07.02.2019 - Eva Caflisch

Ein Wunderkind aus Spanien wird Picasso

Die Fondation Beyeler zeigt den jungen Picasso in einer Ausnahmeausstellung und präsentiert im ganzen Haus nichts als Picasso.

Pablo Ruiz Picasso (1881 bis 1973), ein genialer junger Maler setzt sich mit kühnem Gestus als Selbstporträt 1901 in Szene. Ein ausdrucksstarkes, den Betrachter forderndes Selbstbild. Er nennt es Yo Picasso. Damit kündigt er an, seine Malerei nicht mehr mit seinem ererbten Namen zu firmieren, sondern ganz schlicht und einfach mit Picasso. So kann das gemalte Selfie, dem noch viele sehr unterschiedliche folgen werden, als Initiationsmoment des wohl grössten Malers des 20. Jahrhundert – eben: Picasso – bezeichnet werden.

Yo, Picasso, 1901. Privatsammlung © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich

Die Fondation Beyeler zeigt hiermit den spektakulären Höhepunkt ihrer ganzen Geschichte von ambitionierten Ausstellungsprojekten, eine unglaublich kostbare, überaus teuer versicherte Schau, die so nie mehr zusammenkommt: Die Bilder des jungen Picasso, die blaue und die rosa Periode, alles Wichtige, was in Spanien und Paris vor dem für die Entwicklung der Malerei bedeutenden kubistischen Weiterschreiben in den Demoiselles d‘Avignon entstand, ist hier, kuratiert von Raphaël Bouvier, der in rund vier Jahren unerhörte Schätze zusammengetragen hat.

Arlequin et sa compagne, 1901. Moskau, Staatliches Museum A. S. Puschkin

Im Anfang postimpressionistisch bunt und kräftig werden die Bilder unvermittelt ganz zart, melancholisch, ja schwermütig, die Farbpalette reduziert sich auf Blau und Grau, während sie sich etwas später wieder aufhellt in gefühlvolleres, fast lebensfrohes erdfarbenes Rosa oder Ocker, bis die Farben – Picasso beschränkt sich fast immer auf die menschliche Figur – mit der Dekonstruktion wieder kräftig werden. Sechs Jahre dauert diese Phase, von 1901 bis 1906, in der Picasso nach seiner ersten Parisreise nicht nur für seine Malerei den jeweils richtigen Ausdruck findet, sondern die Entwicklung der Moderne in der Malerei nachhaltig prägt.

„Picasso war ein Pop-Star avant la lettre,“ schreibt die NZZ, mit seinen blauen Bettlern und rosa Gauklern habe er die Herzen der Massen erobert. Zuvor hatte der Hochbegabte, ein Wunderkind, schon als Jugendlicher die Malerei beherrscht, hatte die Haute Volée Barcelonas meisterlich ins Bild gesetzt und mit dem oben erwähnten Selbstporträt, das ihn – gemalt mit dynamischem Pinsel – an der Schwelle zur grossen Karriere zeigt, offensichtlich mehr Businessplan denn Traum, eine Marke gesetzt.

75 Werke, wegweisend für Picassos weitere Entwicklung hat die Fondation Beyeler für die Darstellung des jungen Genies an die Wände gehängt oder – was die Skulpturen betrifft – in Vitrinen gestellt, und dabei, das ist das grosse Verdienst dieser Schau, mehr erreicht als noch eine Picasso-Ausstellung auf dieser Welt.

Le repas de l'aveugle, 1903. © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich. Foto: © 2017, The Metropolitan Museum of Art / Art Resource / Scala, Florenz

Die Bilder der blauen Periode sind voller Melancholie und Todesahnung, dargestellt in ausgemergelten, hungernden ausgegrenzten Bettlern und Prostituierten. Anders, aufgehellt hoffnungsvoll ist die folgende rosa Periode mit ihrer Welt des Zirkus, der Gaukler, der Harlekins: rührende junge Menschen in Harmonie mit ihrem Umfeld. Zwei dieser Bilder, nämlich Les deux frères und Harlequin assis hat Basel 1967 unterstützt vom Volk erworben; nebst Steuermillionen spendeten (fast) alle ihr Scherflein für den Ankauf der Bilder. Zuvor waren beide als Leihgaben im Museum den Besuchern vertraut, aber durch den Absturz einer Globe Air in Zypern war deren Hauptaktionär Peter G. Staehelin gezwungen, wertvolle Kunst zur Schadensdeckung zu verkaufen – darunter eben die beiden Picasso.

