10.08.2018 - Linus Baur

Landesstreik 1918 auf der Bühne

Vom 16. August bis 23. September wird in Olten mit dem Theaterereignis „1918.CH – 100 Jahre Landesstreik“ an die Vorgänge von 1918 und ihre weitreichenden Folgen erinnert.

Die Aufführungen finden in der alten SBB-Hauptwerkstätte in der Nähe des Bahnhofs Olten statt, in einem Gebäude, das zum Zeitpunkt des Landesstreiks Arbeitsort für viele Eisenbahner war. Ein professionelles Leitungsteam unter der künstlerischen Leitung von Liliana Heimberg (Zürich) gestaltete mit rund 100 Spielerinnen und Spieler mit und ohne Theatererfahrung aus dem Kanton Solothurn und angrenzenden Gemeinden ein Stück, das gleichzeitig den Rahmen für weitere eigenständige szenische Beiträge aus anderen Kantonen, Städten und Gemeinden bildet.

Rund 100 Mitwirkende proben den Aufstand.

Rund 20 Theatergruppen aus allen Landesteilen und in allen Landessprachen erarbeiteten parallel zum Hauptteil eine Sezene, von denen je zwei pro Vorstellung zu sehen sein werden. Jede Vorstellung sieht somit etwas anders aus. Diese Auftritte aus den beteiligten Kantonen und Städten machen die historischen Verflechtungen um 1918 konkret und aktualisieren sie. Begleitet wird die Theateraufführung von der Basel Sinfonietta und einem Theaterchor.

Der Landesstreik von 1918 berührt und fasziniert heute noch, weil er die Schweiz als ein Land zeigt, das kulturell, politisch und sozial tief gespalten war, aber auch, weil sich nach der gefährlichen Konfrontation von 1918 bald die Einsicht durchzusetzen begann, dass keine Seite allein auf Kosten der anderen ihre Anliegen verwirklichen kann.

Kampf der Frauen für die Gleichberechtigung. (Probefotos 1918.CH)

Die Theateraufführung «1918.CH» rückt denn auch den Landesstreik als Eskalation der Gegensätze in der Schweiz und gleichzeitig als wichtige Zäsur auf dem Weg zu einer stabilen Verhandlungskultur in den Fokus. Nahe an Zeitdokumenten und alimentiert von jüngsten Forschungen bringt die Inszenierung weniger die grossen Köpfe als die Stimme und die Sorgen der Bevölkerung zu Gehör, zeigt den Aufbruch der jungen Generation, den Kampf der Frauen für die Gleichberechtigung, gibt Einblick in die Situation von hungernden Kindern, lässt Bahnpersonal und Bankangestellte ebenso zu Wort kommen, wie Bauern, die glaubten, gegen die Revolution einrücken zu müssen.

Der Landesstreik 1918 in wenigen Worten

Der Landesstreik vom November 1918 markiert eine Bruchstelle in der Schweizer Geschichte. Er steht für die grösste und vielleicht gefährlichste Auseinandersetzung in der Schweiz nach dem Sonderbundskrieg und der Gründung des Bundesstaates. Die Bundesverfassung von 1848 hatte politische Gleichberechtigung für alle (männlichen, christlichen) Bürger gebracht, in der stürmischen Industrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts spaltete sich die Gesellschaft jedoch immer stärker in Reiche und Arme auf. Die soziale Ungerechtigkeit führte zu Arbeitskämpfen in der ganzen Schweiz. Mit der besonderen Notlage und schlechten Lebensmittelversorgung des Ersten Weltkrieges spitzte sich der Konflikt noch zu, und als das Kriegsende absehbar wurde, brach er offen aus.

Die organisierte Arbeiterbewegung, vertreten durch das Oltener Aktionskomitee, stellte einen Forderungskatalog auf, der beispielsweise die Einführung der AHV und des Frauenstimmrechts enthielt, und der im Laufe der Zeit ultimativ wurde. Ein Teil des Bürgertums und die Armeespitze fürchteten die sozialistische Revolution. Mit der militärischen Besetzung städtischer Ballungszentren sollte die Arbeiterschaft von Aktionen abgehalten und – damals übliche Praxis – politisch diszipliniert werden. Die Massnahme bewirkte das Gegenteil. Auf einen befristeten, örtlich begrenzten Proteststreik gegen das Armeeaufgebot folgte der unbefristete landesweite Generalstreik. 

Nach wenigen Tagen gab das Oltener Aktionskomitee den Streikabbruch bekannt. Das Scheitern des Generalstreiks löste keine Konflikte. Für die politische Arbeiterschaft war es zunächst eine klare Niederlage, für die bürgerliche Seite ein klarer Sieg. Die weiterhin wachsende Kraft der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung und sicher auch die eidgenössische Kultur der Integration von Gegensätzen führten dazu, dass die Forderungen später Schritt für Schritt – zum Teil in schnellen, zum Teil in sehr langsamen Schritten – auf demokratischem Weg erfüllt worden sind.

In der historischen Interpretation des Generalstreiks und seiner Wirkung gibt es bis heute verschiedene Lesarten, je nach politischer Anschauung. Lange waren die Ereignisse des Novembers 1918 stark tabuisiert, bis heute werden sie in Schweizer Schulbüchern nur sehr vorsichtig behandelt. Tatsächlich gibt es in der Geschichte des Landesstreiks für die heutige Schweiz noch viel zu entdecken. 

Mehr zum Theaterereignis, Rahmenprogramm und Ticketkauf unter www.1918.ch

Kommentare

Sehr guter Hinweis. Wer noch mehr über diesen Teil der Geschichte vor 100 Jahren wissen will, dem sei www.generalstreik.ch empfohlen.

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