13.12.2018 - Hanspeter Stalder

Eine Mutter-Kind-Beziehung

Der Brasilianer Gustavo Pizzi schildert im Spielfilm «Loveling» lebensnah die ambivalente Beziehung einer Mutter zu ihrem Sohn: zwischen Stolz über seinen Erfolg und Angst vor seinem Abschied.

In Petrópolis bei Rio de Janeiro lebt Irene (Karine Teles) mit ihrem Mann Klaus (Otávio Müller) und vier gemeinsamen Söhnen. Mit ihnen hat sie alle Hände voll zu tun, daneben widmet sie sich ihrem Studium, um irgendwann wieder einer bezahlten Arbeit nachgehen zu können. Geld könnten sie gut brauchen, denn die Wasserhähne sind undicht und die Wände rissig. Anstelle der Tür, die klemmt, klettert bald schon die ganze Familie zum Fenster rein und raus. Und trotzdem: Irene nimmt das alles mit einer Gelassenheit, die uns klarmacht: Diese Frau kann nichts aus der Ruhe bringen.

Doch dann die Überraschung: Beim Handball-Halbfinale, an dem ihr siebzehnjähriger Sohn Fernando (Konstantinos Sarris) das Tor hütet, macht sich sein Talent endgültig bemerkbar. Noch am selben Abend bekommt er eine Einladung nach Deutschland, um dort in einem Profiverein zu spielen. Der Abschied kommt für die Mutter früher als erwartet, der Stolz um das Talent des Buben mischt sich mit mütterlicher Sorge. Erst recht, als sie hört, dass er bereits in zwanzig Tagen abreisen soll. Während er sich voller Vorfreude auf die Abreise vorbereitet, gibt es für die Eltern viel zu organisieren, denn das Leben geht auch während der Reisevorbereitungen weiter und hält so einige Hürden für Irene bereit: Ihre Schwester Sônia (Adriana Esteves) sucht mitsamt Kind bei ihr im ohnehin schon aus allen Nähten platzenden Haus Zuflucht, denn ihr Mann neigt zu Alkohol und Gewalt. Und Irene träumt davon, ihr halb fertiggestelltes Haus bald beziehen zu können. Auch die fantastischen Zukunftspläne ihres Mannes müssen relativiert werden.

Das Loslassen ihres Ältesten beschäftigt Irene zwar zusehends, doch am Ende triumphiert ihr mütterlicher Stolz, als sie ihn verabschiedet und dabei sein Handball-Shirt trägt. «Das ist eine Art Coming-of-Age Story, diesmal einer Mutter», meint Pizzi. «Brasiliens Star Karine Teles glänzt als Mutter in einem Monodrama, das mit gelebter Wahrheit und alltäglichen Details strahlt», schreibt «Variety». Doch «Loveling» hat neben dem Mutter-Thematik noch eine Reihe anderer Themen, die der Film brillant bespielt, indem er sie ineinander flicht und durch fast surreale Bilder unterbricht.

Fernando, in voller Aktion

Einfach alltäglicher Alltag

Walter Ruggle, ein ausgewiesener Kenner, schreibt zu diesem Film: «Mit Karine Teles steht und fällt dieses kleine Schmuckstück aus Brasilien. Der Filmstar hat nicht nur die Idee gehabt und am Drehbuch mitgeschrieben – sowie das Film-Zwillingspaar im echten Leben zur Welt gebracht. Sie verkörpert auch die Hauptrolle der Irene. Und wie! Man kann sagen: Der ganze Film kreist um diese Frau wie die Planeten um die Sonne, und kreisend um ihre Mutter, Schwester und Ehefrau bewegen sich auch die anderen Figuren. Was mich an diesem Film am meisten fasziniert und berührt hat, ist die Nähe zum Alltag, das Unbeschönigende, Ungeschminkte, das aus dem Vollen des Lebens heraus Geschöpfte.

Kino ist ja eigentlich eine Kunst mit Hang zum Überhöhen, was sich oft auch ausbezahlt und Sinn macht. Hier aber erzählt uns ein Paar eine Geschichte, bei der man mitunter das Gefühl hat, die Familie, um die es geht, sei sich gar nicht bewusst, dass da eine Kamera alles aufzeichnet. Und dabei wissen wir doch, dass alles geschrieben und gespielt ist. Die vierfache Mutter Irene muss damit leben, dass der älteste Sohn bald abreisen wird. Sie lebt mit einem Träumer von Mann und einer Schwester, die den ihren zu verlassen versucht. Das alles ist mit Liebe für Details erzählt, lebensnah gespielt, voll von komischen und amüsanten Momenten und von Hoffnung. Ein Film, der irgendwie guttut, vielleicht eben auch deshalb, weil er uns nichts vormacht.»

Sônia und Irene (v.l.), die beiden Schwestern

 Ein buntes Farbenspiel unter Brasiliens Sonne

Was mir persönlich als Erstes bei diesem Film aufgefallen ist, das sind die heiteren, selbst im Dunkeln leuchtenden Farben. Die Kamera führte Pedro Faerstein, ist also dafür verantwortlich. Sie gibt das Sichtbare dessen wieder, was im Innern der Menschen abläuft, ist also auch das Verdienst des Regisseur bezeichnet werden. «Loveling» ist ein begeisternder Film auf das Leben, ohne dass dabei die Probleme des Alltags verschwiegen werden. Im Gegenteil: Es wimmelt nur so von Hindernissen auf dem Weg zum Glück. Doch Irene strahlt, von wenigen Momenten der Enttäuschung abgesehen, Zuversicht und weibliche Stärke aus. Vielleicht ist Pizzi hier ein realistisches Märchen gelungen, falls das möglich ist.

Die Familie beim Sonntagsausflug

Welche Mutter, welcher Vater kennt das nicht?

Eigentlich wissen wir es alle: Als Eltern haben wir die Kinder aufgezogen und müssen sie einmal loslassen; denn es sind eigene Persönlichkeiten, die uns nicht gehören. Doch reden ist leichter als tun. «Loveling» zeigt uns das unterhaltsam und einfühlsam. – Auf eine philosophische Weise bringt uns der libanesische Schriftsteller Khalil Gibran (1883 –1931) in seinem berühmten Text «Eure Kinder» im Buch «Der Prophet» Ähnliches nahe. Hier ein Ausschnitt:

«Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Es sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, doch nicht von euch.
Und sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
doch nicht eure Gedanken.
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Leib behausen, doch nicht ihre Seelen.
Denn ihre Seele wohnt im Haus von Morgen,
das ihr nicht betreten könnt, selbst nicht in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,
aber versucht nicht, sie euch gleich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts,
noch verweilt es im Gestern.»

Titelbild: Irene, hin- und hergerissen

Regie: Gustavo Pizzi, Produktion: 2018, Länge: 95 min, Verleih: trigon-film

 

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