09.08.2014 - Anton Schaller

Die E-Mail ist 30 geworden

Licht und Schatten in der digitalen Kommunikation 

Das ist meine 301. Kolumne auf seniorweb.ch. Seit beinahe sechs Jahren schreibe ich jede Woche einen Text, der auf seniorweb.ch zuerst publiziert wird. Ich habe die Kolumnen damals angeregt, weil ich einmal den Diskurs auf seniorweb.ch anregen, und zum anderen, weil ich mich dem Zwang aussetzen wollte, mich mit der Aktualität, mit den Orten, wo ich mich aufhalte, mit den Menschen, denen ich begegne, mit der Literatur, der Musik, die ich geniesse, mit der Zeitgeschichte, die ich noch immer täglich verfolge, auseinanderzusetzen, genauer zu befassen, weil ich darüber Sätze zu formulieren, mir darüber Gedanken zu machen habe.

Heute ist es nicht mehr so anstrengend, heute kann ich es wesentlich gelassener nehmen. In der Zeit, als ich die Tagesschau des Schweizer Fernsehens leitete, verfolgte ich jede Stunde die Radionachrichten, auch ausserhalb des Dienstes, wollte gar nichts verpassen, wollte direkt intervenieren können, wenn Unvorhergesehenes, eine Katastrophe oder was auch immer sich ereignete. Heute kann ich mich mit der Geschichte und auch mit Ereignissen befassen, die nicht den Weg in die Aktualitätsteile der Nachrichtensendungen finden. 

Wer erinnert sich noch? Die 68er Generation prägte damals in ihrer stürmischen Phase ein geflügeltes Wort: Traue keinem über 30. Diese Woche ist die E-Mail, ohne gross von den Medien beachtet zu werden, 30 Jahre alt geworden. Wie hat sie unseren Alltag verändert? Aber: Können wir heute der Kommunikation per E-Mail trauen? Wer sitzt zwischen dem Absender und dem Empfänger und zwar genau dazwischen? Ist es der US-amerikanische, der russische, der chinesische oder gar der israelische Geheimdienst  Mossad?

Dennoch: Am Anfang noch zaghaft eingesetzt, ist die E-Mail heute nicht mehr aus der Geschäftswelt, nicht mehr aus dem privaten Kommunikationsverhalten wegzudenken. Ja, am Anfang taten wir uns noch schwer, legten Wert darauf, dass eine gewisse Anstandsform gewahrt blieb, man benutzte eine korrekte Anrede, versuchte anständige Sätze zu formulieren, überlegte sich genau, an wen und warum man eine Mail schrieb, ging sorgfältig mit dem Verteiler um, nahm den drauf, den es neben den Adressaten auch wirklich etwas anging, achtete darauf, dass die Anhänge auch mit versendet wurden.

Heute bekommt man Mails ohne Anrede, in Halbsätzen schnell hingeschrieben, ab und zu fehlt der angesprochene Anhang, auf dem Verteiler sind alle nur erdenklichen Leute vermerkt, so dass auf jeden Fall keiner vergessen wird. Oft gehen fehlgeleitete Mails ein, weil zu schnell ein Adressat angeklickt worden ist, ohne zu kontrollieren, ob auch der richtige Nachname zum Vornamen passt. Und es erstaunt und verwundert zumindest, dass auch im dreissigsten Jahr des E-Mails viele Menschen, vor allem ältere Menschen, noch gar nicht über das Internet erreichbar sind. Beim Zürcher Senioren- und Rentnerverband ZRV beispielsweise müssen noch beinahe 65 Prozent der Mitglieder per Briefpost angeschrieben werden. Die älteren Menschen wollen sich nicht mehr darauf einlassen, oder sie fühlen sich zu wenig gesichert in dieser neuen Kommunikationsform. 

Nicht verwunderlich: Man vergisst, dass E-Mails ein dauerhaftes Leben haben. Das freut die Geheimdienste, das freut die Polizei, die Staatsanwaltschaften, weil sie auch in ferner Zukunft noch eruieren können, was wir so alles von uns gegeben haben. Und es freut auch die Grossen in der Internet-Welt, die auf eines ganz scharf sind: auf unserer Daten. Es trifft sich gut, dass diese Woche zwei Bücher auf Deutsch erschienen sind, die sich mit der Zukunft des Internets, der digitalen Welt, befassen. 

