06.07.2018 - Hanspeter Stalder

Ingmar Bergmans 100. Geburtstag

Am 14. Juli 2018 zelebriert nicht nur Schweden den 100. Geburtstag von Ingmar Bergman, sondern die ganze Filmwelt feiert ihn. Hier zwei Filmbesprechungen, eine Retrospektive und eine Würdigung.
 
1. «Trespassing Bergman»: Vielfältige Annäherungen

Im Dokumentarfilm «Trespassing Bergman» von Jane Magnusson und Hynek Pallas nähern sich Filmschaffende aus aller Welt dem Werk von Ingmar Bergman, anlässlich eines Besuches in seinem Haus auf einer Insel in der Ostsee. Zeit seines Lebens war dieser Standort ein gut gehütetes Geheimnis. Hier lebte er bis zu seinem Tod 2007, und hier drehte er auch einige seiner Filme. Nach seinem Tod wurde sein Haus ein Museum, jedes Objekt katalogisiert. Für «Trespassing Bergman» erhielten die Gäste einen exklusiven Zugang.

Die folgenden 25 Regisseur/-innen und Schauspieler/-innen waren dabei: Michael Haneke, John Landis, Claire Denis, Alejandro González Iñárritu, Ang Lee, Isabella Rossellini, Harriet Andersson, Zhang Yimou, Woody Allen, Laura Dern, Francis Ford Coppola, Takeshi Kitano, Holly Hunter. Wes Anderson, Robert De Niro, Martin Scorsese, Lars von Trier, Ridley Scott, Mona Malm, Pernilla August, Wes Craven, Alexander Payne, Tomas Alfredson, Daniel Espinosa und Thomas Vinterberg. Aufschlussreich sind ihre Statements, wenn es auch unmöglich ist, deren Aussagen (meist englisch gesprochen oder englisch untertitelt) zusammenzufassen. Jeder Zuschauer, jede Zuschauerin wird anderes für wichtig mitnehmen.

bergman AngLeeAng Lee, ein junger Regisseur, und der alte Ingmar Bergman (c) Cinephilia & Beyond.

Das Mekka oder der Vatikan des Kinos

Im Dokumentarfilm werden Ausschnitte gezeigt aus «Die Zeit mit Monika» (1953), «Das siebente Siegel» (1957), «Jungfrauenquelle» (1959), «Das Schweigen» (1963), «Wilde Erdbeeren» (1957), «Persona» (1966), «Die Stunde des Wolfs» (1968), «Szenen einer Ehe» (1973) und «Fanny und Alexander» (1982). – «Wenn das Kino eine Religion wäre, wäre das hier Mekka oder der Vatikan. Das ist das Zentrum von allem», meinte der mexikanische Filmemacher Alejandro González Iñárritu beim Betreten von Bergmans Gelände auf der abgelegenen Insel Fårö in einer kalten Novembernacht 2011.

Der Meisterregisseur Ingmar Bergman drehte insgesamt über 50 Filme. Als «bester fremdsprachiger Film» wurden «Die Jungfrauenquelle», «Wie in einem Spiegel» und «Fanny und Alexander» ausgezeichnet, als «Filme der Top 250» «Das siebente Siegel», «Wilde Erdbeeren», «Persona» und «Fanny und Alexander». Neben den über 60 internationalen Auszeichnungen erhielt er an den 50. Filmfestspielen von Cannes 1997 den Titel «Bester Regisseur aller Zeiten».

Regie: Jane Magnusson, Hynek Pallas, Produktion: 2017, Länge: 108 min, Verleih: Firsthandfilms

2. «Searching for Ingmar Bergman»: eine weitere Annäherung

Mit ihrem Dokumentarfilm «Auf der Suche nach Ingmar Bergman» erzählt die deutsche Regisseurin Margarethe von Trotta, wie Bergmans Film «Das siebente Siegel» sie für das Kino begeisterte und zur Regie brachte.

bergman trottaMargarethe von Trotte recherchiert in Bergmans Umfeld.

