16.09.2016 - Gastautor

Ein Lächeln ist die kürzeste Distanz zwischen zwei Menschen

Mit Validation können wir demenzkranken Menschen einfühlsam begegnen. Eine Recherche mit Praxisbezug

Von Doris Knecht 

Validation mutet an wie Zauberei, hat jedoch nichts damit am Hut. Hut ist ein gutes Stichwort für den Einstieg zu diesem Text, denn ich setze mir in jedem Moment einen passenden Hut auf. Nun der Reihe nach. Für mich ist Validation nicht nur eine Kommunikations-Methode, die vor allem von der amerikanischen Gerontologin Naomi Feil entwickelt wurde. Nein, für mich heißt Validation, mich auf die innere Melodie meines Gegenübers einzustimmen und eine angemessene Tonlage zu finden, die die Person in ihren Vorhaben und in ihrer Identität unterstützt. Ich versuche, das Ich des Gegenübers in mir abzubilden. Ich habe Achtung und Respekt vor dem gelebten Leben, das mir in jeder Phase der Demenz begegnet. Es geht darum, dies in die Betreuung einzubeziehen und dem in jeder Situation Rechnung zu tragen

Wenn es schwierig für Begleitpersonen wird, das veränderte Verhalten des an Demenz erkrankten Gegenübers anzunehmen, was auch Fachpersonen keineswegs immer gelingt, dann begründe ich dieses Verhalten gerne mit folgendem Vergleich: Von einem Tetraplegiker verlangt oder erwartet niemand, dass er den Rollstuhl verlässt und den Berg hinaufkraxelt. Von Demenzkranken wird jedoch oft eine solche Leistung gefordert. Er soll Höchstleistungen erbringen, zu denen er durch seine Hirnleistungsstörung gar nicht mehr in der Lage ist. An Demenzkranke wird oft - zu oft - eine Erwartung gestellt, deren Erfüllung die Krankheit gar nicht zulässt. Demenzerkrankungen verhindern genau dieses zielgerichtete Initiieren von Handlungen und Verhalten. Oft sind nämlich die exekutiven oder höheren mentalen und kognitiven Funktionen - also das Planen - was so ein Verhalten voraussetzt, nicht mehr möglich. Die Hirnleistungsstörung verhindert oft, jedoch nicht permanent, eine passend zur Situation reale Reaktion. Passt eine stereotype Antwort zufällig auf meine Frage, heißt das nicht zwingend, dass mein Gegenüber verstanden hat, worum es geht. Diese Ambivalenz ist, was das Verständnis für diese Krankheit so schwierig macht. Es kommen Reaktionen von Angehörigen wie: „Aber eben hat er doch eine Antwort gegeben, wie eh und je, ich dachte, die Krankheit sei verschwunden“. Warum gestaltet es sich so schwierig, Symptome dieser Krankheit zu verstehen und sich als Angehöriger darauf einzustellen?

Mehr Einsicht für Angehörige durch Diagnose

Bevor es zur Diagnosestellung kommt, haben Betroffene und Angehörige sehr oft eine längere Leidensgeschichte hinter sich. Die Demenzkranken beharren - bereits krankheitsbedingt - auf ihrer Sichtweise. Oft kommt es zu kontroversen Auseinandersetzungen, bei denen Angehörige nicht verstehen, was los ist, warum sich die Person plötzlich so stur und eigensinnig verhält. Eine Diagnose zu haben und wissen, dass es sich um eine Krankheit handelt, kann vor allem Angehörige erstmals entlasten. In der engen Zusammenarbeit mit den Angehörigen – das bringen und abholen der Klienten führte oft zu langen Gesprächen, oft blieben sie auch einfach sitzen - habe ich immer wieder erfahren, dass für viele diese Ungewissheit das grösste Problem ist, weil sie nie wissen, woran sie sind. Dem demenzkranken Menschen wird sogar oft unterstellt (nicht böswillig, eher aus Hilflosigkeit) dass er sich gezielt dagegen stellt. Die Angehörigen erleben das Verhalten als gegen sie gerichtet, und es ist oft ein langwieriger Prozess, den sie zu durchlaufen haben, bevor sie zur Erkenntnis kommen können, dass ihre Erwartungen nicht mehr konform sind mit der kognitiven Ausstattung ihres Gegenübers. Genau diese Zweideutigkeit, das erforschte auch die amerikanische Psychologin Pauline Boss,belastet Angehörige unheimlich und ist schwer zu verstehen. Nie genau zu wissen, in welcher Lage sich der Demenzkranke befindet, ist sehr belastend. Er ist physisch anwesend und mental in seiner eigenen Geschichte verhaftet, das heisst, oft für Angehörige nicht versteh- oder greifbar.