Einmal das Buch des US-Schriftstellers Dave Eggers. Eggers erzählt in seinem Buch „Der Circle“ *) die Geschichte eines Superkonzerns, der auf dem Weg ist, die Welt zu beherrschen. Ein Superkonzern, dessen Ähnlichkeiten mit Google, Facebook und Amazon nicht zufällig sind. Der Autor zeichnet Horrorszenarien, die wohl weit in die Zukunft greifen, dennoch schlicht nicht so einfach von der Hand zu weisen sind. Die Lektüre lohnt sich, auch wenn wohl nicht alles einer seriösen Prognose über unsere Zukunft Stand halten wird. Eggers ist aber ganz nahe dran, er lebt und wirkt in San Francisco, wo er eine Zeitschrift herausgibt, einen Verlag führt und ein modernes Wohltätigkeitszentrum betreibt, in dem Tutoren Grundschülern bei den Hausaufgaben helfen, wie das Magazin „Der Spiegel“ schreibt. 

Weniger eine Satire als vielmehr eine vorausgreifende Analyse beschert uns der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin. Er schreibt in seinem neusten Buch „Die Null-Grenzenkosten-Gesellschaft“ **), dass wir am Anfang einer Revolution stehen würden. Der Kapitalismus danke zusehends ab, werde abgelöst von einer Nullkosten-Wirtschaft. Alles werde dramatisch billiger. Die globale Kommunikation koste schon heute faktisch nichts mehr. Dieses Geschäftsmodell werde sich künftig auch auf andere Bereiche übertragen lassen, auf Güter, auf die Energie, Dienstleistungen. Rifkin schreibt, dass sich das Internet in Zukunft in ein Superinternet der Dinge verwandeln werde. Die grossen andern Unternehmen, wie Siemens, General Electric , IBM würden zwar versuchen, diese neuen Formen der Ökonomie zu zerschlagen, letztlich würden sie sich die neuen Geschäftsmodelle einfach einverleiben.

Nur, die Entwicklung sei natürlich letztlich doch nicht gratis, wir würden dafür mit einem zahlen: mit unsere Daten. Die Unternehmen wie Google, Facebook, Amazon würden sich weiter in die Breite entwickeln, alles links und rechts von sich aufkaufen. Und wir? Wir würden ihre Abhängigen. Was wäre dagegen zu tun? Rifkin meint, wir müssten Gewerkschaften der Nutzer bilden, die sich dagegen wappnen könnten. Gewerkschaften für Datenschutz oder Nutzerneutralität. 

Zwei Bücher, die sich ergänzen, ineinandergreifen, die vieles verdeutlichen, was wir erahnen, die zu lesen sich lohnt. Gerade wir, die wir uns jetzt mit den neuen Medien handfest auseinandersetzen. Ein Trost und eine Gewissheit bleiben, auch nach dem 30-jährigen Jahrestag des E-Mails: Das Horrorszenarium Eggers und die wirtschaftliche Revolution Rifkins kommen nicht so schnell und unvermittelt. Und die Gewissheit? Die digitale Entwicklung schreitet stetig, ungebrochen voran, ob wir das wollen oder nicht. Der technologische Wandel in der Kommunikation macht nicht halt vor uns. Im Gegenteil. 

*) Dave Eggers, „Der Circle“, erschienen im Verlag Kiepenheuer& Witsch, Köln 

**) Jeremy Rifkin, „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“, erschienen im Campus-Verlag, Frankfurt am Main

Kommentare

Das mit den Gewerkschaften ist eine gute Idee  Herr Schaller !

Auch die bezahlenden Mitglieder der Seniorweb AG müssten sich langsam überlegen, ob sie nicht auch eine Gewerkschaft gründen wollen. Da will man mit Lerncentern die Senioren - Im Auftrag der Stiftung "Pro Seniorweb" - dazu bewegen aktiv im Internet mitzumachen und setzt ihnen dann auf der eigenen Webseite im Bereich TEILEN eine derart unprofessionelle Software vor.

Seit Wochen ist der Unmut unter den aktiven Mitgliedern und Regionalgruppen sehr gross und Verbesserungsvorschläge freiwilliger Mitarbeiter mit grossem Fachwissen werden einfach übergangen. Es ist vorauszusehen, dass unter solchen Umständen viele Nutzer und freiwillige Mitarbeiter ihre Mitgliedschaft künden werden. Viele haben meines wissens diesen Schritt bereits gemacht.

In meinen Augen ist die Arroganz des Verwaltungsrates der Seniorweb AG kaum noch zu überbieten und der Auftrag der Stiftung "Pro Senorweb" sicher nicht voll erfüllt.

