22.11.2015 - Anton Schaller

Eine Frau im Mittelpunkt

Oder was Angela Merkel auszeichnet.

Da steht sie. Die Arme verschränkt. Den Kopf neigt sie dem Redner zu. Aufmerksam hört sie, was der grossgewachsene, sie stark überragende Mann am Rednerpult, das sie eben verlassen hat, ihr gönnerhaft , grossspurig, süffisant, schmeichelhaft direkt sagt: Sie hätte eine glänzende 10-jährige Regierungszeit hinter sich. „Du bist gewachsen an deiner Aufgabe, du hast Deutschland hervorragend geführt. Deutschland ist mit dir stark geworden.“ Und du und immer wieder du. Dann holt er zum direkten Gegenschlag aus, arrogant von oben herab: Deutschland braucht eine Obergrenze der Flüchtlingszahlen. Und alle verstehen die Botschaft: „Ob du das willst oder nicht, liebe Angela.“ Und ganz der starke, der ihr überlegene Mann: „Wir werden uns noch sehen.“ 

Ein Riesenapplaus bricht auf, Gejohle ist nicht zu überhören. Der Schlag sitzt, zumindest für die Delegierten am Parteitag der deutschen, der bayrischen CSU in München, live übertragen im Kanal Phönix des deutschen Fernsehens. Eine Dame bringt einen Riesenstrauss. Angela Merkel nimmt ihn entgegen, übergibt ihn sofort ihrem Sicherheitsmann, als wolle sie alles abstreifen, was Horst Seehofer, der Bayern-Chef, ihr anhängen will. Auch den nächsten Termin, bei der er sie in die Knie zwingen will. Leicht stockt sie, überlegt sich wohl gründlich, ob sie auf den offenen Angriff, auf die Unverschämtheit, sie so vorzuführen, reagieren soll. Sie verzichtet, verschwindet von der Bühne. Sie hat gesagt, was sie sagen wollte. Sie rückte nicht ab von ihrer Haltung: „Wie lassen uns unser freundliches Gesicht gegenüber den Flüchtlingen nicht nehmen.“ Sie will das Problem europäisch lösen. Mit Verweis auf die europäische Dimension und die Bedrohung von Europas Einheit hat sie in der Höhle des Löwen, in Seehofers Heimat, eine Änderung ihrer Haltung unmissverständlich abgelehnt.

Viele rätseln, warum die so nüchterne Bundeskanzlerin, plötzlich ein so offenes Herz hat, das Gerhard Schröder, ihr Vorgänger im Amt, zur lapidaren Analyse verführte: „Viel Herz, aber kein Plan.“ Oder wie Publizisten mit ihr umgehen, die vor ihr ein Schuldbekenntnis in drei Sätzen fordern: „Ich habe mit „Wir schaffen das“ einen Fehler gemacht. Ich habe einen Milliardenschaden angerichtet. Ich bitte um Verzeihung.“

Angela Merkel geht damit um. Sie lässt sich nicht beirren. Sie wird weiterhin ganz nüchtern analysieren, sie wird weiterhin stoisch ihr Ziel verfolgen, Seehofer und seine Getreuen in München damit weiterhin nerven.

Und in der Tat: Es führt kein Weg an einer gesamteuropäischen, kein Weg an einer globalen Lösung vorbei. Es gilt, den Syrienkonflikt so schnell wie möglich politisch zu lösen, es gilt, die Menschen in den Flüchtlingslagern in der Türkei, im Libanon, in Jordanien anständig zu versorgen, sie auf die Rückkehr in ein befriedetes Syrien vorzubereiten, ihnen und ihren Kindern Perspektiven zu eröffnen. Es gilt, den IS aus dem Irak und aus Syrien zu verdrängen, die bereits aufgebauten IS-Strukturen aufzubrechen, den Menschen in diesen Regionen zu neuen staatlichen Strukturen zu verhelfen. Das sind grosse Worte, schnell hingeschriebene Forderungen.

Angela Merkel, die mächtigste Frau der Welt, wie sie immer wieder bezeichnet wird, weiss darum, nur zu gut. Sie ist weltgewandt, mit den Mächtigsten in der Welt, mit Obama, mit Putin vertraut. Sie kennt die Männer, sass ihnen schon stundenlang gegenüber. Zäh hat sie Putin im Ukraine-Konflikt Paroli geboten, ihn zu Friedensschlüssen gedrängt. Sie hat die Wirtschafts-und Finanzkrise gemeistert, den Euro gerettet, die Griechen zum Handeln gezwungen.

Nun weht ihr im eigenen Land ein rauer Wind entgegen. Er wird sie nicht so schnell ins Wanken bringen. Selbst Seehofer schaffte es nicht, weder mit seinen Streicheleinheiten, noch mit seinen unverhohlenen Drohungen.

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