08.12.2018 - Linus Baur

Harmonien in Warteräumen

Mit seiner neusten Inszenierung «44 Harmonies from Appartment House 1776» erkundet der Theatermacher Christoph Marthaler die brüchige Welt der Harmonien.

Christoph Marthaler ist für seine einzigartige Bühnensprache und Ästhetik bekannt, die stets eine Collage aus Musik, gesprochenem Wort und extremer physischer Präsenz ist. Dieses Jahr ist er mit dem Internationalen Ibsen-Preis ausgezeichnet worden. Dieser Preis ist so etwas wie der Nobelpreis für Theater. Vor einem Jahr feierte der ehemalige, 2002 geschasste Intendant des Zürcher Schauspielhauses mit «Mir nämeds uf öis» eine triumphale Rückkehr auf die Pfauenbühne.

Textversatzstücke als Klangerlebnisse

Marthalers ganz eigene Bühnensprache ist nicht jedermanns Sache. Das wird einem einmal mehr bewusst, wenn man sich sein neustes Stück «44 Harmonies from Appartment House 1776» in der Schiffbau-Halle des Zürcher Schauspielhauses zu Gemüte führt. Es ist ein Stück von und über den amerikanischen Komponisten und Wortkünstler John Cage (1912 – 1992). Zu erleben ist ein recht skurriler Abend, der viel Geduld und Aufmerksamkeit erfordert. Da ist viel von «anarchischen Harmonien» (Cage) und Pilzen die Rede, eine konkrete Handlung ist nicht auszumachen. Dafür werden am laufenden Band rätselhafte und unverständliche Textversatzstücke als reine Klangerlebnisse geboten, angereichert mit schön gemixten Musikeinlagen von Cage, Satie, Bach, Beethoven, Mahler, Wagner und Textfragmenten von James Joyce, Gertrude Stein, Marcel Duchamp, Beatrice Egli und anderen mehr.

Zur chorartigen Gruppe versammelt (v.l. Nadja Reich, Vanessa Hunt Russel: vorne: Graham F. Valentine, Marc Bodnar, Susanne-Marie Wrage, Raphael Calmer; hinten: Elisa Plüss, Benito Bause, Bendix Dethleffsen, Ueli Jäggi).

Mit von der Partie sind vier züchtig gekleidete junge Cellistinnen, die als Herzstück des Abends John Cages titelgebende Komposition aus dem Jahr 1976 interpretieren, während die acht Schauspieler erstarrt den monotonen Klängen lauschen. Zwei Viertelstunden lang dauert der disharmonische Musikeinsatz, der im Zuschauerraum – abgesehen von einigem Murren - stoisch ruhig hingenommen wird. Ansonsten agieren die Schauspieler im Gleichschritt, treten schön aufgereiht auf und ab, verbeugen sich voreinander, formieren sich zu chorartigen Gruppierungen, zelebrieren unterschiedliche Harmonieversuche, verlieren sich in immer neuen wirren Gesprächen.

Personen in Gestalt von Harmonien

Zu Beginn stellt sich Ueli Jäggi vor das Publikum, verkündet die Kontaktnahme mit der Welt der Pilze, über die wir ja fast nichts wissen und die mit Menschen kaum kommunizieren können. Deshalb treten die Personen in Gestalt von Harmonien auf. Dazu hat die Bühnenbildnerin Anna Viebrock einen überdimensionierten Sandkasten im Vordergrund der Spielfläche erstellt, in den die Schauspieler zum Schluss der zweistündigen Vorstellung wie Pilze hineinkrabbeln und einschlummern. Zuvor werden Dutzende Metall-Notenständer auf der Bühne verteilt und mit einer Plastikgiesskanne begossen. Ein absurdes Bild der Hoffnungslosigkeit.

Der überdimensionierte Sandkasten als Endstation (im Bild Marc Bodnar). Fotos: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Die Schauspieler (Benito Bause, Marc Bodnar, Raphael Clamer, Ueli Jäggi, Bernhard Landau, Elisa Plüss, Graham F. Valentine, Susanne-Marie Wrage) zeigen ein perfekt choreografiertes Spiel. Jeder Blick, jede Geste ist formelhaft abgestimmt. Wie sinnentleerte Automaten agieren die Spieler auf der Bühne, rezitieren Nonsense-Verse, vollführen ritualisierte Bewegungen, betreiben verwirrende Erkundungen, telefonieren ins Leere, tanzen mit den Stühlen  oder sprechen gegen eine Betonwand. Gespielt wird in einer Art Versuchshalle mit höher gelegenen Büros, bestückt mit zwei Klavieren und einem Harmonium sowie zahlreichen Stühlen. Grossartig auch der Auftritt der vier Cellistinnen (Hyazintha Andrej, Isabel Gehweiler, Nadja Reich, Vanessa Hunt Russell), die mit ihren Instrumenten Perfektion statt Harmonie zelebrieren.

Marthaler geht mit seinem neusten Werk an die Schmerzgrenze des Ertragbaren. Man muss schon ein richtiger Marthaler-Fan sein, um seine einzigartige theatrale Ästhetik ohne Unruhe und Unbehagen geniessen zu können. Das Premierenpublikum jedenfalls war sehr angetan von der Marthalerschen Harmonielehre und bedankte sich mit respektablem Applaus.

Weitere Spieldaten: 16., 17., 19., 22., 23., 28., 29., 31. Dezember, 4., 6., 8., 9. Januar 2019

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