07.09.2018 - Linus Baur

Hohe Artistik pompös verpackt

Der Cirque du Soleil macht derzeit Halt in Zürich. Mit dem Programm «Totem» gastiert der kanadische Zirkus bis 14. Oktober auf dem Hardturm-Areal.

Kann man bei Cirque du Soleil noch von Zirkus sprechen? Wohl kaum. Cirque du Soleil ist ein gigantischer Unterhaltungskonzern mit Sitz in Montreal, der am Fliessband Märchen und Träume produziert und in die ganze Welt exportiert. Und das mit grossem Erfolg. Cirque du Soleil hat die Superlative auf seiner Seite: Rund 4000 Mitarbeiter hat das Unternehmen, darunter 1000 Artisten. Das Programm «Totem», das gegenwärtig in Zürich gezeigt wird, feierte 2010 seine Premiere und tourt seither durch die ganze Welt.

Konzeptzirkus mit akrobatischen Glanzleistungen

Cirque du Soleil bietet mehr als nur eine Abfolge guter Nummern. Es ist Konzeptzirkus mit vielen akrobatischen Glanzpunkten, schön verpackt in eine märchenhafte Rahmengeschichte und begleitet von lauter Livemusik und zahlreichen Showelementen. In «Totem» wird die Geschichte der menschlichen Evolution dargestellt, von ihren amphibischen Anfängen bis in die Gegenwart. Primaten, Neandertaler und Amphibien bevölkern die Bühne, sorgen für circensischen Klamauk. Das alles findet in einer Kulisse der grossen Aufbauten, der glitzernden Dekorationen und der funkelnden Kostüme statt.

Die Bühnenform erinnert an eine Schildkröte, Symbol für den Ursprung des Lebens.

Dominiert wird die Show vom Skelett einer Riesenschildkröte, das sich anfänglich über die ganze Arena stülpt und für allerlei akrobatische Turnübungen benutzt wird. Dahinter auf einer gekippten Scheibe werden nie endend faszinierende Naturgewalten projiziert, die den gesamten Prozess der Evolution – teils mit ironischem Blick - darstellen. Alle Auftritte sind schön choreografiert, geboten wird eine Menge Humor, doch die echten Höhepunkte sind die akrobatischen Auftritte, die höchste Artistenkunst verraten und das Publikum mitreissen.

Mischung aus Kitsch, Varieté, Ballett und Akrobatik

Sie hier alle aufzuzählen und zu würdigen, würde den Rahmen dieser Kritik sprengen. Auf einige sei hingewiesen. Da sind die fünf Einradfahrerinnen, die anmutig und mit höchster Präzision Metallschüsseln mit ihren Füssen in die Höhe werfen und mit den Köpfen auffangen, ohne die Hände zu benutzen. Da wirbelt ein Rollschuhfahrerehepaar in atemberaubender Geschwindigkeit auf einer trommelförmigen Plattform, verrenken sich zwei Kreaturen zu komplexen Pyramiden und scheinen allen Regeln der Physik zu trotzen. Grossartig das Duett am statischen Trapez, das in luftiger Höhe tollkühne Bewegungen und Hebungen vollführt, und das Spektakel am russischen Barren, an dem zehn Artisten mit erstaunlicher Geschicklichkeit von einer Stange zur nächsten springen und mehrfache Saltos vollführen. Hinzu kommen staunenswerte Auftritte, so jener des Wissenschaftlers, der in einem riesigen Glaskegel leuchtende Tischtennisbälle wie Planeten kreisen lässt.

Einradfahrerinnen zeigen eine spektakuläre Schüssel-Nummer.

Es sind just diese akrobatischen Kunststücke auf höchstem Niveau, die grosses Staunen auslösen und für Standing Ovations sorgen. Ein Augenschmaus sind die wild und bunt kostümierten Wesen, die der Show eine märchenhafte oder gar kitschige Atmosphäre verleihen, während die gewählte Rahmengeschichte kaum ihre Wirkung entfaltet. Doch darum geht es eigentlich auch gar nicht. Es ist diese Mischung aus Kitsch, Varieté, Ballett und Akrobatik, die bejubelt wird und Cirque du Soleil so einzigartig macht.

Verrenkungen jenseits der physikalischen Regeln. (Fotos: Cirque du Soleil)

Bis 14. Oktober auf dem Hardturm-Areal in Zürich

 

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