27.02.2019 - Linus Baur

Eine bitterböse Abrechnung

Uraufführung «Totart Tatort» von Herbert Fritsch: Das Schauspielhaus Zürich wartet mit einem wirklich witzigen Tatort-Krimi auf.

Keine Frage: Kultregisseur Herbert Fritsch (seine Zürcher Aufführung «Die Physiker» wird seit Jahren gespielt) bietet mit «Totart Tatort» einen höchst unterhaltsamen Kriminaltangoabend. Geboten wird eine aberwitzige Inszenierung um den sonntäglichen TV-Krimiabend «Tatort», eine bitterböse Abrechnung mit der «Tatortisierung» der Kultur. Mit viel Ironie wird das sonntägliche Ritual um «Wer hat wen um die Ecke gebracht?» ad absurdum geführt.

Eine surreale Nummernrevue voller Gags

Erzählt wird keine allgemein verständliche Geschichte. Auch gibt es kein Happy End. Ausgehend von Motiven und Themen aus Tatortsendungen kombiniert Fritsch einen imaginären Krimiabend ohne Anfang und Ende. Eröffnet wird der Abend mit der Tatort-Melodie von Klaus Doldinger. In der hell beleuchteten Öffnung des trichterförmigen Bühnenraums wird das erste Mordopfer in Hollywood-Umarmung zelebriert, eine junge Frau mit Marilyn-Monroe-Charme. Der Mörder und spätere Hauptkommissar (Wolfram Koch) im Trenchcoat und mit Schlapphut sieht sich nach anfänglichem Triumph mit weiteren Leichen konfrontiert, zerrt sie nacheinander auf die Bühne, kann den Hut einfach nicht aufbehalten, verfällt in Panik. Flugs verwandeln sich die Opfer in Tatort-Kommissare, begeben sich auf Spurensuche und Verfolgungsjagd.

Aus Leichen werden Kommissare (im Bild Wolfram Koch)

Was folgt, ist eine surreale Nummernrevue voller Gags. Das Tatort-Team (fünf Frauen und fünf Männer), angeführt von Wolfram Koch, dem echten TV-Kommissar, pirscht tänzelnd durch den Raum, stimmt den Kriminaltango an, kalauert in Krimimanier Sätze wie «Wo waren Sie zwischen drei und vier Uhr letzte Nacht? Rufen Sie uns an, wenn Ihnen noch etwas einfällt! Schweigen hilft auch nicht weiter», stülpt sich blaue Plastikhandschuhe über, um auf Spuren einer zersägten Leiche zu zeigen, kreischt auf, fuchtelt mit roten Gummipistolen herum, quetscht sich durch die kleine Öffnung im Hintergrund und drückt nacheinander gehörig auf die Blutspritze. Die Ermittlungen erweisen sich als schwierig, vom Täter fehlt jede Spur. Grund: Die Kollegen von Interpol haben sich quer gestellt. Zum Schluss watschelt das in Regencapes gehüllte Team, sich zerrend aneinander klammernd, von Wand zu Wand zur Rampe. Und aus ist der komödiantische Krimispuk.

Überkandidelte Schauspielkunst

Alle Auftritte sind schön und originell choreografiert. Köstlich, wie die zehn Schauspielerinnen und Schauspieler (Jan Bülow, Henrike Johanna Jörissen, Wolfram Koch, Claudius Körber, Miriam Maertens, Lisa-Katrina Mayer, Elisa Plüss, Nicolas Roset, Markus Scheumann, Friederike Wagner) ihre Rollen gestisch und akrobatisch meistern, krasse Grimassen reissen, gekonnt Nonsens spielen, bruchstückhaft Krimikalauer verbreiten, auch wenn die neunzig Minuten dauernde Aufführung nicht vor Wiederholungen gefeit ist. Zu sehen ist viel Jux und Dollerei, überkandidelte Schauspielerinnen und Schauspieler in Höchstform. Eine wohltuende Abwechslung zum sonntäglichen TV-Krimiabend.

Mit Gummipistolen auf Mörderjagd. (Fotos: Tanja Darendorf / T+T Fotografie)

Weitere Spieldaten: 28. Februar, 1., 8., 22. März, 9., 27., 28. April, 4. Mai

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