29.12.2016 - Andreas Iten

Gibt es auf Erden ein Mass?

Die Kolumne spricht von der Masslosigkeit des Menschen. Während ich schreibe, blicke ich von meinem Arbeitsplatz auf die Häuser am Hang.

In der Hymne „In lieblicher Bläue“ stellt der Dichter Friedrich Hölderlin die Frage, ob es auf Erden ein Mass gebe, ob der Mensch ein Ebenbild der Gottheit sei. „Ist unbekannt Gott? Ist er offenbar wie die Himmel?, dieses glaub' ich eher. Des Menschen Mass ist's.“ Und gerade deshalb sagt der Dichter „Es gibt keines“, denn es ist schwierig, das richtige Mass zu finden. Schon damals, als er die Hymne schrieb, gab es Krieg. Er blickte als ehemaliger Hauslehrer auf die Liebe zu Susette, der Frau des Bankiers Gontard, zurück, die in einer Katastrophe endete. Gontard vertrieb Hölderlin aus dem Haus und er trennte sich von Susette. Seit 1807 wohnte der siebenunddreissig jährige Hölderlin in Tübingen, im Turm eines Tischlers. Die Ereignisse verwirrten seine Sinne und zerstörten sein Leben. 1808 als er das Gedicht schrieb, war Napoleon schon vier Jahre selbst gekrönter Kaiser und versuchte Europa zu unterjochen.

„Gibt es auf Erden ein Mass? Es gibt keines.“ Die Natur kennt es nicht, der Mensch verliert es aus den Augen. Erdbeben, Tsunami, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche, Trockenheit, Klimaveränderung, … „es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers.“ Und mitten drin der Mensch mit seinem Begehren. „Der Kampf um das Überflüssige bietet einen grösseren geistigen Anreiz als der Kampf um das Notwendige. Der Mensch ist ein Geschöpf des Begehrens, nicht aber ein Geschöpf des Bedürfnisses.“* Sein Begehren kann ins Unermessliche wachsen. Es kann unersättlich werden. Erreicht der Mensch nicht, was er begehrt, plagt ihn Unzufriedenheit.

Der Unternehmergeist schuf gewaltige Werte. Doch wollte der Mensch stets mehr. Er erfand die Finanzindustrie. Durch kluge Anlagen und Spekulationen liessen sich leicht Millionenvermögen erreichen. Bald lockte die Milliarde. Das Internet löste die Kommunikation mit Telefon und Telefax ab. Es folgten Google, Facebook und Twitter. Sie riefen den entfesselnden Untergrund mit dem Shitstorm von Meinungen und Verunglimpfungen auf den Plan. Jedermann kann Behauptungen ins Netz stellen, die nicht der Tatsache und der Wahrheit entsprechen. Hoch oben auf dem Tower sitzt Donald Trump. In Petersburg haben sich Putins Trolle eingerichtet. Eine „Netzkultur“, die mit verzerrenden Nachrichten und gefälschten Fakten um Macht kämpft, die sich auf emotionale Provokationen gegenüber Gegnern und Feinden eingerichtet hat. „Gibt es auf Erden ein Mass?“ sang der grosse Dichter nahe am Wahnsinn. Und wir stehen mitten in der Masslosigkeit, sind Täter, Zuschauer, Leidende, Erleidende oder Ohnmächtige geworden.

Es ist schwierig, sich dem Mainstream einer Zeit zu entziehen. Stets geraten die Menschen nach ruhigen Phasen der Geschichte ins Masslose. Viele Menschen ziehen sich dann zurück, sie verpuppen sich in der Larve der eigenen Welt. Sie sind froh, dass sie im kleinen, eigenen Kreis ein gutes Leben geniessen können. Auch Hölderlin, der mit seiner Welt nicht zurecht kam, schrieb euphemistisch: „...doch dichterisch wohnet / der Mensch auf dieser Erde.“ Nicht vielen Menschen ist es vergönnt, dichterisch zu leben. Aber sind wir nicht alle aufgerufen für eine bessere Welt zu kämpfen? Wo Sicherheit herrscht, ist Frieden möglich. Wo nicht der Mangel dirigiert, kann das Leben gut sein. Wo der Mensch sich zähmt, herrscht das Mass.

Die Häuser am Hang liegen im Sonnenlicht. Es herrscht sonntägliche Ruhe. Wenige Autos fahren die Strasse hinauf und hinunter. Leute spazieren gemächlich den Weg hoch, der schräg am Hang verläuft. Einige gehen im Wanderschritt bergwärts. Sie sind zufrieden, scheint es, und ich komme auf den Gedanken, dass es im Strom der überbordenden Welt Menschen gibt, die ihre kleine Welt schätzen, zu ihrem engsten Kreis Sorge tragen, den Garten pflegen. Sie entgehen dem Zwang der Masslosigkeit. Letztlich sind sie es, die eine Gesellschaft zusammenhalten, auf die sich ein demokratischer Staat stützen kann. „Des Menschen Mass ist's“, was die Welt lebenswert macht.

* Gaston Bachelard: Psychoanalyse des Feuers

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