Nun, wie kam es dazu, dass ich mich auf die Betreuung von demenzkranken Menschen gezielt spezialisierte oder ganz allgemein, auf Menschen, die an einer Hirnleistungsstörung leiden oder auf sprachkranke Menschen?

Demenzkranke Menschen hatten keine Lobby

Während meines Praktikums in einem Pflegezentrum kurz nach der Jahrtausendwende fiel mir auf, dass demenzkranke Menschen noch immer keine Lobby hatten. Es gab zu wenig Aufmerksamkeit und Sensibilität für die Notwendigkeit einer psychologischen Betreuung. Klienten, die sich nicht artikulieren konnten, wurde wenig Beachtung geschenkt. Klienten hingegen, die sich lautstark äusserten, erhielten viel Aufmerksamkeit. Dies alles eher aus Unkenntnis aus psychologischer Sicht als willentlich. Während meiner Ausbildung zur Sozialbegleiterin gehörte Kommunikation zum Schwerpunktthema. Mit der Klienten-zentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers konnte ich schon einiges erreichen, meine Erfahrungen zeigten jedoch rasch, dass diese Technik nicht ausreicht und im Anfangsstadium einer Demenz eher kontraproduktiv war.

Die Theorien von Tom Kitwood, die ebenfalls auf dem Konzept von Carl Rogers basieren, beeindruckten mich. Tom Kitwood hat die Rogers-Kommunikationsform den verbalen und averbalen Anforderungen von Menschen mit einer Demenzerkrankung angepasst. Diese Art der Kommunikation haben wir im Tages- und Nachtzentrum als therapeutisches Instrument bei der Kontaktaufnahme angewendet, bei der Beschäftigung, beim Tischgespräch, in der Kaffeerunde und bei jeder Begegnung. Kitwoods Beobachtungen kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Er sagt, dass die Reaktion von demenzkranken Menschen mit den bewussten Aussagen und den unbewussten Botschaften zusammenhängen, die Betreuende verbal oder nonverbal durch Körpersprache übermitteln. Ich habe erfahren, dass mir eine demenzkranke Frau einzig durch ihre Wahrnehmung meiner averbalen Botschaften - ohne Augenkontakt - genauestens wiedergeben konnte, wie ich mich fühlte. Solche treffenden Aussagen erlebte ich mehrere, und jedes Mal traf die Beobachtung zu. Dies spornte meinen Forschungstrieb an, und ich machte eigene Experimente mit dem Ziel, das Wohlbefinden der demenzkranken Menschen zu erhöhen, ihre Identität und ihr Ich zu stärken.

Unterstützung durch Fachwissen – theoretische Kenntnisse

Die theoretischen Kenntnisse habe ich an unterschiedlichen Weiterbildungen, Workshops und Seminaren im In- und Ausland erweitert. Validation nach Naomi Feil, integrative Validation nach Nicole Richard und ebenso Tom Kitwood beeinflussten meine Haltung und Kommunikation. Auch der Religionsphilosoph Martin Buber hinterliess Spuren bei meiner Art der Beziehungsgestaltung. Und durch die prä-therapeutischen Ansätze des amerikanischen Psychologen Garry Prouty liess ich mich bei der Kommunikation mit schwer kontaktbeeinträchtigten demenzkranken Menschen inspirieren. Das zeigt deutlich, wie komplex sich die Validation gestaltet, wenn man sie nicht nur als absolute Technik versteht, sondern als Grundlage der Kommunikation, darauf aufbaut und weitere Elemente einbaut.

Martin Buber sagt mit Recht: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Dies hat seine Gültigkeit für uns alle, jedoch ganz besonders für demenzkranke Menschen. Mit ihnen in Beziehung zu treten kann ein Blick, ein Augenzwinkern, ein Lächeln oder eine Gestik oder mimischen Ursprungs sein.

Lesen Sie hier den vollständigen Beitrag von Doris Knecht: Validieren - Sprache des Herzens.pdf 

Links:
Alzheimer-Vereinigung
Pflegezentrum Baden
Kompetenzzentrum Sonnweid    

Bereits erschienen:
Marianne Pletscher: "Noch bin ich gesund!"
Marion Schaffner: "Du kannst nur noch eins für mich tun"
Marianne Pletscher: Begegnung mit der Validationszauberin

Abonnieren Sie unseren Newsletter seniornews: 
Nach Oben