Jahre später schliesst sich für sie der Kreis, als Bergman ausgerechnet ihren Film «Die bleierne Zeit» als einen der Filme benennt, die ihn am meisten geprägt hätten. Zu seinem 100. Geburtstag folgt die Regisseurin seinen Spuren und verweist durch ihren persönlichen Blick auf überraschende neue Seiten seines Werkes. «Searching for Ingmar Bergman» ist eine weitere emotionale und cineastische Reise durch sein Oeuvre. Neben seltenen Archivaufnahmen und Filmausschnitten sind es vor allem ihre Gespräche mit Bergmans Familie, mit Schauspielerinnen und Wegbegleitern, welche seine Persönlichkeit beleuchten.

Ernst Ingmar Bergman wurde in eine protestantische Pastorenfamilie hineingeboren. Die Erziehung dort war streng religiös und beeinflusste massgeblich sein späteres Schaffen. Seine Leidenschaft für den Film begann bereits mit neun Jahren, als er bei seinem Bruder 100 Zinnsoldaten gegen einen Filmprojektor tauschte. Mit 19 studierte er Literatur, beendete das Studium aber nicht, sondern ging zum Theater. Dann bearbeitete er Drehbücher anderer Autoren für Svensk Filmindustri. Sein erstes Drehbuch, «Die Hörige», verfilmte 1944 Alf Sjöberg, mit Bergman als Assistent. Das Theater war seine grosse Leidenschaft. Bis 1966 leitete er das Stadttheater Helsingborg, die Theater in Göteborg und Malmö sowie das Königliche Dramatische Theater in Stockholm. Mit 28 entstand 1946 sein erster Film, «Krise». Sein Stil war vom deutschen Expressionismus und vom italienischen Neorealismus beeinflusst. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1955 mit der Komödie «Das Lächeln einer Sommernacht», die in Cannes mit dem Prix International ausgezeichnet wurde.

1976 wurde Bergman der Steuerhinterziehung angeklagt. Obwohl die Anklage bald fallen gelassen wurde, fühlte er sich gedemütigt und schwor, nie wieder einen Film in Schweden zu drehen. Er verliess seine Heimat und zog nach München. Dort blieb er weiter aktiv, inszenierte am Münchner Residenztheater und entwickelte unter anderem die Filme «Herbstsonate» (1978) und «Aus dem Leben der Marionetten» (1980). 1982 ging er zunächst für begrenzte Zeit zurück nach Schweden, um «Fanny und Alexander» zu drehen, seinen erfolgreichsten, letzten Kinofilm, der mit insgesamt vier Oscars ausgezeichnet wurde.

Nach neun Jahren in Deutschland kehrte er 1985 endgültig in seine Heimat zurück. Nach seinem letzten Film wandte er sich bis 1995 erneut dem Theater zu. Anschliessend zog er sich in sein Haus auf der Ostseeinsel zurück, wo er am 30. Juli 2007 im Alter von 89 Jahren starb. Im gleichen Jahr nahm die UNESCO das Ingmar Bergman Archiv in das Weltdokumentenerbe auf.

Regie: Mararethe von Trotta, Produktion: 2017, Länge: 99 min, Verleih: Präsens Film

bergman kindBergman mit einem seiner Kinder

3. Filmpodium Zürich: Ingmar Bergman (14. Juli 1918 – 30. Juli 2007)

Das Filmpodium Zürich zeigt vom 1. Juli bis 11. August zehn seiner Meisterwerke: «Sommer mit Monika», «Wilde Erdbeeren», «Das siebente Siegel», «Die Jungfrauenquelle», «Das Schweigen», «Persona», «Die Stunde des Wolfs», «Passion», «Schreie und Flüstern» und «Fanny und Alexander» sowie den Dokumentarfilm «Trespassing Bergman, 1 bis 6» und «Bergman Revisited» mit sechs Kurzfilmen von heutigen schwedischen Filmschaffenden. Programm: Siehe www.filmpodium.ch

