08.03.2018 - Andreas Iten

Für wen schreibe ich?

In einem schriftlich festgehaltenen Gespräch stiess ich auf eine Stelle, die mir zu denken gab und mich veranlasste, mein Schreiben zu reflektieren.

Ich weiss nicht, ob es allen, die Kolumnen oder Geschichten schreiben, ähnlich geht wie Franz Tumler (1912-1998). Im einem Gespräch befragte Joseph Zoderer (geb. 1935) den hochgeschätzten Tumler, ob er mit seinem Werk zufrieden sei. Tumler antwortete, er habe unermüdlich gearbeitet.  

T: Ich meine, das Ganze ist ja eine sehr fragwürdige Sache, was man da gemacht hat.

Z: Dieses Schreiben? Bücher schreiben?

T: Ja

Z: Fragwürdig inwiefern?

T: Was kommt dabei heraus?

Z: Aber was kommt denn heraus, wenn einer Politik macht?

T: Noch weniger, wahrscheinlich.

Leben und arbeiten viele Schreibende vergebens? Am Erfolg und an der Anerkennung gemessen könnte man es meinen. Ich habe schon immer Kolumnen geschrieben. Dabei dachte ich manchmal an den Spruch, den man kritischem Denken gegenüber hört: „Die Hunde bellen, und die Karawane geht weiter.“ Also stellte ich mein Schreiben in Frage. Was soll das denn? Die Wirkung ist klein. Kürzlich traf ich im Bahnhof Luzern einen Kollegen, den ich lange nicht mehr gesehen hatte, aber von früher gut kannte. Er sprach mich auf meine Kolumnen an. „Ach, ja“, sagte ich, „was nützen sie schon?“ Es mag ein wenig nach Resignation geklungen haben. Da meinte er: „Deine Kolumnen sind wichtig. Nicht weil sie viel bewirken, sondern weil sie die Leser, die ähnlich denken wie du, berühren und bestätigen.“ Aha, sagte ich mir, das ist ein Aspekt, den ich bisher nicht beachtet habe.

Zoderer versuchte Tumlers Zweifel mit einem ähnlichen Einwand zu beschwichtigen: „Wenn nur fünf gescheite Leute deine Arbeit schätzen würden, dann macht sie schon Sinn.“ Wenn ich schreibe, kann ich meine Erlebnisse verdauen. Und da viele Menschen ähnliche Erlebnisse oder Erfahrungen, Gedanken oder Meinungen mit sich herumtragen, entlaste ich sie mit einer Bestätigung, weil sie selber nicht schreiben können oder wollen. Das musste einmal gesagt werden, denken sie. Hat der Schreibende das Vertrauen der Leser erworben, ist das für ihn eine Bestätigung.

Denke ich schreibend wirklich an die Leserinnen und Leser? Nein, das tue ich nicht. Ich gehe von dem aus, was ich erlebe und denke. Gelingt mir der erste Satz, auch der Text gefällt mir, ist dies wie ein kleines Glück. Ich bin ein Glücksjäger. Schriftsteller sind Jäger. Sie halten dauernd Ausschau nach einem Bock, den sie erlegen können. Sie haben mehr Interesse am Schreiben als an dem, was andere damit machen. Ich bin mir wie Tumler bewusst, dass die Geschichten und Kolumnen zwar aus der Wirklichkeit stammen, dass sie aber nicht mehr existent ist, weil sie fortan nur noch als geschriebener Text existiert. Ich habe sie aus der Hand gegeben. Nun schwirren die Kolumnen gar digital durch den Äther. 

Auch Bücher haben, wie die alten Römer sagten, ihr eigenes Schicksal: „Habent sua fata libelli“. Dieses kann man wohl auch von den Kolumnen annehmen. Letzthin habe ich ein Echo erhalten, weniger ein Lob, als eine Bestätigung dafür, dass eine Schweizerin in Italien meine Kolumne abgefangen hatte. Gefallen oder nicht gefallen? Ich frage nicht. Scribit enim ipse auctor - der Autor schreibt letztlich für sich selbst – um der Sache willen und für sein eigenes Glück.

 

Kommentare

Nach 5 Stunden Obstbäume schneiden sehe ich Andreas Itens Selbstzeifel an Nutzen und Sinn des Blogschreibens in meiner eigenen Tätigkeit. Immerhin ist das Lesen seiner Blogs für mich und sicher auch für etliche weitere anregend. Mag sein als einem von wenigen. Mit den Apfelbäumen geht es mir ähnlich: Die Früchte werden ab Herbst nur im weiteren Familienkreis und darüber hinaus einer sehr beschränkten Zahl von anderen Geniessern zu Nutzen und Frommen sein. Trotzdem macht mit die Arbeit Freude.

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