02.10.2018 - Patrik Landolt

Hans Hassler ein Handörgeler von Weltruhm

Mit dem Innerschweizer Kulturpreis 2018 wurde der Musiker Hans Hassler (*1945) ausgezeichnet. Die Laudatio.

Wen kümmert's, wer spielt?“ Diese auf die Musik angewandte Äusserung des Schriftstellers Samuel Beckett „Wen kümmert's, wer spricht?“ fragt nach der Rolle des Autors. Lässt sich die Musik ohne Kenntnis der Biografie des Musikers verstehen? Oder versperrt die Biografie des Künstlers – das Leben des Musikers – den Blick aufs Werk? Wer Hans Hassler live erlebt oder seine CDs hört, findet bei jedem Ton Hinweise auf den Menschen. Eine reichhaltige Musik korrespondiert auf verschlungenen Wegen mit einer reichhaltigen Persönlichkeit – mehrdimensional und offen. Allein schon die Erscheinung von Hans Hassler – sein Bart mit der fein gezöpfelten Strähne in der Mitte, sein Zopf im Nacken – verführen zu Projektionen. Wie passt diese Erscheinung zu seiner Neigung für schnelle Autos, für Rennvelos? Zu seinem freien Geist. Wie passt der Ländler zur Avantgarde? Wie der der Schalk zu seiner Behutsamkeit, seinem Tiefgang, auch seiner Melancholie?

Hans Hassler mit dem Akkordeon Jupiter. Foto: © Francesca Pfeffer

Beginnen wir mit einem wunderbaren Zitat: Der Luzerner Jazzkenner und Journalist Pirmin Bossart führt mit poetischen Worten in die erste Solo-CD von Hans Hassler mit dem Titel Sehr Schnee, sehr Wald, sehr ein. Er schreibt: „Unbeirrt mäandert Hans Hassler durch die Topografien seiner musikalischen Heimat. Er kennt sie alle: Die Hügel ferner Volksmusik, die Täler der Verschmitztheit, die Schluchten der Improvisation, die offenen Weiten des Augenblicks.“ Und weiter: „Alle Etappen seiner langen musikalischen Erfahrung blitzen darin auf. Die Verwegenheit ist da, die schräge Virtuosität, die Eigenbrötlerei.“

Hans Hassler lässt sich Zeit. Im Alter von 62 Jahren spielte er dieses erste Soloalbum ein. Auf diese Art zu improvisieren – im Moment zu erfinden, weit auszuholen, so explosiv und überbordend, poetisch und lyrisch zugleich zu spielen –, das zeugt von Erfahrung. Hans nimmt sich Zeit. Er hat das Glück, aus einem musikalischen Haus zu kommen. Sein Vater, Stadtarbeiter in Chur, war Bassist bei der Ländlerkapelle Calanda. Mit der Bündner Ländlermusik ist Hans grossgeworden. Mit seinen beiden Brüdern Werner und Claudio trat er als Hassler-Buebe auf und wurde weitherum bekannt.

Die Hassler-Buebe im Casino Zug bei der Kulturpreisfeier: Aufspielen wie damals, ein selten gelungener Coup für die vielen Freundinnen und Freunde aus Graubünden, der Innerschweiz und sogar aus Dänemark. Foto: © Usha Fath

Hans wuchs wie die meisten Bündner Ländlermusiker ohne Harmonielehre auf. Er spielte aus der Intuition, aus dem Gespür. Hans bewunderte die virtuosen Innerschweizer wie etwa Edi Bär. Hassler schildert: „Bei dem war ich einmal in den Ferien. Er war ein wahnsinnig guter Klarinettist, technisch brillant. Die Bündner hingegen waren Amateure, Bauern, Arbeiter, und galten etwas minderwertig in der Schweizer Welt des Ländlers.“

Jahre später, 2014 – Hans Hassler lässt sich Zeit – setzt er den Bündnern mit seiner CD Hassler ein Denkmal, zusammen mit den drei Jazzmusikern Gebhard Ullmann, Jürgen Kupke und Beat Föllmi. Was für wunderbare Musik! Der Journalist Peter Rüedi,schreibt zu dieser Recherche du Ländler perdu“: „Im sanften Anarchisten, im Alpöhi Hassler steckt, sozusagen als innerste Babuschka, ein Traditionalist.“

Stimmt das? Hassler betont an mehreren Stellen, dass er den Ländler nicht desavouieren oder gar verhunzen wolle: „Es reizt mich, mit dem Material zu spielen, einzelne Elemente zu isolieren, zu verlängern, umzukehren.“ Dass er dazu ein offenes Publikum braucht, das bereit ist, mit ihm auf die Reise zu gehen, weiss Hans. Er hat auch Ablehnung erfahren. Der Sohn des Bündner Komponisten Hans Fischer reagierte verärgert auf die Art, wie Hans Hassler die Kompositionen seines Vaters spielt. Er forderte, dass die CD eingestampft werde. Und der Volksmusik-Papst Sepp Trütsch wetterte im Blick über Hans Hassler, als er fürs Fernsehpublikum an der Ski-WM spielte: „Ihm – Trütsch - platzte fast der Kragen.“ Überschrieben war der Text mit „Schiefe Töne und Frisur“.

