11.06.2013 - Dieter Schupp

Jean oder Hans?

Damit fing der Streit an und ging den ganzen Abend so weiter: Jean oder Hans? Er endete 4 : 0.

Der eine: Hans ist vor rund 125 Jahren in Strassburg zur Welt gekommen, und weil damals das Elsass, also auch Strassburg, zum Deutschen Reich gehörte, war seine Muttersprache Deutsch. Und darum war er der Hans und ist er der Hans. Fertig!

Ein anderer: Deutsch hin, deutsch her, die Franzosen haben sich schon immer mit dem „H“ schwer getan und darum war er für sie einfach der Jean. Qui, c’est fini!

Jean Arp

Nach langem Hin und Her einigte sich am späten Abend der Stammtisch im „Roten Ochsen“ auf: Hans oder auch Jean Arp war mehr Dadaist als Surrealist, mehr ein französischer als ein deutscher Bildhauer, mehr Maler als ein Dichter. 

Ich bin der grosse Derdiedas: Das rigorose Element. Der Ozonstengel prima qua.
Der anonyme Einprozent“ (Jean oder auch Hans Arp).

Herr Wirt! Bitte noch zwei Grauburgunder und zwei Riesling. Dann ging es mit André weiter.

Einer: Ohne André und sein «Manifeste du Surréalisme» wäre aus dem ganzen Surrealismus nichts geworden. Als Literat hat er und nur er die theoretischen Grundlagen geliefert und die Bewegung Jahrzehnte lang mit scharfsinnigen Essays begleitet.

Der Streit lebte wieder auf.

Ein anderer: André Breton? Na gut. Aber er war auch der grösste Troublemaker von allen. Und alle haben unter ihm gelitten. Seine Freunde und Kollegen, die Nachbarn und die Vermieter, die Künstler, die Politiker und – die Frauen.

Der französische Surrealisten-Papst André Breton

Einer: Breton? War das nicht der, der forderte, Unbewusstes, Irreales und Fantasien ohne die Zwischeninstanz des Bewusstseins künstlerisch umzusetzen?

Ein anderer: Klar. Darum erhob er den Zufall zum Formprinzip der Kunst. Das Es-hafte nach Freud ist eine weitere Kraft jenseits der Malerei, die der Surrealismus kultivierte. Er wollte eine Kunst haben unter Ausschaltung jeder ästhetischen und moralischen Kontrolle.

Einer: Doch mit seinen alternativlosen, von Marx und Trotzki entliehenen Gedanken, auch mit seinen Manifesten hat er jedoch viele verletzt, betrogen, ausrangiert.

„Die Welt verändern hat Marx gesagt, das Leben verändern Rimbaud.
Nur diese beiden Lösungen sind für uns eine einzige“(Breton).

Einer: Richtig. Der Surrealismus war eine politische und eine literarische, eine europäische Kunstbewegung im vorigen Jahrhundert. Sie hat sich auf Kunstwerke der Vergangenheit bezogen, aber auch die Gegenwart leidenschaftlich kommentiert und heftig kritisiert.

Ein anderer: Kann man nicht von allen sagen. Nicht von Magritte und seinen Denkbildern, nicht von Yves Tanguy und seinen poetischen Wüsten, nicht von Joan Miro mit seinen spielerischen Linien. Nicht von Dali oder Man Ray und schon gar nicht von Arp.

Einer: Und was ist mit Max Ernst? Das ist doch der, der die Collagen populär gemacht hat und seine Schöpfungen «Frottagen» nannte. Alltägliche Gegenstände wie Holz oder Blätter wurden von ihm einfach auf Papier durchgerieben oder auf Ölbildern gepresst. Toll!

Ein anderer: Nach drei Semestern Philosophie stellte er „Chaos im Kopf“ fest. Da war schon angelegt, was später seine fantastischen Werke beflügelte: Ausflüge in die Welt der Wunder, der Chimären, der Phantome. Ungeheuer, Vögel, Frauen, Magier, Erotika, Insekten usw.

Was die meisten Menschen als fantastisch betrachten,
halte ich für das innere Wesen der Wahrheit“(Ernst).

Einer: Leider ist der italienische Maler und Grafiker Giorgio de Chirico ziemlich unbekannt geblieben. War er denn nicht ein wichtiger Vorläufer des Surrealismus?

Ein anderer: Quatsch! Warum hatte er auch seine fahle Malerei „metaphysisch“ getauft? Das löste schon damals beträchtliche Missverständnisse aus und Feindschaften.

Einer: Er wollte unbedingt die Moderne überspringen, profilierte sich als Mythenstürzer und behauptete angriffslustig, die Krankheit der modernen Kunst beruhe darauf, dass die Maler ihr Handwerk verlernt hätten.

„Ein wirklich unsterbliches Kunstwerk kann nur durch Inspiration entstehen...muss alle Schranken des Menschlichen sprengen“ (Chirico).

Einer: Warum nicht auch noch über Marcel Duchamp reden? Seinem Einfluss, habe ich mal gelesen, konnten sich die wenigsten entziehen. Vielleicht nur Picasso.

Ein anderer: Duchamp war der grosse Skeptiker und so sehr der Meta-Ironiker, er nannte sich ja selbst so, dass er irgendwann die Malerei an den Nagel hängte.

Einer: Er nahm die Dinge so, wie die Dinge sind, hat dann diese Sichtweise in seinen trivialen Ready-mades umgesetzt und verwirklicht. Darauf muss man erstmal kommen!

Ein anderer: Es machte ihm Riesenspass, dem allgemeinen Reliquienkult ein Schnippchen zu schlagen, indem er seine Werke ausstellte mit dem Zusatz: „Das, was sie sehen, kann alles und nichts bedeuten, kann keine Wünsche erfüllen, aber es kann Ideen freisetzen.“

„Ich sage bloss, die Kunst ist eine Täuschung“ (Duchamp).

Der Streit, der mit „Jean oder Hans“ begann, endete 4 : 0.
Doch so genau wussten wir alle zu so später Stunde nicht mehr so recht, worüber wir gerade abgestimmt hatten.

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