La vie, 1903. The Cleveland Museum of Art, © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich

Famille de saltimbanques avec un singe, 1905. Göteborg Konstmuseum © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich Foto: © Göteborg Konstmuseum

Die unterschiedliche Grundstimmung der blauen und der rosa Periode lässt sich anhand von zwei Hauptwerken beschreiben, nämlich mit La vie von 1903 und mit Famille de saltimbanques avec un singe von 1905. La vie – das Leben vermittelt Melancholie, vielleicht Traurigkeit, auch Trostlosigkeit. Picasso erinnert sich, dass seine blauen Bilder mit dem Verlust seines Freunds Carles Casagemas zusammenhängen: „Der Gedanke, dass Casagemas tot ist, brachte mich dazu, in Blau zu malen.“ Der Mann auf dem Bild hat die Gesichtszüge des toten Freunds (ursprünglich, vor mehreren Übermalungen, war es ein Selbstporträt), das nackte Paar scheint ratlos, ängstlich, das Neugeborene im Arm der älteren Frau mit dem blauen Umhang rechts im Bild könnte dem Paar entzogen worden sein. Die weiteren Figuren auf den Tafeln im Hintergrund verweisen auf prekäres Leben und den Tod. Innigkeit und Liebe, auch Hoffnung strahlen aus dem Familienbild mit Harlekin, Tänzerin und Kleinkind, das uns ganz zufrieden direkt anschaut, während der Pavian wie ein treuer Hund am Glück teilnimmt. Da hatte er den für ihn einschneidenden Tod seines Freunds überwunden, sich mit neuen Freunden wie Guillaume Apollinaire und Geliebten dem Leben zugewandt, wobei ihn die Welt der Gaukler und des Zirkus magisch anzog. Der Harlekin, der schon früh als Motiv erscheint, war ihm ohnehin ein Alter Ego.

Selbstporträt, 1906. Musée national Picasso-Paris. Foto: © RMN-Grand Palais (Musée national Picasso-Paris) / Mathieu Rabeau

Noch immer sind die Figuren ätherisch schlank und grazil, aber das Ausgezehrte und Trostlose der Hungrigen und Verzweifelten aus der blauen Periode sind verschwunden. Damals war auch er ständig in finanziellen Nöten, so dass er sich sogar für eine Zeit nach Barcelona zu seiner Familie zurückzog, später aber, als er sich im Künstlerhaus Bateau-Lavoir auf dem Montmartre eingelebt hatte, wichen – auch dank der Wertschätzung seiner Freunde – die Existenzängste einer Zuversicht, den Durchbruch zu schaffen.

Mit Fernande Olivier, der ersten Geliebten mit der er zusammenlebt, verbringt er Monate im pyrenäischen Dorf Gósol. Hier entdeckt er die archaischen iberischen Skulpturen und später auch die afrikanische Kunst, die seine Darstellung der Menschen nachhaltig – über die kubistische Periode hinaus – prägen. Die Frauen werden fülliger und stehen mit beiden Beinen auf der Erde, wobei die Inspiration zum Bild oft von Fernande Olivier ausgeht.

Als letztes Bild hat Bouvier das erste, das Ernst Beyeler in die Sammlung aufnahm, ausgewählt: Femme von 1907, eine weibliche Figur, erschaffen mit kühnen Pinselstrichen in der später oft geübten Ästhetik des Unvollendeten, losgelöst vom klassischen Schönheitsideal und vielleicht gerade deshalb so einnehmend. Die Fortsetzung mit den kubistischen und späten Picasso-Bildern aus der Beyeler Sammlung kann in der Parallelausstellung studiert werden. Diesmal gibt es aus der Sammlung der Fondation nichts als Picasso.

Femme, 1907. Fondation Beyeler, Riehen / Basel © Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich. Foto: Robert Bayer, Basel

Bei der Eröffnung war Claude Picasso, Sohn und Verwalter des Nachlasses, meist ohne grosse Erwartungen an die vielen Picasso-Ausstellungen weltweit, hocherfreut, hier das zu finden, was dem Meister gerecht wird und den Maler und Menschen hinter dem Mythos zeigt. Trotz der in so oder so zu erwartenden Massen hat man sich überlegt, was hier wie ausgestellt wird. Das Vorhaben ist ein fast schmerzhafter Spagat zwischen sorgfältiger Kuratierung eines genialen Werks und einem funktionierenden Blockbuster, denn viele der Gemälde aus der blauen und rosa Periode von Picasso sind längst Ikonen, je nach Reproduktion und Verwertung auch Kitsch. Doch den Bildern Picassos, dieses genialen Miterfinders der Moderne kann jeder Rummel letztlich nichts anhaben.

Teaserbild: Ausschnitt aus: Femme en chemise (Madeleine), 1904/05. © Succession Picasso / 2018. Foto: © Tate, London 2018
Zur Ausstellung ist eine Publikation in Deutsch und Englisch erschienen, hg. von Raphaël Bouvier für die Fondation Beyeler. 68 Franken.

Alle Informationen über Öffnungszeiten, Veranstaltungen usw. finden Sie hier.

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