23.02.2019 - Redaktion Seniorweb

Ehrfurcht vor dem Leben – oder Rassenwahn

Oder wenn der Sohn seinen Vater, einen glühenden Nazi, kennenlernt.

as. Hartmut Arras, 80, Architekt und Stadtplaner, arbeitete von 1968-2004 in Basel als Stadt- und Regionalplaner bei Prognos – Institut für angewandte Wirtschaftsforschung – und später in der von ihm mitgegründeten basellandschaftlichen Stiftung «Syntropie - Stiftung für Zukunftsgestaltung», der er lange Jahre als Präsident vorstand. Bei einem Treffen von Stadtplanern im Mai 2000 erfuhr er auf dem Bodensee eher zufällig Überraschendes zur Geschichte seiner Familie im Dritten Reich. Eine Kollegin berichtete Arras, dass ihr Grossvater, ein Kommunist, 1933 unter Mitwirkung des Grossvaters von Hartmut Arras, ein Ortsgruppenleiter der NSDAP, in ein Konzentrationslager verbracht worden sei.

Hartmut E.  Arras

In einem letzten Gespräch von Hartmut Arras mit seiner Mutter deutete diese Einiges über ihren Mann an. Das löste bei Hartmut Arras ein mehrjähriges Recherchieren in Archiven und Bibliotheken aus. Er konnte erstaunlich viele von seinem Vater verfasste Dokumente auswerten, die ihn als glühenden Nazi-Propagandisten in der Provinz zeigen. Zusätzlich fanden sich im Nachlass seiner Mutter Manuskripte aus seiner Feder sowie aufschlussreiche Feldpostbriefe aus Frankreich und Russland. Die gläubige Hinwendung ihres Mannes zum Nationalsozialismus hatte die Mutter eisern verschwiegen.

In der Biographie über seinen nationalsozialistischen Vater Erwin Arras, der Ende 1942 in Russland fiel, dokumentiert der Sohn Hartmut Arras nun, wie sein Vater zum Propagandisten von Hitlers Rassenwahn wurde – dies obwohl er in seiner Diplomarbeit die Idee der „Ehrfurcht vor dem Leben" des Theologen und Arztes Albert Schweitzer in den Mittelpunkt gestellt hatte. Sein Sohn stellt dar, wie es dazu kam, dass sich sein Vater schon früh zum nationalsozialistischen Gedankengut hingezogen fühlte. Bereits als 17jähriger trat er 1923 dem rechtsradikalen Feldjägerdienst bei, einer streng geheimen und weitgehend unbekannten Organisation der deutschen Reichswehr, in der er zum Freischärler ausgebildet wurde. Deren Rolle wird in dem Buch erstmals breit dargestellt.

Interview von Wolf Südbeck-Baur

Hartmut Arras, in Ihrem Buch über Ihren Vater zeigen Sie, dass er als NS-Presseamtsleiter in der Provinz ein verbaler Überzeugungstäter mit quasi-religiöser Inbrunst war. Er verschrieb sich Hitlers Vernichtung "unwerten Lebens". Wie passt das zu seiner Beschäftigung mit dem Theologen und Arzt Albert Schweitzer?

Hartmut Arras: Ich war erstaunt, dass sich mein Vater in seiner Diplomarbeit 1928 sehr positiv mit Albert Schweitzer auseinandergesetzt hat und begeistert den Grundsatz "Ehrfurcht vor dem Leben" unterstützte. Ich kann mir den erschreckenden Widerspruch zu seiner späteren Propaganda nur so erklären, dass er seine Diplomarbeit rein opportunistisch schrieb, um das Handelslehrerdiplom zu erlangen.

Warum sehen Sie in der Beschäftigung mit Albert Schweitzer eine Schlüsselstelle im Leben Ihres Vaters?

