11.05.2018 - Linus Baur

Eine gelungene Bilderbetrachtung

«Bilder einer Ausstellung» - Unter diesem Titel bietet das Theater Rigiblick in Zürich einen wunderbaren Konzert-Abend mit Lesung und Live-Zeichnung.

1874 komponierte Modest Mussorgsky seinen Klavierzyklus «Bilder einer Ausstellung", inspiriert durch die Gedenkausstellung seines Malerfreundes Victor Hartmann. 50 Jahre später schafften es die musikalischen Bilder in den Konzertsaal – 1922 orchestrierte Maurice Ravel die «Bilder einer Ausstellung» und macht sie dadurch weltberühmt. Auch die Klavierfassung wurde dadurch bekannt und bleibt nach wie vor ein Favorit bei Pianisten. Im Klavierzyklus streift eine Art «Ich-Erzähler» durch die Ausstellung und betrachtet die Bilder. Das wiederkehrende Zwischenspiel der «Promenade» verbindet die zehn Bilder und spiegelt die Stimmung des Betrachters wieder. 

Mix aus Ton, Wort und Zeichnung

Im Theater Rigiblick wird der Zyklus in einer Bearbeitung für Klavier und Violine gespielt. Angereichert wird die Musik mit der Lesung des Märchens «Wovon der Mensch lebt» von Leo Tolstoi und mit Live-Zeichnungen auf der Grossleinwand. Eine gelungene Kombination, die ihre Wirkung nicht verfehlt und am Premierenabend für begeisterten Applaus sorgt. Just dieser Mix aus Ton, Wort und Zeichnung macht die Aufführung einzigartig und wirkt auf eine besondere Art inspirierend. Zu hören und zu sehen sind Bilder unterschiedlicher Welten, die vermitteln wollen, dass Wunderbares und Reales sich nicht voneinander trennen lässt. Musik und Text öffnen auf je eigene Weise eine Reise in die Innenwelt des Menschen, die von Schmerz und Verzweiflung, aber auch von Hoffnung und Erlösung geprägt ist.

Schauspieler Hans Kremer als Tolstoi-Erzähler.

Am Rednerpult erzählt der Schauspieler Hans Kremer die Geschichte des Schusters Semjon, der den gefallenen Engel Michailo zu sich nach Hause nimmt und als Gehilfe beschäftigt. Nach Jahren kommt eine Frau mit Zwillingen, um Stiefel zu bestellen. Es sind die Zwillinge, deren Mutter Michailo nicht in den Himmel holen wollte. Jetzt hat Michailo auch die Frage auf die letzte Frage gefunden. Durch die Liebe im Herzen der fremden Frau konnten die verwaisten Zwillinge am Leben bleiben. «Denn die Menschen leben nicht davon, dass sie für sich selbst sorgen, sondern von der Liebe, die in ihnen ist.»

 Eine Zeichnerin mit grosser Könnerschaft

Am Zeichenpult agiert die Zeichnerin Isabelle Krötsch, die die unterschiedlichen Darbietungen von Musik und Text skizzenhaft und malerisch mitverfolgt. Mit wenigen Strichen auf koloriertem Hintergrund zeigt sie Stationen aus der Geschichte des Schusters Semjon, vermischt diese – schön eingerahmt - mit Motiven der Bilderwelt aus Mussorgskys Klavierzyklus. Immer wieder malt sie Gesichter, die sie farblich verändert und so die unterschiedlichen Seiten der Gestalten fassbar macht, koleriert stimmungsvolle Landschaften und Himmelsbilder. Es ist eine wahre Freude, ihr auf der Grossleinwand bei der Arbeit zuzusehen, wie sie Musik und Text in stimmige Bildwelten umsetzt. Das ist grosse Könnerschaft.

Die Akteure (v.l.): Norbert Groh (Klavier), Esther Schöpf (Violine), Hans Kremer (Erzàhler) und Isabelle Krötsch (Zeichnung). (Fotos: Theater Rigiblick)

Nicht minder beeindruckend ist das Spiel der beiden Musiker Norbert Groh (Klavier) und Esther Schöpf (Violine). Hier trifft die Aussage «Mussorgsky malt mit Musik» förmlich zu. Grossartig, wie sie synchron die Folge der zehn Bilder musikalisch bewältigen, mal schnell, mal elegisch, mal majestätisch aufspielen und so Mussorgskys Interpretation von Hartmanns Bilderwelt spür- und erlebbar machen. Je nach Bild sind harsche Akzente, barbarische Rhythmen oder lange Akkorde zu hören. Lob verdient auch Hans Kremer als Erzähler, der die rührige Tolstoi-Geschichte mit fein modulierter sonorer Stimme und mit sparsamer Mimik und Gestik nacherzählt.

Weitere Spieldaten: 26., 31. Mai, 16. Juni

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