14.01.2019 - Judith Stamm

Frume edle Pure

Immer wieder ist das Buch von André Holenstein: "Mitten in Europa" in meinem Umfeld empfohlen worden. Immer wieder nahm ich mir vor, es zu lesen. Jetzt habe ich es getan.

Der erklärende Satz zum Titel des Buches von Holenstein heisst: "Verflechtung und Abgrenzung in der Schweizer Geschichte". Ich habe vom Vorzug des Alters, der Zeitsouveränität, Gebrauch gemacht und das Buch in einem Zug gelesen.

Und ich habe es auch zum richtigen Zeitpunkt gelesen. Die Diskussion um ein "Institutionelles Abkommen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union" beherrscht die politische Diskussion in unserem Lande. Das Buch liefert dazu Hintergrundinformationen par excellence.

Am Nachmittag des 15. Januars wird, ab 13.30 Uhr, die Anhörung von Experten zum Abkommen in der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrates im Internet übertragen.

Das ist aussergewöhnlich, aber gemäss Art. 47 Abs. 2 des Parlamentsgesetzes möglich. Grundsätzlich sind Kommissionsberatungen vertraulich. Es sind sechs renommierte Expertinnen und Experten eingeladen.

Die Übertragung findet in der Originalsprache auf dem Youtube-Kanal des Parlamentes und auf der Website https://www.parlament.ch/de per Video-Livestream statt.

Vor zwanzig Jahren habe ich meine Nationalratslaufbahn abgeschlossen. Und bin hochbeglückt, dass ich heute, via Internet, an dieser wichtigen Kommissionssitzung teilnehmen kann. Ohne mich von der Stelle zu bewegen. Welche Erweiterung der technischen Möglichkeiten!

Die Schweiz und Europa

Warum passt das Buch von Holenstein so ausgezeichnet zur Fragestellung über unser Verhältnis zur EU, womit wir uns gegenwärtig so abmühen? Es zeigt auf, wie die Schweiz während Jahrhunderten gewachsen und geworden ist. Auch, aber nicht nur aus eigenem Willen, sondern als Resultat des Wechselspiels mit den europäischen Mächten. Es gab seit Jahrhunderten interne Zusammenschlüsse zwischen den einzelnen Orten der Eidgenossenschaft. Diese waren aber auch selbständig in Allianzen europäischen Mächten verpflichtet.

Und zwar mit unterschiedlichen Partnern, welche ihrerseits durch den Verlauf der Geschichte hindurch immer wieder verfeindet waren, gegeneinander Kriege führten. So hatten die Orte unterschiedlichen Loyalitäten zu entsprechen. Gegenüber ihren ausländischen Verbündeten aber auch gegenüber ihren inländischen  Bündnispartnern.

Holenstein zeigt die Verflechtungen in der alten Schweiz auf, die durch verschiedene Arten der Migration entstand. Durch die militärische Migration, die uns von klein auf als das  (nicht immer) lukrative Söldnerwesen bekannt ist. Durch die zivile Arbeitsmigration. Die Bündner Zuckerbäcker in den grossen Städten Europas erwecken heute noch meine Bewunderung. Die kommerziellen Verflechtungen durch den Vieh- und Käsehandel in Nachbargebiete der entsprechenden "Entsenderegionen". Und so weiter und so fort. Hinter allem stand ja auch eine administrative Infrastruktur zuhause und in den Empfängergebieten.

Holenstein entwickelt auch die Neutralitätsgeschichte des Territoriums, das wir heute Schweiz nennen. Von der Neutralität als Gebot einer Art Staatsräson bis zum Fundament einer nationalen Identität: aufgezwungen, anerkannt, akzeptiert!

Auch befasst er sich eingehend mit dem Sonderfall Schweiz. Zeigt auf, wie  der Kleinstaat Schweiz durch die Jahrhunderte hindurch gerade durch das Fehlen von Gemeinsamkeiten wie Sprache, Kultur, Konfession doch zu einem weitherum prägenden  Selbstbewusstsein kam.

Nationalcharakter

Als Nichthistorikerin denke ich, dass die Geschichte nicht nur aus Fakten besteht, soweit diese überhaupt eruierbar sind. Geschichte besteht auch aus Wahrnehmung, Einordnung, Priorisierung dieser Fakten. Und so ist es eindrücklich, zu verfolgen, wie Holenstein  der Suche nach dem schweizerisch-helvetischen Nationalcharakter Platz einräumt. Aufzeigt, wie zum Beispiel die Widersprüchlichkeit zwischen der Praxis des schweizerischen Solddienstes und der Kritik daran zu Konstanten unserer Geschichte gehören. Die Selbststilisierung der Eidgenossen zu "frommen edlen Bauern" im Gegensatz zum sündhaften, verkommenen Adel, nehmen wir mit einigem Erstaunen zur Kenntnis. Widersprüchlichkeit scheint zum Fundament unseres Selbstverständnisses zu gehören.

Sehr aufschlussreich erweist sich eine der verschiedenen hilfreichen Tabellen, die mit "Die Schaffung des positiven eidgenössischen Selbstbildes aus der Umwertung negativer Fremdbilder" überschrieben ist (S. 251). Da lesen wir zum Beispiel über  "Wirtschaft und Wohlstand" im negativen Fremdbild: "Ein armes, übervölkertes, weitgehend unfruchtbares Land ohne Rohstoffe und ohne Meeranstoss" und im positiven Selbstbild: "Ein Land, das die Ungunst seines Naturraumes mit harter Arbeit, Fleiss und Erfindergeist kompensiert und sich aus eigener Kraft einen beneidenswert hohen Wohlstand erschafft."

Unzivilisiert oder tugendhaft?

Etwas weniger erfreulich wurden die Bewohner der Alpen im 16. und besonders im 18. Jahrhundert wahrgenommen: "Rohe, unzivilisierte, triebhafte, geldgierige, gewalttätige, sodomitische Wesen" werden sie genannt. Selbst sehen sie sich als einen "starken, tugendhaften, tapferen, freien, natürlichen Menschenschlag".

Die Tafel ist auch überschrieben mit "Stigmatisierung der Eidgenossen" und "Stigma-Management durch die Eidgenossen". Offenbar tragen wir in unseren Genen seit Jahrhunderten auch ein PR-Talent mit!

Die Lektüre des Buches benötigt Zeit. Aber den geduldig Lesenden wird eine Fülle von Fakten, Zusammenhängen, Wechselspielen erschlossen, die unser geschichtliches Erbe bedeuten. Dieses Erbe wird in der heutigen politischen Diskussion wieder topaktuell! Und kann uns vielleicht die eine oder andere Erklärung zu verworrenen Situationen, zu unversöhnlich scheinenden Standpunkten liefern.

André Holenstein: "Mitten in Europa. Verflechtung und Abgrenzung in der Schweizer Geschichte". 2014. Hier und Jetzt, Baden. ISBN 978-3-03919-323-3

Abonnieren Sie unseren Newsletter seniornews: 
Nach Oben