17.12.2018 - Linus Baur

Endlostexte in Monsterhand

Höchst vergnüglich: Regisseur René Pollesch inszeniert am Schauspielhaus Zürich «Ich weiss nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini Studien)»

Ein Theaterabend mit René Pollesch, das ist wie in einen reissenden Strom aus Worten steigen, der nie zu versiegen scheint. Seine Stücke sind Endlostexte, die nicht mehr um dramatische Figuren kreisen, weil diese Figuren keine Charaktere mehr sind, sondern lediglich Wortgefässe. Es sind Wortgefässe, von denen man sich mitreissen lässt oder rettungslos untergeht. Überraschend ist ein Pollesch-Abend mittlerweile nicht mehr, aber immer ein einzigartiges Erlebnis.

Alles Leben ein Prozess des Niedergangs

In seinem neusten Werk «Ich weiss nicht was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini-Studien)», das auf der Pfauenbühne des Zürcher Schauspielhauses uraufgeführt wurde, treiben die zwei Schauspielerinnen K (Kathrin Angerer) und R (Marie Rosa Tietjen) und der Schauspieler M (Martin Wuttke) in Robin-Hood-Kleidung das Stück voran, die vorgängig eine Sechsstundenfassung von Shakespeares Sommernachtstraum gespielt haben. Erschöpft vom Auftritt, sitzen sie vor dem illuminierten Vorhang am Bühnenrand und schwadronieren darüber, dass irgendetwas passiert ist. War das Stück zu lang, zu kurzweilig, zu unterhaltsam? Die Spieler wissen es nicht, wissen nicht mal, was sie die letzten sechs Stunden auf der Bühne gemacht haben. Schnell ist die Erklärung gefunden: «…dass im Grunde alles Leben ein Prozess des Niedergangs ist». Und dass es im Leben «Knacks braucht, um vital wieder neu anfangen zu können».

Kuscheln in Monsterhand (v.l.): Marie Rosa Tietjen, Kathrin Angerer, Martin Wuttke. 

Mal lakonisch, mal genervt, mal nachdenklich, in sich gekehrt, mal sehr heiter, reden, diskutieren die drei Wortgefässe miteinander. Immer deutlicher wird, dass es um das Innere geht, um letzte Dinge und das Dazwischen. Und immer wieder ist von «Knacks, Drama, Terror» die Rede. So sagt M: «Weisst du, ich sitze vor dir und denke, vielleicht könnte man mal vom Drama wegkommen und sich eher um den Sprung kümmern, den dein Leben bekommen hat, was ist das für ein Knacks. So was eben. Und nicht immer dieses Drama! Dieser Terror!»

Eine Monsterhand zum Kuscheln

Auch diesmal werden viele Worte gemacht über die Unmöglichkeit, angesichts der Informationsflut miteinander klar zu kommen. Die Sätze rauschen einfach vorbei oder treten auf der Stelle. Man hört gespannt zu, ohne dass man weiss, was es bedeuten kann und soll. Die Dialoge jedenfalls sind grandios und kurzweilig, gespickt mit vielen Zitaten und Hinweisen von Sigmund Freud und anderen mehr. Das Gleiche gilt für das Bühnenbild von Barbara Steiner: Eine gepolsterte Monsterhand an Drahtseilen vor einer idyllischen Wasserfall-Kulisse senkt sich herab und lädt die Schauspieler zum Kuscheln ein. Es ist wohl die Riesenhand von King Kong, von K einfach «Mäxie» genannt. Die Spieler legen sich rein, ranken sich hoch, hadern mit dem Monster oder vollführen allerlei Verrenkungen wie M beim Versuch, die ideale Schlafposition zu finden.

Schwadronieren am Bühnenrand (v.l.): Marie Rosa Tietjen, Kathrin Angerer, Martin Wuttke. Fotos: Lenore Blievernicht.

Grosses Lob verdienen die drei Darsteller Kathrin Angerer, Marie Rosa Tietjen und Martin Wuttke, die schön verquer, aber sprachgewaltig ihre Rollen als Wortgefässe meistern. Dabei entpuppt sich Martin Wuttke als geschickter Verwandlungskünstler, der immer wieder seine Ich-Verwerfungen mit neuen Perücken und Bärten demonstriert. Grossartig auch Kathrin Angerer, wie sie maliziös mit «Mäxie» hadert und wie eine Stummfilm-Diva herumstolziert.

Alles in allem, geboten wird ein Wortspektakel der besonderen Art. Polleschs Sätze wirken wie Flipperkugeln, die sinnlos durch den Hirnkasten rasen und ein leicht wirkendes, sprühendes Vergnügen bereiten. Dafür gabs am Premierenabend langanhaltenden Applaus.

Weitere Spieldaten: 17., 21. Dezember, 6., 11., 13., 17., 24., 31. Januar 2019

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