Wer, wie Woody Allen, Ingmar Bergman als «den grössten Regisseur» bezeichnen möchte, gerät kaum in Argumentationsnot. Zu revolutionär und einflussreich auf die Filmgeschichte war er. Unerreicht ist er auch in der Doppelfunktion als Theater- und Filmschaffender. Einzigartig, dass bis auf eine Ausnahme alle seine Filme auf Originaldrehbüchern fussen. Zu den gut vier Dutzend Langfilmen kommen mehr als 170 Theater- und um die 50 Hörspielinszenierungen. Dem Theater galt seine erste Liebe, dafür schrieb er selbst Stücke und inszenierte immer wieder seine «Fixsterne»: Shakespeare, Molière, Ibsen und, zuerst und zuletzt, Strindberg. Für die Stockholmer Oper schuf er 1961 eine umjubelte, vom Komponisten bewunderte Inszenierung von Strawinskys «The Rake’s Progress». Ein Ereignis war auch im Mai 1972 sein Gastspiel mit Ibsens «Die Wildente» im Zürcher Stadthof 11.

berman schweigenDas Schweigen, der grosse Skandalfilm (c) scandafilme

Meine persönlichen Erfahrungen mit Ingmar Bergmans Filmen

Seit ich ins Kino gehe, also seit 1959, gibt es für mich Filme, die die Zeit vertreiben, und Filme, die Zeit mit Sinn füllen und Werte vermitteln. Zur zweiten Kategorie gehörten für mich von Anfang an die Filme von Ingmar Bergmann, damals aktuell «Die Jungfrauenquelle», «Wilde Erdbeeren», «Wie in einem Spiegel», «Persona» und «Das Schweigen». Diese Filme haben Fragen gestellt, die auch meine Fragen waren. Es ging um die Stellung des Menschen in der Welt, um den Sinn seiner Existenz und letztlich um Gott.

Ein paar Jahre früher schuf Bergman «Die Zeit mit Monika» und «Lächeln einer Sommernacht», freche, provokative, sinnliche, heidnisch glückliche Auflehnungen gegen ein verknorztes Moraldiktat des Christentums, für Bergman verkörpert im calvinischen Pfarrer-Vater, für mich erfahrbar im katholischen Internat. Bergmans Filme signalisierten Aufbruch und Befreiung.

Es folgten «Schreie und Flüstern», «Szenen einer Ehe», «Herbstsonate», «Fanny und Alexander» und sein letzter Fernsehfilm «Sarabande», der bei uns nie ins Kino kam, jetzt jedoch in der Videothek von Pro Senectute Schweiz zu sehen ist. Diese späteren Filme thematisieren, intensiv und bohrend, das Leben der Menschen miteinander, das Zwischenmenschliche. Für sein Gesamtwerk gilt, dass die Antworten am Ende jedes Films zu Fragen zum nächsten wurden. Damit ist Bergman, in meinen Augen, einer der grosse Suchenden der Filmgeschichte und der Geistesgeschichte – und sein Fragen, das anfänglich um Gott kreiste, wird mehr und mehr ein Fragen nach dem Zwischenmenschlichen.

Wie unzählige Filmemacher ihm für Anregungen und Wegweisungen danken, so danke auch ich ihm, dass ich heute, zehn Jahre nach seinem Tod, noch von ihm profitiere beim Umgang mit Filmen, weshalb z. B. meine Website eingeleitet ist mit: «Sie umfasst Filme, die Werte vermitteln, auf Fragen des Lebens Antworten suchen oder Sinn stiften. Filme, die die Zeit erfüllen, nicht totschlagen. Filme, die Grenzen sprengen und damit wohl die wichtigste Aufgabe der Kunst erfüllen.» Dankbar stehe ich vor dem Lehrmeister; das Schlussbild von «Trespassing Bergman» mit Ang Lee und Ingmar Bergman in enger Umarmung drückt das für mich aus.

Titelbild: Ingmar Bergman (1918 – 2007) 

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