie ihren Partner übers Internet kennengelernt hat.

Dialog mit der Zeit IIWie geschickt ist man im Alter? © Museum für Kommunikation / Hannes Saxer

Die Stärke dieser Ausstellung liegt in der Kommunikation, die sich ganz natürlich ergibt. Der Besuch in einer kleinen Gruppe bietet Gelegenheit, nachher über die Themen zu diskutieren. Denn nicht alle Denkanstösse halten stand, wenn man sie von allen Seiten betrachtet. Das führt zu klareren Einsichten und dient der eigenen Meinungsbildung. Manchmal werden auch Vorurteile präsentiert, die im Gespräch zu widerlegen sind. Im Bereich, wo es darum geht, was alte Menschen nicht mehr tun, gibt es die Frage: "Kennen Sie Senioren, die Motorrad fahren?" – Ja, antwortete die Besucherin, denn sie sieht ihren Nachbarn immer mal wieder ausfahren.

Es ist eine gute Idee, die Besucher und Besucherinnen ausprobieren zu lassen, welche Schwierigkeiten sich Hochaltrigen in den Weg stellen. Aber wer wird denn wie im Saalbeispiel darauf verzichten, sich eine Notiz zu machen, wenn er telefonisch zwei Kinobillette bestellt, zumal er die erwähnten Kinos gar nicht kennt. Ein solches Ereignis würde im Alltag anders ablaufen. Die schweren Manschetten, die man sich um die Beine legt, bevor man drei Stufen hinauf- und hinunterläuft, sind im ersten Moment ungewohnt und unbequem. Aber wer nicht mehr gut laufen kann oder ein schlechtes Gedächtnis hat, weiss davon, denn diese Defizite haben sich "angeschlichen", mit der Zeit hat man sich eine Strategie angewöhnt, damit fertigzuwerden. Es gibt noch anderes Amüsantes auszuprobieren, die Tatsache allein, dass der alte Mensch nicht mehr so "funktioniert" wie ein junger, ist allerdings nur ein ganz kleiner Teil der Problematik des Älterwerdens. Anregungen, darüber nachzudenken und zu diskutieren, sind sie allemal.

Konzipiert wurde die Ausstellung in Hamburg. Bevor sie in Bern zu sehen war, wurde sie bereits in Frankfurt und Berlin mit grossem Erfolg gezeigt. In Bern sind alle Fakten und Zahlen Schweizer Erhebungen entnommen. Als nächstes wird sie nach Taiwan weiterziehen.

Die Ausstellung im Museum für Kommunikation in Bern dauert noch bis 10. Juli 2016

Titelbild (Plakat der Ausstellung) © Museum für Kommunikation

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