31.07.2018 - Adalbert Hofmann

Lautlose Kirchenglocken

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

«Fest gemauert in der Erden steht die Form, aus Lehm gebrannt. Heute muss die Glocke werden, frisch Gesellen, seid zur Hand. Von der Stirne heiss, rinnen muss der Schweiss. Soll das Werk den Meister loben, doch der Segen kommt von oben.»

«Die Glocke.» Von Friedrich Schiller.

Das ist lange her, seit der grosse Dichter sein «Lied von der Glocke» schrieb. Aber damals wie schon zuvor und noch lange danach hatten die Glocken zwar viele verschiedene Aufgaben, aber gemeinsam einen Zweck: Man sollte sie - insbesondere von den Kirchtürmen herab - hören, und zwar laut und deutlich. Sie riefen zum Gottesdienst, erklangen bei frohen oder traurigen Ereignissen, warnten vor Gefahren.

Doch das ist längst kalter Kaffee. Ja, so als eine Art Folklore («irgendwie sind wir uns das ja gewohnt, und irgendwie gehören Glocken doch dazu, aber…») gehen sie ja noch durch. Aber vor allem - ja was sollen sie eigentlich wirklich? Wenn’s brennt, wird die Feuerwehr sekundenschnell via Funk oder Smartphone alarmiert. Wenn ein Unwetter aufzieht, kommt ein Meteo-Alarm aufs Handy, und am Sonntagmorgen, da können die Glocken läuten und läuten, und es kommt trotzdem fast keiner in die Kirche.

Nein, heute sind die lauten Dinger oben im Glockenstuhl für manche Menschen vor allem eines geworden: eine sinnlose Lärmquelle, völlig überflüssig. Landauf, landab wird (zunehmend lauter) geklönt und gestöhnt, gefordert und gestritten - ja, in verschiedenen Gemeinde musste nach langjährigem Rechtshändel gar das Bundesgericht entscheiden. Und die höchsten Richter befanden, das öffentliche Interesse am traditionellen Geläut sei höher zu gewichten als das Recht auf ein Bisschen mehr Ruhe. Womit bewiesen ist, dass das Gericht in Lausanne durchaus auch intelligente Urteile fällt…

Doch die Glockengegner geben nicht auf. Und die verantwortlichen Politiker werden - nach lautem und dezidierten Widerstand, «die Glocken waren schliesslich eher da als die motzenden Anwohner!» - stets nachgiebiger. Hier werden weichere Klöppel installiert und die Stärke des Aufschlags reduziert, dort wird der Glockenturm besser schallisoliert. Und bald überall wird der Stundenschlag nachts eingestellt, und das Frühgeläut von 5 Uhr auf 6 Uhr, von 6 Uhr auf 7 Uhr verschoben. Denn schliesslich haben das Wecken längst die auf den Flughafen zu donnernden Flugzeuge übernommen.

Nein, gegen die Glocken sind sie - freundlicherweise - nicht prinzipiell, die dürfen schon sein, aber der «Lärm», den sie verursachen, der stört halt - vor allem jene, die nächtelang durchfeiern und sich in Discos und Bars und an Partys das Gehör malträtieren lassen: Die möchten dann schon noch ein paar Stunden Ruhe haben.

Und so ist der Tag wohl nicht mehr fern, an dem Kirchenglocken aus Schaumgummi mit Klöppeln aus Pappmaché in die Türme gehängt werden. Die dürfen dann nach Herzenslust «geläutet» werden: Die einen sind zufrieden, weil die vertraute Tradition weiter lebt, die andern sind zufrieden, dass man davon nichts mehr hört.

Alle, alle sind zufrieden.

Armer, armer Friedrich Schiller!

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