Diese Auseinandersetzung geschah nicht in den Fünfzigerjahren, sondern 2017. In der Schweizer Volksmusik lodert ein Streit um die Definitionsmacht, was Schweizer Volksmusik ist und darf. Nun ja, wie klingt denn die Schweiz? Köbi Gantenbein, Architekturkritiker beim Hochparterre und Ländlerfan, kann nicht verstehen, wieso Hasslers Musik die Ländlerfreunde zum Knurren bringt: „Hörten sie zu, so hörten sie, wie Hassler sich vor der Tradition verbeugt. Es berührt mich, wie sanft und respektvoll er Fischer, Brüesch und Co. zeitgenössisch spielt und nicht einfach modisch gegen den Strich bürstet.“

Jürgen Kupke und Hans Hassler beim unerhört-Festival im Museum Rietberg. Foto: © Patrik. Landolt

Grosse Kunst ist weltläufig, auch wenn sie lokale Wurzeln hat – oder eher: gerade wenn sie lokale Wurzeln hat. Unter Hasslers Fingern ertöne sein „Akkordeonisch als Vox Humana, mit der sogar Tiere zu sprechen, ein Teppich zu fliegen, eine Sanduhr oder eine Nähmaschine zu tänzeln, ein König ohne Land zu klagen beginnen. – Eine Reise in eine vollkommen neue Welt“, schreibt die britische Kult-Musikzeitschrift The Wire.

In den Sechzigerjahren macht Hans in Chur die Matura und zieht ins Unterland. Er studiert Anglistik und Musikwissenschaft, ab 1969 Klarinette an der Musikakademie Zürich. Er gibt Musikunterricht, spielt in der Tonhalle, in der Oper, im Theater. Am Akkordeon hält er fest. So wie er auch den Bezug zum Bündner Ländler nicht verliert. Er lernt seine Frau Regula kennen. Regula erzählt im Fernsehportrait, wie Hans ein Jahr lang um sie geworben habe, als sie beide an der Musikschule in Steinhausen unterrichteten, sie Querflöte, er Klavier. Sie gründen eine Familie. Fünf Kinder ziehen Regula und Hans auf: Inga Lisa, Marion, Benigna, Aurel und Moritz.

Zum Heulen schön und ergreifend war das Solo von Hans Hassler, welches er neben einer freien Improvisation mit seinem Trio und der Ländlermusik mit seinen Brüdern bei der Feier im Casino Zug aus dem Akkordeon kitzelte. Foto: © Usha Fath

Als „Meteoriteneinschlag“ bezeichnet Hans Hassler die Begegnung mit dem dänischen Akkordeon-Pionier Mogens Ellegaard (1935–1995). Der grosse Meister des zeitgenössischen Akkordeons hat das moderne Akkordeon weiterentwickelt und ein neues Repertoire ermöglicht, indem er Werke in Auftrag gab. Hassler hörte Ellegaard am Schweizer Radio, telefonierte nach Kopenhagen und wurde von ihm eingeladen. Es entsteht eine Freundschaft mit Mogens und Margarete Ellegaard. Ellegaard eröffnet Hans Hassler den Kosmos der Neuen Musik. Als er 1995 stirbt, gibt seine Frau sein Akkordeon an Hassler weiter. Heute spielt er auf zwei Instrumenten von Ellegaard, zwei Spitzeninstrumenten Mythos und Jupiter genannt.

Die Begegnung mit Mogens Ellegaard öffnete den Weg zur Welt der Improvisation, den Klanguniversen aktueller Jazzmusik. Der Bandleader Mathias Rüegg lud Hans Hassler ins Vienna Art Orchestra ein, Hassler spielte mit dem Jazztrio Koch–Schütz–Studer und mit dem Berliner Saxofonisten Gebhard Ullmann. In der Band Habarigani des Zuger Trompeters Hans Kennel schliesst sich der Kreis. Im Zuge der Emanzipation des europäischen Jazz von den amerikanischen Vorbildern suchten europäische Jazzerinnen und Jazzer nach ihren eigenen Wurzeln, nach einer „Folklore imaginaire“.

Hans Hassler tritt auch mit Schriftstellern auf. Hier improvisiert er zu Texten von  Reto Hänny bei einer Lesung in Tschiertschen. Foto: E. Caflisch

Komik, Witz, Ironie, Phantasie, viel Poesie und eine ureigene künstlerische Sprache sind Merkmale von Hasslers Musik. Es sind Eigenschaften und Charakterzüge, die er mit einigen der grossen Schweizer Künstler teilt. Ich denke an den Schriftsteller Robert Walser, an den Theatermacher und Musiker Ruedi Häusermann oder an den Künstler Roman Signer. Alles höchst kreative Originale, deren künstlerische Qualitäten und Innovationen in ihrer Verspieltheit, in ihrem Schalk und Eigensinn gerne verkannt werden. Und deren Persönlichkeit der Schlüssel zum Geheimnis ihrer Kunst ist.
(leicht gekürzt)

Die erwähnten Solo-CDs von Hans Hassler finden Sie hier.
Und hier gibt es Musik von Hans Hassler.

Gastautor: 
Patrik Landolt
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