Wenn es so weiter geht, müssen Sie als Präsident des Verwaltungsrates damit rechnen dass eine ernstzunehmende Konkurrenz entsteht.

H. Kämpfer

herby schrieb : "... und setzt ihnen dann auf der eigenen Webseite im Bereich TEILEN eine derart unprofessionelle Software vor."

Ich ergänze : "... und foutiert sich völlig, ob überhaupt noch Leute im Seniorweb präsent sind, schreibend oder nicht !"

Klare Worte meiner Vorschreiber. Das begrüsse ich sehr.

Rolf

Die vorausgehenden Kommentare entsprechen einer Stimmung, die auch ich in meinem Umfeld wahrnehme.

Dennoch möchte ich Herrn Schaller für diesen Rückblick auf 30 Jahre E-Mail danken, einen Rückblick in eine revolutionäre und spannende Zeit, in der die meisten Seniorwebler den Übergang von der immer hektischer gewordenen Arbeitszeit ins Pensionsalter vollzogen haben. Auch ich bin überzeugt, diese moderne Art der Kommunikation ist bei vernünftiger Anwendung eine Bereicherung in unserem Alltagsleben und wir sollten auch zukünftig versuchen, mit der rasend schnellen Weiterentwicklung Schritt zu halten.

Danke, Dieter Bürle, für deine Würdigung von E-Mail und Web. Auch meine Pensioniertenjahre wurden durch das Internet enorm bereichert. Und ich staune, was in den letzten zwei Jahrzehnten in der Kommunikation alles möglich geworden ist. Und die ganzen Infos sind erstaunlicherweise meist gratis oder zumindest sehr kostengünstig zu bekommen. Dazu kommen noch die breiten Gestaltungsmöglichkeiten in Wort, Bild und Ton.

Seniorweb ist gemessen am ganzen Internet wohl ein kleiner Fisch, für mich wars allerdings ein wichtiger. Wüsste ich eine bessere Plattform, so hätte ich sie gewechselt. Nicht wegen persönlicher schlechter Erfahrungen, sondern wegen der vielen Motzer, die heute und immer wieder die Diskussionfelder belagern. Man möchte doch, wenigstens gegen aussen, stolz sein auf das Produkt, an welchem man mitarbeitet. Verbesserungen darf man ja auch heute vorschlagen.

Ich war schon beim letzen Relaunch dabei und erinnere mich an ähnliche Diskussionen. Auf das vorausgesagte Datum funktionierte Vieles nicht. Und es wurde auch damals der Untergang der Webseite vorausgesagt. Die Software für das Eingeben von Artikeln und Bildern aber, die wurde von Mal zu Mal vereinfacht.

Immerhin sind die Motzer zwar seit Monaten aber immer noch am chiflen, über Dinge, von denen die meisten Leser gar nichts wissen,  aber sie sind doch, wie ich, auch immer noch dabei. Und Einzelne haben sich zwar verabschiedet, kommen jetzt zurück und publizieren wieder. Das finde ich gut.

Da in obiger Definition jene, die hier noch schreiben, als Motzer bezeichnet werden, dann erkläre man uns doch bitte, was es Positives seit etlichen Wochen für die User an dieser neuen Webseite gibt. Einiges Weniges.... aber die Anwendung auch dieses Positiven (durch Mitglieder Gebasteltes) ist immer noch sehr mühsam und chaotisch.

Selber testen, um es zu erfahren un d nicht nur dort anklagen, wo gewöhnliche User gar nicht in die Kolumnen als "Autotren"  schreiben dürfen, wenn ich das richtig verstehe. Oder ist SW nur für die sog. Teppich-Etage da und interessant?

Liebe Etna, hier in den Kommentaren, können du und ich völlig gleichberechtigt unsere Meinung schreiben. Ich gehöre nicht zur Teppich-Etage, komme mir eher vor wie ein Velo- oder besser Internetkurier, der Institutionen und Menschen anbaggert, um Informationen, Unterlagen oder Gespräche bittet, nach Bildern sucht, usw., und die Menschen überzeugen will, dass es gut ist, über ein Thema auf Seniorweb zu berichten. Um einen möglichst spannenden Artikel zu schreiben, klar, spannend aus meiner Sicht. Die Kommentare sind sozusagen der Treibstoff, sie können beflügeln.

Wie ich gehört habe, ist es heute sehr schwierig, Leute für die sogenannte "Teppich-Etage" zu finden. Wer will schon und aus welchem Grund so viel Zeit für eine eher undankbare Gratis-Arbeit aufwenden? 

Nach Oben