06.02.2018 - Judith Stamm

Eine E-Mail wärmt die Seele nicht

Aber wenn keine kommt, befürchten wir, es habe uns niemand lieb!

Diese beiden Sätze las ich kürzlich in einem einschlägigen Artikel. Sie blieben haften. Jetzt muss ich sie durch Kommentieren aus meiner Seele hinauskatapultieren. Sonst werde ich sie nie mehr los!

Zuerst ein Blick in den Duden. Heisst es wirklich „eine E-Mail“ oder einfach „ein Mail“? Ich werde fündig und lerne. Beide Formen werden gebraucht. Aber, „bes. südd., österr., schweiz.“, hat auch „das Mail“ seine Daseinsberechtigung, vernehme ich da. Ich werde in meinem Text bei „die E-Mail“ bleiben. Der Ausdruck gefällt mir lautmalerisch besser.

Ich zähle mich zu jenen Menschen, welche häufig per E-Mail kommunizieren. Aber ein wirklicher Austausch, ein „Wärmen der Seele“, findet immer noch über das persönliche Gespräch statt. Das habe ich kürzlich wieder im Zusammenhang mit einem Theaterstück erlebt. Unser Luzerner Theater führt „Liliom“ auf, ein Stück des ungarischen Autors Ferenc Molnar (1878 – 1952). Es handelt, kurz gesagt, von einem Frauenheld, Raufbold, Säufer, der auch seine Frau schlägt. Am Anfang des Stückes verliert er seine Anstellung bei einem Rummelplatzkarussell und das Schicksal nimmt seinen Lauf! Die Schauspieler gaben ihr Bestes, aber das Stück lag mir nach der Aufführung wie ein Klotz in der Brust. Zwar tauschte ich mich in den Tagen darauf mit einer Kollegin via Mail über meine Eindrücke aus. Aber der Klotz ging nicht weg. Erst als ich endlich mit jemandem über das Stück sprechen konnte, schaffte ich mir das Ganze von der Seele! Interessant ist, dass das Stück bei der Uraufführung 1909 in Budapest bei Publikum und Kritik durchfiel. Nach der deutschsprachigen Erstaufführung in Wien 1912 wurde es an vielen deutschen Theatern gespielt. 1934 wurde es verfilmt, 1945 diente es als Vorlage für ein Broadway-Musical „Carousel“. Der Tunichtgut und Taugenichts machte offensichtlich internationale Karriere!

An meine verschiedenen Entwicklungschritte als E-Mail-Kommunikatorin erinnere ich mich gut. Am Anfang stand vor Jahren eine Einsitznahme in einen neuen Vereinsvorstand. Ich wäre die einzige gewesen, der man das Protokoll per Post hätte zusenden müssen. Das wollte ich auf gar keinen Fall auf mir sitzen lassen! Also sorgte ich für die nötigen Einrichtungen.

Am Anfang scheute ich davor zurück, Geburtstagswünsche via E-Mail zu übermitteln. Nur eine schöne, extra ausgewählte Kunstkarte schien mir jeweils dem Anlass angemessen. Diese Hemmungen habe ich längst überwunden. Seither gibt es bei mir viel weniger vergessene Geburtstage. Denn ich kann am entsprechenden Datum am frühen Morgen und noch bis tief in die Nacht meine wohlwollenden Gedanken formulieren und übermitteln. Und, believe it or not, ich wähle für meine Mitteilung per E-Mail meistens eine besonders aparte Schrift. Möglichst eine, die aussieht „wie von Hand geschrieben“!

Die E-Mail wurde für mich zur bevorzugten Form für Abmachungen, für kurzen Dank nach einem guten Essen oder nach einem gelungenen Treffen. Auch zu spontanen Kommentaren lasse ich mich immer wieder hinreissen. Etwa auf Zeitungsartikel, die mich besonders ansprechen, auf ein in meinen Augen besonders gelungenes Referat oder auf eine Aussage in der Öffentlichkeit, mit der ich gar nicht einig gehe. Der Erfolg ist unterschiedlich. Von gähnendem Schweigen über nichtssagenden Dank bis zu einer gehaltvollen Antwort habe ich schon alles erlebt.

Erst mit der Zeit, sogar erst mit den Jahren, wurde ich darauf aufmerksam, dass mein Briefverkehr abgenommen hatte. Da musste ich mich an der eigenen Nase nehmen. „Wotsch en Brief, so schrieb en Brief“ galt auch bei mir schon lange nicht mehr. Schade, schade! Und paradox! Denn bei einer E-Mail halte ich mich möglichst kurz. Die Äusserung von grossen Gefühlen vermeide ich eher. Auf keinen Fall will ich meinem virtuellen Gegenüber gemailten Ballast aufbürden. Solche Gedanken hatte ich beim Briefeschreiben nie. Da flossen die Sätze, manchmal auch blumige Formulierungen, nur so dahin.

Ich spüre deutlich, dass ich in der heutigen Kommunikationswelt zu einer Zwischengeneration gehöre. Wir kennen noch die alten Formen. Gleichzeitig versuchen wir, uns mit den neuen Möglichkeiten zurecht zu finden. Und diese werden beinahe jeden Tag zahlreicher.

Wird noch eine Zeit kommen, in der auch eine E-Mail die Seele wärmt? Ich wette eher darauf, dass sich unsere Seelen anpassen werden!

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Kommentare

Den Film "Liliom" habe ich zum ersten Mal 1957 gesehen;er ist auch mir eingefahren, ich habe die Geschichte nie mehr vergessen. Und meine persönlichen Briefe schreibe ich noch oft mit der Hand; wenn nicht, schreibe ich sie mit einer handschriftähnlichen Schrift wie Du im Word. Handgeschriebene Briefe scanne ich als PDF oder JPG und füge sie als Datei dem Mail an, wie selbstverständlich auch die Word-Dateien. Manchmal kommt noch eine passende Fotografie in die Datei.

Es ging mir ganz ähnlich mit den Briefen oder Mails. Heute sage ich mir, ich erhalte und versende lieber eine Mail ganz persönlich mit herzlichen Worten als eine vorgedruckte Karte, die dann nur noch mit dem Namen unterschrieben wird.

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