An diesem Punkt hätte er sich entscheiden können: Gehe ich in die Richtung von Schweitzers "Ehrfurcht vor dem Leben" oder in die von Hitlers rassistischer Blut-und-Boden-Ideologie? Er hat sich unbeirrt für Hitler entschieden, für eine Weltanschauung, in der er sich durch die Mitgliedschaft im rechtsradikalen Feldjägerdienst bereits zuhause fühlte.

Über diesen Feldjägerdienst ist bisher so gut wie nichts bekannt. Welche Aufgaben hatte sich diese geheime Organisation auf die Fahne geschrieben?

Der Feldjägerdienst verstand sich als «Partisanentruppe», die nach dem Durchmarsch eines Feindes hinter der Front Verwirrung durch Sabotage stiften sollte, in dem sie Posten, Patrouillen und Kraftfahrzeuge ausschalten. Dafür wurden die freiwilligen Mitglieder unter anderem im Schiessen, Sprengen und Verstecke bauen ausgebildet. Notfalls hätten die Feldjäger auch grausam gegen die eigene Bevölkerung handeln sollen. In einem früher schlesischen, jetzt polnischen Archiv fanden sich Listen des dortigen Feldjägerdienstes mit Namen von Sozialdemokraten, Kommunisten und Polen samt deren Familien, die sie im Kriegsfall liquidieren sollten. Solche Listen gab es wohl reichsweit. Zudem bestand der Befehl, Verräter, Verletzte, zufällige Mitwisser zu erschiessen, um Verrat vorzubeugen. Auch auch mein Vater war offenbar dazu bereit.

Wieso trat der Gymnasiast Erwin Arras im Mai 1923 dem Feldjägerdienst bei?

Der Beitritt des 17-Jährigen zur Gruppe Damm im Raum Darmstadt lässt sich direkt mit der Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen und seine Begeisterung für den Saboteur Leo Schlageter erklären. 1905 geboren, gehörte mein Vater zur Kriegsjugendgeneration des Ersten Weltkriegs. Für die Front zu jung, waren sie alt genug, um sich 1923 für den bewaffneten Widerstand zu begeistern.

Woher diese Begeisterung?

Diese Generation war geprägt durch die Siegespropaganda der Rechten während des Ersten Weltkrieges. Ferner wuchs sie auf in einer gewaltgesättigten Zeit nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches. Mit revolutionären Unruhen begann die von Nationalisten bekämpfte Weimarer Republik. Die sich aus dem sich auflösenden Heer bildenden paramilitärische Freikorps, bekannt als Schwarze Reichswehr, waren eine Reaktion auf den als Demütigung empfundenen Versailler Friedensvertrag, der die Entwaffnung auf ein 100 000-Mann-Heer und hohe Reparationszahlungen festlegte. Zudem litt die Bevölkerung unter Inflation, Arbeitslosigkeit, Hunger und Verarmung. Wollten die Älteren die Monarchie zurück, setzten Jüngere auf eine Diktatur – eine Vision, der auch Erwin Arras verfiel.

Vor welchem Hintergrund entstand der Feldjägerdienst?

Der bewaffnete Widerstand durch Freikorps während der Ruhrbesetzung 1923 hatte sich als wenig wirkungsvoll erwiesen. Deshalb begann die Reichswehr 1924, neben Berufsheer und Grenzschutz, den streng geheimen Feldjägerdienst aufzubauen und übernahm Teile der verbotenen Organisation Escherich – dazu gehörte die Gruppe Damm, die bereits die Reichswehr finanziert hatte.  Der Feldjägerdienst wurde reichsweit aufgebaut, geplant war eine Stärke von 28`000 Mann, die aber nicht erreicht wurde.

Demnach haben Teile der regierenden Sozialdemokratie in der Weimarer Republik mit dem Militär kooperiert?

