10.01.2018 - Joseph Auchter

Grandseigneur Helmut Hubacher

1918 - 1968 - 2018: drei politische Eckdaten der Schweiz und die Legende Helmut Hubacher als profunder Deuter und unbestechliches Gewissen: eine Sternstunde im Landesmuseum. 

Die von Schweizer Medienhäusern im Auftrag des Landesmuseums verantwortete Dienstagsreihe startete das neue Jahr mit einem Rückblick auf den Generalstreik von 1918, die aufmüpfige Protestbewegung von 1968 und einem Ausblick ins Heute. Wer wäre als Zeitzeuge berufener gewesen, einem vollbesetzten Auditorium Anschauungsunterricht erster Güte zu erteilen, wenn nicht der Doyen der Schweizer Politik, der bald 92-jährige Helmut Hubacher?  

Hannes Nussbaumer, Ressortleiter des Tagesanzeigers, hatte als Fragesteller leichtes Spiel, denn die SP-Lichtgestalt Hubacher wusste in einer spannenden Geschichtslektion seinen Lebenslauf aus dem Stegreif mit den z.T. brisanten Wegmarken zu verknüpfen, Anekdote an Anekdote zu reihen und ein ganzes Jahrhundert Schweizer Geschichte zu evozieren. Weshalb der Generalstreik von 1918 auch heute noch eine solche Bedeutung habe? „Es gab nur einen, aber daran nahmen 10% der Schweizer Bevölkerung teil“, war die launige Antwort. Italien und Frankreich müssten hingegen - um ihrer Vielzahl willen - jährliche Gedenktage abhalten.

Helmut Hubacher, unbestechlicher Zeitzeuge über drei Eckdaten der Schweizer Geschichte

Der blendend disponierte Causeur wuchs bei seinen Grosseltern in bescheidenen Arbeiterverhältnissen in Zollikofen auf, da sich seine Eltern bereits trennten, als er dreijährig war. Der Grossvater war Gewerkschafter und einer von 250’000 aktiv Streikenden, in einem Land, das damals 2,5 Mio. Einwohner zählte. Seine Rechtschaffenheit und sein solidarischer Schulterschluss mit der Arbeiterbewegung habe ihn politisiert, bekannte der Gast, und so trat er nach Jahren als SBB-Stationsbeamter der Juso und 1956 dem Grossrat in Basel bei und lernte das journalistische Handwerk, dem er heute noch in der Basler Zeitung mit wöchentlichen Kolumnen frönt.

Dem Rat der Vorgesetzen blieb er ein Leben lang treu: „Schreib nicht gescheiter, als du bist und teile dich so verständlich mit, dass sich alle angesprochen fühlen.“ Seine moderate, konsensorientierte Linie wurde aber auch im Nationalrat geschätzt, dem er von 1963 bis 1997 angehörte, und erst recht als Präsident der SP Schweiz von 1975 bis 1990.

Die Arbeiterschaft von Grenchen im Generalstreik von 1918

Dass Robert Grimm und Ernst Nobs, aber auch Walter Bringolf prägende SP-Aushängeschilder waren und auch der unbequeme Jean Ziegler zwischen dem rechten und dem linken Flügel Platz haben sollte, entsprach Hubachers stets vermittelndem Credo. 1968 habe er eigentlich verschlafen, meinte er knochentrocken, aber die Partei sei dadurch demokratisiert worden und habe die Frauen zunehmend ernster genommen und gefördert. 

Der von James Schwarzenbach und danach Valentin Oehen erfolgreich geschürte Nährboden latenter Fremdenfeindlichkeit verschwieg der Vollblutpolitiker so wenig wie das Bedauern, einen Teil der Arbeiterschaft an die SVP verloren zu haben. Die Fairness, mit der Hubacher auch prägende Figuren wie den Appenzeller Raymond Broger oder den Tessiner Nello Celio würdigte, offenbarte seine Sympathie auch für die bürgerliche Mehrheit, der er attestierte, dass sie der AHV zu einem Erfolgsmodell verhalf, das weltweit ihresgleichen sucht und die seit 1848 (immerhin seit 170 Jahren) auch sozialpolitischen Anliegen positiv gesinnt ist: „Dieter Bührle brauchte die AHV nicht, aber die AHV brauchte Dieter Bührle", der jährlich über 400’000 Franken in das beispielhafte Sozialwerk einzahlte.

Nicht verwunderlich, wenn er zum Schluss dem damaligen Bundesrat Willi Ritschard ein freundschaftliches Kränzchen flocht und dem kolportierten Gerücht widersprach, Peter Bichsel habe dessen Reden geschrieben. Träf und volksverbunden war er selbst. So wie Helmut Schmidt für die Bundesrepublik Deutschland bis ins hohe Alter zum weitsichtigen, vorbildlichen Staatsmann wurde, so ist auch Helmut Hubacher zum unverzichtbaren politischen Gewissen der Schweiz herangereift. Der warmherzige Applaus bezeugte die Solidarität mit seinem untrüglich wachen Geiste. 

Kommentare

Das ist eine wunderbare Hommage an Helmut Hubacher. Gefällt mir ausgezeichnet!

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