29.06.2017 - Andreas Iten

Gelassenheit und Heiterkeit

Es manifestiert sich immer mehr eine Sehnsucht nach einem Leben, das nicht dem lauten Trend der Zeit folgt. Es lohnt sich, dieser auf die Spur zu kommen.

Es ist unbestritten: Wir leben in einer hektischen Zeit. Alles ist auf Tempo ausgerichtet. Subito muss es gehen. Wir surfen in digitalen Welten. Nun glaube ich aber, dass sich in der stets auf die Realität reagierenden Einbildungskraft eine Gegenkraft zu entwickeln beginnt, die das Denken des Menschen beeinflusst. Wir spüren, was sich in unseren Träumen und unserer Einbildungskraft ankündigt. Peter Zumthor hat dies bei seinem Auftritt in der „Sternstunde Philosophie“ vom 18. Juni, leise, in suchenden Worten angedeutet. Er sprach davon, dass er bei seiner Arbeit immer gelassener werde und seinen Bauten versuche, eine spürbare Heiterkeit zu geben. Das sei neu bei ihm und er sei er erst auf der Suche darnach. Wenn sich ein Architekt, der sich zugleich als Künstler versteht, von solchen Gedanken bewegt sieht, dann scheint dies exemplarisch zu bedeuten, dass ein neuer Geist, öffentlich kaum wahrnehmbar, dem herrschenden Zeitgeist zu widersprechen beginnt.

Es ist ja nicht so, dass wir denken, sondern vielmehr kommen die Gedanken zu uns. Anders formuliert, es denkt in uns. Der Anstoss zum Überlegen einer Sache kann zwar gesteuert beginnen, aber alsbald kreisen die Gedanken in freier Assoziation um den Gegenstand. Fokussiere ich meine Gedanken auf Zumthors Bemerkung über Gelassenheit und Heiterkeit, beginnen sich bei mir Gedanken zu verbinden, die mich überraschen. Peter Zumthor baute ein viel bewundertes Bad. Wie kommt er auf den Gedanken, er müsse heiterer bauen? Spielt da die Erinnerung an seine Kindheit eine Rolle? Ergeht es ihm wie mir? Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, wird für mich plötzlich zu einer poetischen Inspiration. Es beginnt in mir zu dichten. Das Haus, die Wohnung, wird gegenwärtig. Ihr Duft, ihre Enge, das knatternde Holz, die ausgetretene Holztreppe erwacht aus dem Innern. Die schwarze, dunkle Wohnküche wird heiter, weil darin viel gelacht und erzählt worden ist.

Viele meiner Erinnerungsbilder haben mit dem Haus meiner Kindheit zu tun. Meine Erinnerungen umkreisen das Haus. Es könnte der Mittelpunkt einer längeren Erzählung werden. Denke ich etwa an das niedrige Schlafzimmer, in das ich, gross geworden, über die Schwelle ging und den Kopf einziehen musste, dann ist das Schlafzimmer präsent. Wie ist das Haus in mir entstanden? Verse fallen mir ein und ein kleines Gedicht entsteht:                                                                         

Weisst du nicht, wie das Elternhaus
in dir entstanden? Nicht?
Ähnlich wie
das Haus der Schnecke.
Es war einfach da,
selbstverständlich da.
Keinen Tritt
würdest du verfehlen im
grossen, mächtigen Bauernhaus,
wo du als Kind
die Fühler ausgestreckt hast.

Als ich Peter Zumthor zuhörte, schien es mir, er hole seine schöpferischen Ideen aus seinem Vaterhaus. Er sprach von Räumen, die wachsen müssen, von der Sorgfalt der Planung und von der fachlichen Ausführung durch Handwerker. Sein Haus der Jugend muss noch immer in ihm wirken und seine Einbildungskraft beflügeln, selbst dann, wenn er ein Kunstmuseum oder eine Kapelle plant. Das unbewusst im Menschen gewachsene Haus in einer unvergesslichen Landschaft wirkt im Leben jedes Menschen auf vielfältige Weise nach. Da stellt sich die Frage, wie sich Menschen fühlen, wenn sie ihre Kindheit in einem 20-Stockwerk hohen Haus erlebt haben, dem Erdboden, der Natur, den zugänglichen Dingen entfernt? Entsteht da nicht ein anderer Typ Mensch? Ein urbaner, der mit den Wolken lebt und erst im Zoo mit Tieren zusammenkommt?

Verfolge ich den leisen Klang der menschlichen Sehnsucht, glaube ich zu spüren, dass sich eine Widerrede zum Trend der Zeit, zur technischen digitalen Welt bemerkbar macht. Immer mehr Zeitungsartikel beschäftigen sich mit der Unwirtlichkeit der Welt, stemmen sich gegen die Entmenschlichung so, dass sogar ein Manifest „Wider den Transhumanismus“ (NZZ vom 19. Juni) publiziert wurde. Es erinnert daran, dass sich der Mensch im Grunde nicht verändert hat. Seine Gefühle, sein Spürsinn, seine Lebensdrang sind die immer gleichen. Wer es nicht glaubt, der lese antike Autoren und vergleiche die Wünsche von damals mit den unseren. Im Menschen wirkt und webt eine Sehnsucht nach einem Leben, das für ihn sinnvoll ist. Mündliche und schriftliche Äusserungen lassen vermuten, dass heute die Einbildungskraft nach Räumen sucht, in denen sich der Mensch wohl und geborgen fühlt. Es manifestiert sich eine Suche nach dem verlorenen Realen.

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