28.12.2017 - Andreas Iten

Die Fabel vom Esel „Nichtmitmir“

Difficile est satiram non scribere und des Esels Rat

Der grosse römische Satiriker Juvenal (um 60-140 n. Chr.) meinte, die Situation seiner Zeit betrachtend, es sei schwierig, darauf keine Satire zu schreiben. Er wies auf Missstände hin und schrieb: „Jede Sünde trägt um so bedeutendere Schuld in sich, je grösser das Ansehen des Sünders ist.“ Dieser Aphorismus gilt auch heute noch. Das müssten sich hochgestellte Persönlichkeiten eigentlich merken. Von hoch oben fällt man tiefer. Im eidgenössischen Parlament stürzte Nationalrat Yannik Buttet aus dem hohen Amt ab. Er hatte freilich schon im idyllischen Wallis seine Affären. Im Parlament klagten sechs Frauen, die ihre Namen nicht bekanntgeben wollten, sie seien von ihm auch sexuell belästigt worden. Die Verwaltungsdelegation des Bundes bemühte sich hierauf, den Parlamentariern die Unterschiede zwischen Flirt und Belästigung zu erklären. Das allein wäre schon eine Satire wert.

Am Nullpunkt vor dieser Erklärung angelangt, hätte es stattdessen genügt, auf den alten Adolph Friedrich von Knigge und sein Werk hinzuweisen. Im Kapitel „Über den Umgang mit Frauen“ rät er den Männern, wie sie sich verhalten sollten. Von Frauen könne man Sitte und Anstand lernen. „Nichts ist so geschickt, die letzte Hand an die Bildung des Jünglings zu legen, als der Umgang mit tugendhaften und gesitteten Frauen.“ Man darf doch annehmen, dass es im Parlament nur solche Frauen gibt, und da hätten die Männer beste Gelegenheit, die letzte Hand an ihre Bildung, Herzensbildung ist gemeint, zu legen. Sprechen gewisse Männer darauf nicht an, täten die Frauen gut, sich zu verhalten wie der Esel in der folgenden Geschichte.

Einige Tage vor Weihnachten trat ich ins Büro eines mir bekannten und geschätzten Anwalts. Ich wünschte ihm frohe Weihnachten und zugleich einen guten Start ins neue Jahr. Der Rechtsanwalt ist Kunstliebhaber. Die Wände seines Büros sind mit Bildern von modernen Künstlern sehr kunstvoll ausgestattet. Vor ihm auf dem Pult stand eine kleine, etwa dreissig Zentimeter lange und zwanzig Zentimeter hohe Eisenplastik, ein Esel. Er ist ein wenig den Werken Alberto Giacomettis nachempfunden. Er stammt von einer Innerschweizer Künstlerin. Ich beschaute den Esel etwas genauer. Mit dem rechten hinteren Bein schlägt er aus. Seinen Kopf mit aufgestellten Ohren senkt er nach unten, so, als ob er angreifen wollte. Jedenfalls macht der Esel einen trotzigen Eindruck. „Nichtmitmir“ heisse die Plastik, sagte der Anwalt. „Nicht-mit-mir“ spottete ich und meinte, so werde er nie „MeToo“ plärren müssen. Wir lachten beide. Vielleicht ist dieser Spott schon ein wenig Sexismus. Sollte sich jemand von ihm betroffen fühlen, entschuldige ich mich.

Eine frühere Sekretärin eines CEO, die manchmal auch mit den Männern des Betriebs zu tun hatte, erzählte mir, dass ein Mitglied des Kaders sich vor Jahren erlaubt habe, ihr die Hand in die Bluse zu stecken. Frech und unerwartet! Die junge Frau war erschrocken und etwas verängstigt. Nach einer kurzen Pause sagte sie dem Mann mit seinen wässerigen Schlitzaugen, sie nehme an, dass dies etwas sei, das sie ihrem Chef mitteilen müsse. Der „starke“ Mann wurde kreideweiss im Gesicht. Liess sofort ab und stellte sich als kleiner, schmaler Feigling vor sie hin: „Fröuli, bitte tun Sie dies nicht!“ Dann ging er wie ein nasser Pudel aus dem Büro. Diese junge Frau tat dem Esel „Nichtmitmir“ alle Ehre an. Und so könnte dieses „Nicht-mit-mir“ wie der weise Sinnspruch einer Fabel im neuen Jahr reinigend wirken.

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