07.07.2018 - Fritz Vollenweider

Klang, Tanz, Bild, Wort und Spiel

Eine fesselnde, reiche und vielseitige Stimme in der Lyrik unserer Zeit. 

Sie ist 1967 in Appenzell geboren, lebt und arbeitet heute vor allem in Bern. Vor fünf Jahren erscheint «Mäanderland», 2015 erhält sie das Stipendium «Weiterschreiben» der Stadt Bern. Wer sie und ihr Schreiben kennt, ist glücklich darüber, dass sie weiterschreibt und dieses Frühjahr einen neuen Gedichtband vorlegt.

Der Titel des Buchs, Vielstimmig, trifft alle Variationen der Farben, die Andrea Maria Keller so genau wie spielerisch mit ihrer anschaulichen, ausdrucksreichen Sprache in ihren Dichtungen zum Klingen, zum Tanzen bringt. Dabei geht es der Lyrikerin nicht darum, tänzelnd oder spielerisch Wohlklang und harmonische Bilder möglichst wirkungsvoll zu vermischen und geheimnisvoll zu verwischen. Es geht ihr vielmehr um eine präzise Arbeit mit der Sprache. Sie schreibt, was sie erfährt, was ihr begegnet, was sie aufnimmt. Mit Sinnen und Geist aufnimmt, mit Gespür, Gefühl und in reichen, genauen Bildern, die sich in Begriffe, in Bezeichnungen für Gegenstände und Vorgänge umsetzen.

Alles das gestaltet sie mit dem vielseitigen, wandlungsfähigen Wortschatz, über den sie verfügt, zu wirklichkeitsnahen Aussagen, zu gegenständlichen Abbildern, jedoch ebenso intensiv und häufig zu Wiedergaben eines innerlichen, hie und da auch geheimnisvollen und rätselhaften Vorgangs. Sie legt mit ihrer Sprache, mit ihren Wortschöpfungen und Wortaufzählungen Spuren, die von Lesenden erkannt, aufgenommen und verfolgt sein wollen, bis der Klang der am besten laut gelesenen Verse das Geheimnis entschlüsselt, den Schatz offenbart. Sie liebt das Einsammeln und Aufzählen. Das zeigt sich auch darin, wie sie Alliterationen sucht und gruppiert, wie sie so gekonnt wie leichtflüssig spielend Wörter weiter verwandelt – ähnlich, wenn auch nicht immer so verspielt wie 2014 in ihrem sprachlichen Baukasten mit 99 Karten unter dem Titel «tagesdiebesgut».

Beim Auspacken auf der Seidenpapier-Hülle gefunden, eine Art Motto der Sammlung «Vielstimmig» ( Bild fv)

Gleichklang, Gegenklang, Variationen der Begriffsbedeutung, doch auch teils weiche, teils heftig aufprallende Gegensätze… - Eine Literatin muss ja mit Wörtern und Metaphern umgehen können, doch so souverän wie Andreas Maria Keller versteht das nicht manche, nicht mancher. Liest man ihre Gedichte, versteht man auf einmal wieder, was ‘dichten’ bedeutet. Dichten heisst aufnehmen, erfahren, schauen, erleben, denken und fühlen. Es heisst in der Folge, den so entstandenen inneren Bildern die ihnen gemässen Formen finden, sie zu äusserlichen Bildern, Gedanken, Klängen und Rhythmen so zu verdichten, dass auch Dritte nachvollziehen können – mindestens der Spur nach – wovon die Dichterin spricht. Sie lässt uns wach aufnehmen, und doch auch immer wieder ein wenig träumen.

In den Miniaturen und den weiter gefassten verdichteten Gedanken von Andrea Maria Keller spielt der Rhythmus eine grosse Rolle. Er variiert je nach Bedeutung der Aussage von ganz strenger bis ganz freier Form. Nicht von ungefähr enthält ein grosser Teil des Buchs, in die Jahreszeiten gegliedert, japanische Tankas und Haikus. Das Haiku ist eher bekannt als sein Vorläufer Tanka, dessen Alter auf mehr als 1300 Jahre geschätzt wird (Quelle: Suchwort ‘Tanka’ in Wikipedia). Das Tanka enthält 31 Takte oder Silben, fachsprachlich Moren genannt, das Haiku deren 17. Erstaunlich ist, mit welcher Leichtigkeit die Dichterin mit diesen strengen Formen umgeht! Die Bilder der Jahreszeiten klingen beschwingt, präzis, doch liebevoll geschaut, erlebt gestaltet, ohne alle akademisch verstaubt wirkende Strenge. In diesem Sinn und Zusammenhang ist auch bemerkenswert, dass wir es hier zwar mit moderner Lyrik zu tun haben, mit zeitgemässen Gedichten also, nicht aber mit modischen Klischees.

Im Gedicht Vorsorge beschreibt Andrea Maria Keller, wie sie sammelt, dem Eichhörnchen gleich, die Sommerlaute, die Farben und Düfte. Und wie das Eichhörnchen seine Vorsorge-Schätze meistens nicht mehr findet (man weiss es auch aus der Biologie), lässt auch die Dichterin ihre Schätze von diesem und jener finden. So berührt sie uns mit Kostbarkeiten, an die wir uns halten können in Zeiten der Herzensnot.

Das Buch: ISBN 978-3-85736-324-5, Edition Howeg, Zürich 2018.
Umschlag: Andrea Maria Keller.

Tanka

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