10.05.2018 - Linus Baur

Eine herausfordernde Retrospektive

 Das Schaulager in Münchenstein zeigt bis 26. August eine seit 25 Jahren erste umfassende Retrospektive zum Werk von Bruce Nauman.

Der 1941 geborene, in New Mexico lebende Amerikaner gilt als einer der wegweisendsten Künstler der Gegenwart. Die Retrospektive im 2003 vom Architektenteam Herzog & de Meuron erbauten Schaulager präsentiert über 170 Werke aus allen Schaffensperioden des Künstlers ab Mitte der 1960er-Jahre bis heute. Sie umfasst Videoarbeiten, Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotografien, Skulpturen, Neon- und Soundarbeiten sowie Installationen.

Radikal neue Ansätze und Lösungen

Die Emanuel Hofmann-Stiftung, deren Sammlung das Schaulager beherbergt, sammelt Kunst der Gegenwart, die noch nicht von einem breiten Publikum verstanden wird. Dazu zählen Arbeiten von Bruce Nauman, die die Stiftung seit 1972 sammelt. Nauman «ist der einzige Künstler, dessen Schaffen wir seit bald 50 Jahren verfolgen», schreibt die Stiftung. Und begründet dies damit, dass Nauman sich nie auf Bewährtes verlässt, sondern «sich selbst und uns immer wieder durch radikal neue Ansätze und Lösungen herausfordert». Entstanden ist die sehenswerte Ausstellung «Bruce Nauman: Disappearing Acts» in enger Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art in New York.

Green Horses, 1988 (Still)

Bruce Nauman ist trotz seiner Zurückgezogenheit – er weicht dem öffentlichen Kunstbetrieb gerne aus - eine zentrale Figur der zeitgenössischen Kunst. In seiner Arbeit ergründet er Themen wie Sprache, Raum und Körperlichkeit und lotet Machtstrukturen und soziale Konventionen aus. Mit seiner beharrlichen Befragung ästhetischer und moralischer Wertvorstellungen und Sehgewohnheiten fordert der Künstler unsere Wahrnehmung und Vorstellungskraft stets aufs Neue heraus.

Ein ständiges Sich-Hinterfragen

Ein Rundgang durch die Bruce-Naumann-Retrospektive, verteilt auf zwei Stockwerke, zeigt eindrücklich, wie sich der Künstler in seinen Arbeiten ständig hinterfragt und uns Besucher zur Reflexion verleitet. Über die Bedeutung vieler Werke kann man herrlich spekulieren. Mit dabei ist immer die Irritation darüber, was uns der Künstler sagen will. In letzter Konsequenz bleibt es dem Besucher überlassen, die Werke für sich selbst zu deuten. Gewiss ist aber, dieser Kunst von solcher Intensität kann man sich nur schwerlich entziehen.

One Hundred Live and Die, 1984

Bekannt von Bruce Nauman sind vorab seine Neon-Arbeiten, in denen er mit Sprache und Körper spielt. So in der 1967 entstandenen Neonspirale «The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths», wo er sich über den mythischen Status der Künstlerfigur lustig macht. Oder in der 1984 entstandenen Neonarbeit «One Hundred Live and Die» mit ihren hundert lakonisch aufleuchtenden Drei-Wort-Lebensratschlägen «Love and Die», «Sing and Die», «Shit an Die», die sich zu immer neu lesbaren Kombinationen formieren.

Sich zum Verschwinden bringen

Videoinstallationen thematisieren das Phänomen Wiederholung, so in der «Contrapposto»-Serie. In «Walk with Contrapposto» (1968) sieht man den jungen Nauman immerfort durch einen schmalen Korridor staksen. Als wäre Nauman ein Dauerläufer, ein Sisyphos, der unaufhörlich die gleiche Strecke zurücklegt. In «Contrapposto Studies, i through vii» (2015/2016), einer raumfüllenden Videoinstallation, ziehen sich Abbilder von Naumans alterndem Körper als fliessbandähnliches Spalier über die Wand, Reihe auf Reihe. Positiv- und Negativbilder wechseln sich in den HD-Videoprojektionen ab. Seine Beine spazieren häufig in anderem Rhythmus als sein Kopf oder sein Oberkörper. Der Künstler bringt sich damit selbst als Subjekt zum Verschwinden.

Ausstellungsansicht: Contrapposto Studies, I through vii, 2015/2016

Als Weltneuheit zeigt die Ausstellung Naumans Werk «Contrapposto Split» aus dem Jahr 2017, das sich neuste Aufnahmetechniken zunutze macht. Dank 3D-Bildgebungsverfahren wird das Künstleratelier, in dem der Künstler mit verschränkten Armen auf- und abschreitet, in den Ausstellungsraum hinein erweitert und schafft so eine unmittelbarere Wahrnehmung. Erwähnenswert sind noch die Videoinstallation «Green Horses» (1988) oder die neu erstandene Skulptur «Leaping Foxes» (2018), ein kopfüber hängende Pyramide aus denselben Tierformen, die auch der Taxidermie Verwendung finden. Die Retrospektive verschafft auch einen vertieften Einblick in Naumans zeichnerisches Schaffen – von Entwurfsskizzen bis zu detaillierten Studien und technischen Konstruktionszeichnungen.

Ausstellungsansicht: Leaping Foxes, 2018 (Fotos: Bruce Nauman / 2018, ProLitteris, Zürich, Ausstellungsansichten: Tom Bisig, Basel)

Charakteristisch in Naumans Schaffen ist das wiederkehrend auftauchende Motiv des Verschwindens und Strategien des Sich-Entziehens, sicht- und erlebbar in vielen ausgestellten Werken. Für die Ausstellungskuratorin Kathy Halbreich ist dies «ein reales Phänomen und zugleich eine wunderbar weit gefasste Metapher für den Kampf gegen die mit dem kreativen Prozess, aber auch mit unserer Orientierung im Alltagsleben verbundenen Ängste».

Unter dem gleichen Titel wie die Ausstellung ist ein reich illustrierter Katalog mit vielen weiterführenden Beiträgen erschienen.

Mehr unter www.schaulager.org

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