1919 stimmte die sozialdemokratisch geführte Reichsregierung – unter ihnen Reichswehrminister Noske – angesichts bedrohlicher Aufstände mit den republikfeindlichen Militärs in der Ablehnung von Bolschewismus und Revolution überein. Sie setzten rechtsnationale Freikorps zum Niederschlagen ultra-linker Republikfeinde ein. Zwar hatte man der Entwaffnung Deutschlands im Versailler Vertrag formal zugestimmt, aber schon 1919 vereinbarte die Reichsregierung mit der Reichswehr – hinter der parlamentarischen Fassade – einen geheimen Wehrkonsens. Bis 1923 sah man in den Freikorps, die Waffen versteckt hielten, eine milizartige Reserve des reduzierten Berufsheeres. Die Abrüstung auf 100 000 Mann war nur vorgetäuscht, tatsächlich rüstete das Militär schon ab 1919, durch Schattenetats finanziert, systematisch auf. Hitler stand 1939 beim Überfall auf Polen eine Reichswehr genau in der Stärke zur Verfügung, die 1921 geplant worden war.  

Welche Rolle spielten der Feldjägerdienst und seine Hintermänner beim politischen Aufstieg des Nationalsozialismus?

Der Feldjägerdienst trug nicht direkt zum Aufstieg des Nationalsozialismus bei. Aber in seinen Reihen finden sich Männer, die in der NSDAP später blutige Karrieren gemacht haben. In sechs Jahre Feldjägerdienst wurde mein Vater nicht nur zum Freischärler ausgebildet, die rechtsradikale Umgebung hat ihn auch ideologisch sozialisiert. Im Dezember 1928 wurde der Feldjägerdienst auf Befehl des Wehrministers aufgelöst, weil er aufzufliegen drohte und der Nutzen nicht mehr überzeugte, die Akten wurden vernichtet. Auslöser war die Aussage der besorgten Frau eines Feldjägers über geheimnisvolle Manöver, die dem demokratisch gesinnten Regierungspräsident in Kassel  überbracht wurde, der davon empört, den sozialdemokratischen Innenminister Preußens informierte und dieser dann Reichskanzler Müller.    

Wie verknüpfte der NS-Propagandist Erwin Arras das Religiöse mit dem Völkischen, wenn doch die jüdisch-christliche Tradition alle Menschen als gleich ansieht?

Mein Vater sah die nationalsozialistische Partei als »sittliche, im tiefsten Sinn religiöse Bewegung« an, ähnlich wie sie Hitler in "Mein Kampf" beschrieben hatte. In einer Schrift, die er im Mai 1942 an der russischen Front verfasste, erklärte er Gott für tot, getreten von »Gottesverkäufern«, »hineingepfercht in Kirchen«. Erst im »nationalsozialistischen Glauben« komme Gott wieder zur Auferstehung.

Das Volk Gottes schrumpft auf ein Grüppchen nationalsozialistischer Deutscher?

Ja, zur Ausschaltung »übervölkischer Einflüsse« gehörte es, dass sich der Einzelne »völkischen Lebensgesetzen« beugen und ein »Züchtungsbewusstsein« entwickeln sollte. Außerdem rief er zur Vernichtung des jüdischen Volkes auf, das sein »Gastrecht« missbrauche. Durch »Zuchtwahl« und »Zuchtwillen« lege ein Volk Zeugnis ab von seiner Ehrfurcht vor dem Leben. Das Recht auf Lebensbejahung habe allein der »deutsche« Mensch. Davon leitete er das »sittliche Recht« des Führers ab, »unwertes Leben« zu beenden. Sein Resümee: Der »germanische Mensch« brauche keine religiösen Gesetze, Neues werde durch "Brauchtum und Sitte" aufgebaut.

Wie beurteilen Sie vor dem Hintergrund dieser auf Dokumenten und historischen Quellen gestützten Spurensuche das Erstarken nationalistischer Parteien wie der AfD?

