24.11.2018 - Linus Baur

Dreifache Bescherung

«Schöne Bescherung» - so lautet der Titel der diesjährigen Weihnachtsserie der Redaktion. Ob ironisch oder ernst gemeint, «beschert» werden wir immer wieder, mal freudig, mal ärgerlich.

Was sagte der Kraftkerl Samson aus dem Alten Testament, nachdem er seine Stärke verloren hatte? «Das ist ja eine schöne Bescherung!» Das Wortspiel mag erlaubt sein, weil es uns an die Ursprünge des Stossseufzers wie der Weihnachtsgaben erinnert. Samson verlor ja seine Kraft, weil ihm Delila die Haare abgeschnitten hatte.

«Bescheren» geht also auf alte Worte zurück, die eine Zuteilung durch Abschneiden von etwas bezeichnet. Dabei hat «bescheren» als Schenken noch die Zusatzbedeutung, dass diese Zuteilung von höherer oder höchster, also göttlicher Hand herstammt. Zu Weihnachten und den Geschenken passte die schöne Bescherung besonders, weil man die Gaben als vom Christkind verstand.

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert bürgerte sich dann die ironische Verwendung des Wortes «Bescherung» ein. Der Ton machte dabei die Musik. Wer seufzte «Da haben wir die Bescherung!» oder «Das ist ja eine schöne Bescherung!» hatte sich in seiner Erwartung auf schöne Gaben getäuscht. Schon Goethe schreibt im «Götz von Berlichingen»: «Da verliessen wir uns auf des Kaisers geheime Gunst – nun haben wir die Bescherung».

Von einer solchen Bescherung - und sie hatte sich tatsächlich so zugetragen - soll hier die Rede sein. Es ist eine «schöne Bescherung» im doppelten Sinn. Da wird man festlich beschenkt und muss feststellen, dass man das Geschenkte schon besitzt, und das gleich dreifach. Doch schön der Reihe nach:

Ein runder Geburtstag mit zahlreich geladenen Gästen wird gefeiert. Man wird reichlich beschenkt. Darunter befanden sich auch etliche Bücher. Eine «schöne Bescherung», dachte ich, denn ich liebe Bücher über alles. Und so ist nicht verwunderlich, dass ein Grossteil meines Sackgeldes in den Bücherkauf investiert wird. Der Gang in die Buchhandlung gehört zu meinen liebsten Besorgungen. Und ich verlasse sie nie, ohne ein oder mehrere Bücher gekauft zu haben.

Ein paar Tage vor meinem Geburtstagsfest war wieder so ein Einkaufstag. Bei der Bohne ist es bekanntlich wie bei der Erbse: Sie kommt in der Regel nicht in der Einzahl in Betracht. Ich verliess den Buchladen also mit gleich drei Neuerscheinungen. Eine «schöne Bescherung», die ich mir geleistet habe, sagte ich mir. Und, oh Schreck, eine «schöne Bescherung» gabs auch am Geburtstagsfest beim Öffnen der Geschenke: Just die drei gekauften Neuerscheinungen befanden sich ebenfalls auf dem Gabentisch.

Wie soll ich mich verhalten? Soll ich kundtun, dass ich diese drei Titel soeben gekauft und teils schon gelesen habe? Mitnichten. Und so bedankte ich mich mit «Das ist ja eine schöne Bescherung!». Ob ich dabei leicht geseufzt habe, verrate ich nicht. Gefreut haben mich die geschenkten Bücher alleweil, weil sie haargenau meinen Geschmack getroffen haben. Keine Selbstverständlichkeit, wenn ich auf die vielen geschenkten Bücher in meinem Leben zurückblicke.

Ein altes Sprichwort rät übrigens: «Wenn Bescherung ist, tu den Sack auf und vergiss das Zuknüpfen nicht.» Den Sack habe ich zugeknüpft und die drei Bücher bei nächster Gelegenheit weiterverschenkt. Mir aber bleibt zum Schluss, in vorweihnächtlicher Stimmung, Ihnen allen im Brustton der Überzeugung zu wünschen: «Schöne Bescherung!»

Abonnieren Sie unseren Newsletter seniornews: 
Nach Oben