12.01.2018 - Fritz Vollenweider

Die Kinder des Olymp

Haben die beiden Frauen in «Burn Baby Burn» so etwas wie den Olymp auf die verwüstete Erde von heute herunter geholt? (DAS THEATER an der Effingerstrasse, Bern.)

Mit Gerümpel überstellt ist die verlassene Tankstelle; im Hintergrund eine Hüttenruine. Gar nichts von olympischer Schönheit, von Sinn und Dramaturgie konventioneller, vorgespielter Gottähnlichkeit. Die Tristesse der Gegenwart holt alles ein: Orte, Menschen, Handlungen. «Auch wenn wir auf der Erde liegen, wir können den Himmel sehn…» - das Zitat aus einem im letzten Jahrhundert miterlebten Bühnenstück fällt mir ein. Und tatsächlich: Die beiden Frauen, die sich am nichtgemeinten Ort der einsamen Tankstelle treffen, sie liegen zum Teil nicht nur im übertragenen Sinn am Boden. Sie sprechen dennoch vom Leuchten der Sterne. Auch von der blauen Droge, die uns in den Himmel fliegen und dort in einem unendlich schönen Traum schweben lässt. Doch er lacht nicht, der Clown…

Die Sehnsucht, die Gewalt, die Begegnung – sie umkreisen das Thema des Stücks. Es ist die Sprache als Ausdruck, die Rede als Form, die nach dem Dialog verlangen, die dennoch, vor allem zu Beginn, das aneinander vorbeireden fast zelebrieren. Viele Worte – die zeitgemässe Form des Unverständnisses oder der Verständnislosigkeit! Obschon der Ort des Aufeinandertreffens, dieser unaufgeräumte Tankstellenvorplatz, dem Gesprächsinhalt die Richtung weist, schwingt da viel Suche, viel Ersehntes, Unausgesprochenes, Unverstandenes mit, das im geheimen Inneren der beiden ungleichen Frauen und nicht in den Blechkanistern, Markierkegeln und der ausrangierten rostigen Zapfsäule begründet liegt.

Das im Programmheft enthaltene Interview Christiane Wagners mit der 1974 geborenen Autorin Carine Lacroix enthält deren Satz: «Burn Baby Burn wurde aus dem Bühnenbild und der Atmosphäre geboren…» Von Beginn der Aufführung an wird man daran erinnert, und die Aussage der Autorin leuchtet ein. Das Bühnenbild von Peter Aeschbacher, zusammen mit den Kostümen von Sarah Bachmann, wird als optische Komponente der gesamten Inszenierung zu einer Art Mitspieler im Stück. Regisseurin Petra Schönwald hat mit viel Gespür für das hinter der Brillanz und der Dialektik der Dialoge liegende Scheue, Suchende, Träumende, Sehnsüchtige und vor allem die Präsenz der beiden gegensätzlichen Frauen und ihren Weg, ihre Situation gestaltet. Hat sie damit nicht gerade beispielshaft vor Augen geführt, was man als Verlorenheit der heutigen Generationen, vor allem der jüngeren, bezeichnen könnte? Das verlorene Paradies von heutigen Kindern des Olymps? Nicht Säkularisierung oder Profanisierung, sondern einfach das Gefühl, ein vergangenes und andersartiges Leben mit seinen Freuden und Nöten irgendwie verloren zu haben?

Man höre nicht nur der angriffigen, immer neu mit Fragen bohrenden und gefürchtete Verletzungen abweisenden Erla (Julia Sewing) zu, sondern auch der viel härter die verbalen Avancen ihrer Gegenspielerin wie an einer unsichtbaren Panzermauer abprallen lassenden Violette (Eva-Maria Weingärtler). Schon die teils witzigen, teils verschlagenen Dialoge an sich wirken spannend und immer wieder auch belustigend. Ein Feuerwerk von gegenseitigem Abtasten und Abweisen! In sparsamen Gebärden und Bewegungen äussert sich dann manches Weiche, Scheue, Zuwendende, das in der Rede bewusst oder unbewusst verborgen wird. Issa der Pizzabote (Aaron Frederik Defant), gerät unvorbereitet und hilflos in die Situation zwischen den beiden Frauen. Er sieht sich, buchstäblich wie im übertragenen Sinne, gefesselt und weiss nicht so recht, was tun. Was folgerichtig dazu führt, dass er das Falsche tut. Damit macht er – höchst unfreiwillig und fatal – den Weg zur echten Begegnung der beiden Frauen frei, zur Überwindung des inneren Müllhaufens, trotz der bis zuletzt unaufgeräumten Tankstelle. Und das zeigt zum Schluss: Eine echte Begegnung verläuft «einfach geradeaus». – Einfach? Geradeaus? Das auf Anhieb nicht allzu einfache Stück der Carine Lacroix, ins Deutsche übersetzt von Gerda Gensberger, von Petra Schönwald zur Schweizer Erstaufführung gebracht, zeigt wie viel Brüche und Trümmer es wegzuräumen gibt, bis eine Begegnung «einfach geradeaus» verlaufen kann. Das verleiht diesem auf die Bühne gebrachte Abbild der Menschen in heutigen Zeiten nicht nur unterhaltende Spannung, sondern auch eine nachdenklich stimmende Tiefe.

Tankstell Burn Baby BurnJulia Sewing, Aaron Frederik Defant, Eva-Maria Weingärtler. Bild © Severin Nowacki

Aufführungen bis 9. Februar 2018.

Informationen: DAS THEATER an der Effingerstrasse

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