Im Unterschied zu heute wurde Gewalt während der Weimarer Republik und noch mehr im Dritten Reich unverhohlen ausgesprochen, angedroht und eingesetzt. Der Staat nahm nach 1918 sein Gewaltmonopol nicht wirksam wahr, umso brutaler wurde es von 1933 bis 1945 missbraucht. Kritik wurde unterdrückt und verfolgt. Darin sehe ich einen wichtigen Unterschied zu heute. Wenn jetzt nationalistische Gruppen oder Parteien versuchen, verbal gesetzliche oder moralische Grenzen zu überschreiten oder gar nach dem Vorbild von Schlägertrupps der SA zu terrorisieren, reagiert der Rechtsstaat über Gesetze und durch Ordnungskräfte, zudem meldet sich die Zivilgesellschaft. Das fehlte in den 1920er Jahren, ein Aufstehen einer breit gestützten Zivilgesellschaft gegen nationalistische Aktionen und Parteien gab es nicht. Die jetzige Demokratie beobachtet und reagiert dagegen wachsam und verfügt über robuste Instrumente, die rechtsradikale Kräfte begrenzen und zurückbinden können. Insofern bin ich optimistisch, dass solche Parteien nicht die Oberhand gewinnen. Allerdings ängstigt das Driften einiger europäischer Demokratien in Richtung populistischer Regimes.

Sehen Sie Parallelen zwischen der Propaganda der Nazis und den Argumentationsmustern rechtsnationaler Gruppen heute?

Es gibt Vergleichbares: „Volksidentität“, „Umvolkung“, „Überfremdung“ sind Begriffe, die wieder auftauchen. Die Existenz von wehrsportartigen Gruppen – uniformiert, hierarchisch, heroisch –, die heute bei rechtsnationalen Demos aufscheinen, ist eine weitere Parallele. Ebenso die Unterstützung der neuen Rechten durch Teile des Grosskapitals, das nicht nur die AfD finanziell fördert. Das ist erschreckend.

Und inwiefern unterscheidet sich die rechte Propaganda heute gegenüber damals?

Ein wesentlicher Unterschied ist, dass die Propaganda der NSDAP nur im Geheimen kritisiert werden konnte und sie von der breiten Öffentlichkeit im Gegensatz zu heute nicht abgelehnt wurde. Heute haben wir kritische Medien, im Dritten Reich waren sie ein unterdrücktes Randphänomen. Heute erreicht investigativer Journalismus die Öffentlichkeit und löst Handeln aus, damals gab es das höchstens im Untergrund. Heute schafft dieser Journalismus Transparenz, das dämmt die Wirkung rechtsradikaler Propaganda ein. Und schließlich fehlt heute die frühere Begeisterung für Uniformen und Militarismus.

Am Schluss des Buches schreiben Sie, dass die Gesinnung Ihres Vaters erschreckend und unerträglich ist und bleibt. Sie sprechen von «persönlicher Trauer gepaart mit Zorn über seine selbst gesteuerte Fehlleitung der ihm gegebenen Talente»….

Ja, das sind meine Gefühle, er war gebildet und intelligent – und verfiel dennoch freiwillig dem Glauben an Hitler. Wer aber fragt, wie hätte ich mich in den 20er und 30 Jahren verhalten, stellt die falsche Frage, eröffnet sie doch die Möglichkeit zur Nachsicht. Die Frage lautet vielmehr: Wie würde ich mit meinen heutigen Werten und aktuellem Wissen um die Verbrechen des Nationalsozialismus reagieren? Auch mein Vater handelte auf der Grundlage von Werten und Wissen. So fragend, komme ich zur klaren Antwort: Nein, ich habe für seine Gesinnung kein Verständnis.  

Hartmut E. Arras, Vom Freischärler zum Propagandisten des Nationalsozialismus. Mein Vater Erwin Arras (1905-1942), Donat Verlag, Bremen 2018

Mit freundlicher Abdruckerlaubnis des aufbruch. In der unabhängigen Zeitschrift für Religion und Gesellschaft ist das Gespräch in einer kürzeren Version am 30. Januar 2019 erschienen. www.aufbruch.ch

 

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