28.08.2015 - Joseph Auchter

Die Aura von Salzburg

Weil das Zürcher Opernhaus für Liebhaber der Gesangskunst den Status einer ersten Adresse ohne Not preisgegeben hat, pilgern immer mehr nach Salzburg und Mailand.

Die 1920 aus der Taufe gehobenen Salzburger Festspiele erfreuen sich nach wie vor grosser Beliebtheit. Die Karajan-Aera hat ihren Nimbus keineswegs verloren, die nostalgischen Erinnerungen sind noch in aller Munde. Doch mit Alexander Pereiras allzu kurzem Gastspiel gleisst immer noch sein Stern am Festspielhimmel, der Garant ist für ein allseits umjubeltes Programm auf höchstem künstlerischen Niveau. Das Zweiergespann Helga Rabl-Stadler und Sven-Eric Bechtolf mit dem in Zürich bestens bekannten Grischa Asagaroff als Betriebsdirektor sorgt für Kontinuität und eine bestechende Programmvielfalt. Obwohl Pereira bereits an der Scala seinen Spürsinn für herausragende Opernkunst unter Beweis stellt, atmet Salzburg nach wie vor seinen weitsichtigen Geist. Ein paar Glanzpunkte aus einer Festspielwoche müssen hier genügen, um zu belegen, wie sehr die Aura Salzburg prosperiert und auch mutige neue Wege beschreitet.

Cecilia Bartoli setzt neue Massstäbe

Cecilia Bartoli, Künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele bis 2021 (Bild: Uli Weber)

Als Pereira Cecilia Bartoli 2010 zur Künstlerischen Leiterin der Pfingstfestspiele kürte, setzte sie 2012 mit Händels "Giulio Cesare" gleich ein Ausrufezeichen. Gewagt war gewonnen. Immerhin waren Herbert von Karajan und Riccardo Muti ihre Vorgänger, und nie zuvor wurde eine Frau mit einer Leitungsaufgabe betraut. Doch die Skepsis wich schon in der ersten Spielzeit einhelliger Begeisterung. Ihre umsichtige und hoch interessante Programmierung und ihr Einsatz als Belcantistin der Superlative führten nun dazu, dass ihr Vertrag bereits bis 2021 verlängert wurde.

„Iphigénie en Tauride“ mit Cecilia Bartoli und Christopher Maltman (Bild: Monika Ritterhaus)

Bellinis "Norma" wurde darauf 2013 zum durchschlagenden Erfolg. Die Wiederaufnahme bringt nun diesen Herbst  auch Zürich und weitere Opernhäuser in den Genuss eines Gastspiels. Nach dem Feuerwerk mit "Rossinissimo" wählte "La Bartoli" mit Glucks "Iphigénie en Tauride" dieses Jahr eine Trouvaille mit radikalem Zuschnitt. Moshe Leiser und Patrice Caurier setzen darin die von König Thoas gefangenen Priesterinnen in ein Flüchtlingscamp und wecken damit beklemmende Assoziationen zum aktuellen Exodus. Geradezu obsessiv verkörpern Cecilia Bartoli, Rolando Villazon und Christopher Maltman die abgründige Antikentragödie, welche die Wortbestimmtheit richtiggehend in die Musik einmeisselt. Dass die forcierte Artikulation dann eher nach Italienisch klingt denn nach Französisch, ist bei einer derart fesselnden Umsetzung hinzunehmen. Mit Diego Fasolis, seinen I Barocchisti und dem Coro della Radiotelevisione Svizzera ist ein Gesamtkunstwerk haften geblieben, das auch auf die nächsten Pfingstfestspiele mit dem Leitmotiv "Romeo und Julia" neugierig macht.

Rosenkavalier - Don Carlo - Werther - Ernani

„Der Rosenkavalier“ mit v.l. Golda Schultz, Sophie Koch und Krassimira Stoyanova (Bild: Monika Ritterhaus)

Wer Franz Welser-Möst und seinen Zürcher Rosenkavalier in Erinnerung hat, erlebt ihn nun mit den Wiener Philharmonikern in einer wohl geschichtsträchtigen Inszenierung des 80-jährigen Harry Kupfer. Das Dirigat ist eine filigrane Delikatesse. Der in Zürich gross gewordene Günther Groissböck betört mit seinem kernig-sonoren Timbre  als jugendllicher Baron Ochs, das Solistenensemble singt hochkarätig, die Wiederaufnahme ist ein Juwel ohne Wenn und Aber.

Dass man auf Grossleinwand täglich kostenlos die Salzburger Highlights miterleben darf, nimmt auch dankbar zur Kenntnis, wer nicht mit dem dicken Portemonnaie anwesend ist oder Inszenierungen verpasst hat. An Verdis "Don Carlo" mit Kaufmann/Harteros/Hampson und einem unwiderstehlichen Matti Salminen werden sich künftige Produktionen messen lassen müssen. Die Inszenierung von Peter Stein ist ein singuläres Erlebnis.

Massenets "Werther" und Verdis "Ernani" wurden konzertant aufgeführt. Piotr Beczala war hinreissend als Werther, und dass uns Riccardo Muti mit "seinem Verdi" nicht enttäuschen würde, war schon fast eine Selbstverständlichkeit. Wohl aber nicht, dass er wieder mit dem von ihm gegründeten "Orchestra Giovanile Luigi Cherubini" musizierte, einem verheissungsvollen, äusserst professionellen Nachwuchskörper.

Was macht die Aura Salzburgs eigentlich aus, habe ich mich gefragt. Was lässt begnadete Künstler z.T. über Jahrzehnte den Festspielen die Treue halten? Ich denke, es ist ein hohes Mass an  Aufmerksamkeit und Wertschätzung allen Musizierenden und auch dem Publikum gegenüber, die übrigens auch in den Gaststätten und in der Öffentlichkeit zu spüren ist. Das Wunder ist aber ein gehöriges Stück Planungsarbeit und ein ständiger Kampf um die erforderlichen Mittel. Dass es dennoch Jahr für Jahr gelingt, zurzeit 270'000 Besucher aus 74 Nationen anzieht und auch als Wirtschaftsfaktor ernst genommen werden will, verdient Respekt und ein Quentchen Solidarität. Danke, Salzburg.

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