10.12.2018 - Hanspeter Stalder

Eine besondere Familie

Der japanische Grossmeister Hirokazu Kore-eda stellt uns im Spielfilm «Shoplifters» eine etwas andere Familienbande als humanistisches Modell vor, das berührt und zum Denken anregt.

Vater und Sohn sind auf gemeinsamer Diebestour in einem Supermarkt: Mit einstudierter Routine gehen Osamu und sein dreizehnjähriger Shota auf einen kleinen Beutezug, kommunizieren in einer speziellen Zeichensprache und passen aufeinander auf. Trotz des kleinkriminellen Treibens wirkt das Ganze leicht und lässig. Doch man ahnt, dass die beiden dies nicht nur aus reinem Spass machen, sondern dass sie zu den Menschen am Rande der Gesellschaft gehören. Und so mischt sich von Beginn an, auch aufgrund des liebevollen Umgangs der beiden miteinander und der sparsam unterlegten Klänge, unter die leichte Empörung auch Sympathie, die im Verlauf des Films weiter wächst.

Auf ihrem Heimweg entdecken sie ein offensichtlich ausgesperrtes kleines Mädchen; sie laden die hungrige Yuri spontan zum Abendessen ein, da deren Eltern scheinbar abwesend sind, das Kind friert und etwas zu essen braucht. Zuhause angekommen, wird es von der Grossmutter Hatsue, Osamus Partnerin Noboyu und der später auftauchenden Halbschwester Aki umsorgt. Doch als es darum geht, Yuri nach Hause zu bringen, kommt die Familie durch ein belauschtes Gespräch zur Überzeugung, dass das Kind offensichtlich unerwünscht ist und es ihm bei ihnen wohl besser geht als in seiner lieblosen Umgebung. Zudem haben sie bei ihm Wunden entdeckt. So schickt sich der Film an, die Offenheit und Anteilnahme unter Beweis zu stellen, bis die kleine Welt der Wahlfamilie zusammenbricht und sich herausstellt, dass auch hier nicht alles zum Besten steht.

Mit seinem siebten Film in Cannes, und seinem fünften im offiziellen Wettbewerb, hat der Japaner Hirokazu Kore-eda dort auch dieses Jahr die Goldene Palme gewonnen.

Vater Osamu und Sohn Shota

Ein Kriminalfall?

Der Satz «Nur Verbrechen haben uns zusammengebracht» hat Kore-eda auf die Idee gebracht, diesen Film zu drehen. In Japan sind wegen extremer Armut Eltern gelegentlich gezwungen, Kinder zu stehlen. Selbstverständlich ist das illegal und verlangt Bestrafung. Doch der Regisseur fragte sich vorgängig, warum wir eigentlich auf solche in Wirklichkeit unbedeutende Verbrechen so rachsüchtig reagieren, während wir Tausende von wirklich Kriminellen ungestraft ziehen lassen. Deshalb suchte er für seinen Film eine eher arme, doch nicht extrem arme Familie, die durch ein Verbrechen zu sich findet.

Doch selbst wenn man sich vergegenwärtigt, dass das, was hier geschieht, eigentlich dem Tatbestand einer Kindesentführung gleichkommt, weiss man andererseits, dass das Mädchen es hier bei Dieben und Betrügern besser hat als bei seinen leiblichen Eltern, auch wenn Shota und Yuri keine Schule besuchen und über die Familie hinaus kaum Kontakt zur Aussenwelt haben. Was meint Kore-eda mit Familie, dem Thema mehrerer seiner Filme?

Grossmutter Hatsue mit der kleinen Yuri

Der Film über eine Familienbande ...

In Frankreich läuft Kore-edas Film unter dem Titel «Une affaire de famille«, was seine Idee besserer umschreibt als «Shoplifters». Denn die komplizierten Beziehungen innerhalb dieser Wahlfamilie nehmen einen viel grösseren und wichtigeren Platz ein als die kriminellen oder eher anrüchigen Machenschaften. Sanft und behutsam, mit viel Zeit und sorgsam beobachteten kleinen Gesten und ruhigen Gesprächen schildert der Regisseur nämlich die Annäherung der kleinen Yuri und den Umgang der Familienmitglieder untereinander.

Ladendiebstähle und Kindesentführung hin oder her, es ist keine Frage, dass Osamu & Co hier auf der moralisch richtigen Seite stehen, was daran liegt, dass an den Rändern der Geschichte immer wieder unaufdringlich, doch deutlich die Versäumnisse der Gesellschaft in den Film hineinragen, welche die Aussenseiter am liebsten verleugnen. Es sind die sozialen Missstände, welche die Figuren und ihr Schicksal definieren. Kore-edas Blick auf seine Protagonisten ist viel zu menschlich, als dass er sie dabei zu blossen Opfern eines scheiternden Staates degradieren würde. Denn nicht erst in diesem Film ist er «der Regisseur der Familie», in allen spielt sie im Hintergrund, in einigen im Vordergrund eine Rolle. Am eindrücklichsten wohl bei «Our Little Sister», bei «Like Father, Like Son» und «Still Walking».

Beim Üben des Gangstertricks

... der besonderen Art

Nochmals: Was versteht Kore-eda unter der für ihn so wichtigen Familie? Es scheint mir, es ist nicht die Familie, wie sie gewisse Parteien und Kirchen postulieren, die damit ein System von Geboten und Verboten installieren. Auch nicht die Familie, die als kapitalistische Leistungsgesellschaft mit der Finanzwirtschaft, dem Handel mit Bodenschätzen, der Kriegswirtschaft und dem Rassismus die Welt regiert. Ihm scheint für die Familie anderes vorzuschweben: Zusammen-Sein und Zusammen-Leben, zum Über-Leben und zum Leben. Dabei, wenn nötig, auch Reglemente durchbrechen, um sich Freiheit zu erschaffen, Fehler machen und sich, entgegen dem modernen Perfektionismus, auf das antike Prinzip «Errare human est» zurückbesinnen. Keine Rolle spielt es dann, dass das böse Erwachen zwangsläufig irgendwann kommen muss. Man drückt im Publikum den Frauen, den Männer und Kindern im Film während zwei Stunden die Daumen.

In der letzten halben Stunde macht der Film eine Wende, die Handlung wird dichter, läuft nicht mehr linear weiter und beginnt ein intensives Hin und Her von Fragen und Antworten zum Thema Familie, das letztlich jedoch offenbleibt. Um das zu charakterisieren, hilft mir meine aktuelle Lektüre des Buches «Kurze Antworten auf grosse Fragen». Darin heisst es: «Newton gab uns Antworten. Hawking gab uns Fragen.» Ich vermute, das gilt auch für Hirokazu Kore-eda mit dessen Film «Shoplifters«, der uns am Schluss mit Fragen stehen lässt, aber glücklich gemacht hat.

Titelbild: Die ganze sechsköpfige Familie
Regie: Hirokazu Kore-eda, Produktion: 2018, Länge: 121 min, Verleih: Cineworx

 

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