21.02.2019 - Ruth Vuilleumier

Ein Jubiläum im Doppelpack

 Wenn zwei Grosse wie Alfred Escher und Gottfried Keller 200jährig werden, muss man sie feiern. Ihre Spuren fordern zur Auseinandersetzung heraus.

Dies haben sich die Organisatoren der Jubiläumsveranstaltungen zum Ziel gesetzt. Zur Koordination gründeten sie mit der Alfred Escher-Stiftung, der Gottfried Keller-Gesellschaft und der Universität Zürich den Verein 200 Jahre Alfred Escher & Gottfried Keller.

Alfred Escher um 1849 als Nationalratspräsident.

Alfred Escher (20.2.1819-6.12.1882) entstammte einer alten, einflussreichen Familie, die in Zürich in Ungnade gefallen war. Er wuchs ab 1831 im Belvoir in der Enge auf. Nach dem Jus Studium wandte er sich 26jährig der Politik zu und erlebte einen rasanten Aufstieg. Vom Staatsschreiber zum Grossrat, Tagsatzungsgesandter, Regierungsrat und 1848 Nationalrat und Nationalratspräsident. Sein Aktivismus, der ihn schon im Gymnasium auszeichnete, trieb ihn lebenslang an, obwohl er immer wieder unter lebensbedrohlichen Krankheiten litt.

Baustelle am Gotthard Nordportal, 1875

Eschers weitläufige Kontakte zeigten ihm, dass die junge Schweiz ein Eisenbahnnetz brauchte, um den Anschluss ans Ausland nicht zu verlieren. 1853 gehörte er zu den Gründern der Schweizerischen Nordostbahn (NOB) und 1863 stand er dem Gotthard-Tunnelbau-Projekt vor. Um die für den Eisenbahnbau benötigten grossen Finanzmittel unabhängig vom ausländischen Einfluss zu organisieren, gründete Escher mit Gleichgesinnten 1856 die Schweizerische Kreditanstalt (heute Credit Suisse), 1857 die Lebensversicherungs- und Rentenanstalt (heute Swiss Life).

Alfred Escher um 1875, Foto: ETH

Mit dem Erfolg der Eisenbahn brauchte es auch Fachkräfte. Escher gehörte zu den Mitbegründern des Eidgenössischen Polytechnikums (heute ETH), um den technisch-industriellen Anforderungen nachzukommen. 1854 bis zu seinem Lebensende begleitete er das Poly als Vizepräsident.

Wegen der Häufung politischer Ämter, verknüpft mit wirtschaftlichen Funktionen, wurde sein machtvolles „System Escher“ kritisiert. Die nachfolgende jüngere Generation forderte mehr Mitspracherecht und Demokratie. Escher wurde stärker zurückgebunden. Zum Gotthardtunneldurchstich 1880 lud man ihn nicht ein, dafür zur feierlichen Eröffnung 1882. Doch dann war er bereits zu krank und starb noch im gleichen Jahr. Sieben Jahre später enthüllte man das Escher-Denkmal am Hauptbahnhof.

 

Skizze von Salomon Hegi, Gottfried Keller in München 1841

Was verbindet nun Alfred Escher mit Gottfried Keller ausser dem gleichen Geburtsjahr. Gottfried Keller (19. Juli 1819 -15. Juli 1890) wuchs mit seiner Schwester in Obhut seiner alleinerziehenden Mutter auf, denn der Vater war früh verstorben. Wegen eines Schuljungenstreichs wurde der 15jährige von der Schule ausgeschlossen. So absolvierte er eine Lehre als Vedutenmaler und erhielt Privatunterricht im Aquarellieren. 1840 übersiedelte er zum Kunststudium nach München, kehrte aber zwei Jahre später nach Zürich zurück. Hier politisierte er und pflegte Kontakte zur deutschen Emigrantenszene. 1848-50 hielt er sich zu Studienzwecken in Heidelberg auf, wofür die Stadt ihm dank Eschers Einfluss ein Stipendium gewährte. Danach verbrachte er fünf Jahre in Berlin. In dieser Zeit schrieb er den autobiografisch geprägten Bildungsroman der Grüne Heinrich und arbeitete an verschiedenen Novellenzyklen.

Gottfried Keller, Heroische Landschaft, 1841-1842, Zentralbibliothek Zürich

Wieder in Zürich beteiligte er sich an der demokratischen Opposition, lernte u.a. Richard Wagner und Gottfried Semper kennen. 1861 wurde er mit Unterstützung von Alfred Escher Erster Staatsscheiber, auch war er stets ein gern gesehener Gast im Hause Escher im Belvoir und verstand sich mit dessen Tochter Lydia gut. Nach dem Rücktritt als Staatsschreiber (1876) arbeitete er als freier Schriftsteller. Zur Abrundung seines Schaffens publizierte er die zehnbändige Ausgabe seiner Gesammelten Werke (1889).

Karl Stauffer-Bern, Porträt Gottfried Keller, 1886, Kunsthaus Zürich

Auch wenn Gottfried Keller zeitweise in Opposition zum „Escher-System“ aufgetreten war, profitierte er letztlich doch direkt von dessen „Machtsystem“. Und wenn auch heute wieder einzelne Kritiker Alfred Escher am liebsten vom Sockel herunterholen möchten, braucht es in orientierungslosen Zeiten mitunter aussergewöhnliche Menschen mit grossen Visionen, die sie vehement durchsetzen. Solche Menschen entsprechen nicht dem Mittelmass und sind in der Schweiz wenig beliebt. Escher wurde schon zu Lebzeiten dafür abgestraft. Trotzdem vermachte Lydia Escher 1890 ihr Vermögen der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Die Stiftung benannte sie nach dem väterlichen Freund Gottfried-Keller-Stiftung. In einer Ausstellung im Landesmuseum ist ein Teil dieser beeindruckenden Kunstsammlung zu sehen.

 

Denkmal Alfred Escher von 1889. Foto: ©Ruth Vuilleumier

Das Jubiläumsprogramm ist auffallend stark auf Gottfried Keller fokussiert mit der Ringvorlesung der Universität Zürich und der Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof. Doch immerhin gedenkt die ETH ihres Gründervaters mit einem Alfred-Escher-Preis für junge Innovatorinnen und Innovatoren. Vielleicht passt eine solche „Investition in die Zukunft“ auch ganz gut zu Escher, diesem Macher und Tatmensch, der die Schweiz in die Moderne geführt hat. Ein Musical Escher zu Ehren, das bereits fixfertig vorlag, wurde in letzter Minute vom Kantonsrat aus dem Programm gestrichen. Dabei wäre es eine Chance gewesen, auf niederschwellige Art diesen Pionier einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Dann würde der eine oder andere vielleicht einmal vor dem Escher-Brunnen kurz innehalten und dem einsamen Mann hoch auf dem Sockel zunicken.

 

Zur Ausstellung im Landesmuseum, siehe Beitrag von Eva Caflisch hier

Unter www.spurenderzukunft.ch findet man Informationen zum Jubiläumsjahr 2019

  

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