18.01.2019 - Fritz Vollenweider

Liebeskummer von vorsintflutlicher Tiefe

Ein starkes Stück Prosa und ein berührendes Schicksal: Lore Berger, «Der barmherzige Hügel». Lesung im Theater an der Effingerstrasse, Bern.

Heidi Maria Glössner liest Passagen aus dem Buch von Lore Berger (1921-1943), das der Herausgeber und Betreuer der Reihe «Reprinted by Huber», Charles Linsmayer, vorstellt. Beide zusammen schaffen in dieser Lesung eine Spannung voller Anteilnahme am Schicksal einer jungen Frau, die sich aus verratener Liebe durch den Sturz vom Wasserturm auf dem Bruderholz in Basel das Leben nimmt. Das Manuskript ihres Romans «Der barmherzige Hügel. Eine Geschichte gegen Thomas» reicht sie kurz zuvor der Wettbewerbsjury der Büchergilde Gutenberg ein. Wie man annehmen kann, wird ihr Roman vor allem unter dem Eindruck des Skandals ihres Selbstmordes 1944 publiziert.

Nicht nur ein Liebeskummer von vorsintflutlicher Tiefe

Schon die zweite (1981) und die dritte (1999) Ausgabe des Romans, beide betreut von Charles Linsmayer im Verlag der Arche, Zürich, zeigt hinter diesem tragischen Tod einer begabten jungen Frau noch ganz andere, tiefere Gründe. Der Ende 2018 erschienene Band 35 der neu vom Th. Gut Verlag, Zürich betreuten Reihe «Reprinted by Huber» - Lore Berger zum vierten – enthält eine Fülle von Hinweisen auf Leben, Denken und Leiden von Lore Berger. Vor allem das Gegenüberstellen von Lore Bergers Tagebuch, des Journals intime, mit dem Romantext, doch ebenso stark die Verknüpfung beider Texte mit der realen Biografie, ist ein grosses und aufschlussreiches Verdienst des Herausgebers. Mit umfangreichen Recherchen und gründlicher, vielseitiger Akribie; mit zahlreichen Gesprächen nicht nur mit der Familie, vor allem dem Bruder der Unglücklichen, sondern auch mit Personen, die an der Rezeptionsgeschichte beteiligt waren, gelingt Charles Linsmayer ein lebendiges, berührendes, packendes Bild einer Persönlichkeit in einem familiären und gesellschaftlichen Umfeld, das auch zeitgeschichtlich der feinfühligen Persönlichkeit nicht optimalen Lebensmut bieten konnte. Herausgegriffen als Beispiel, was Hermann Hesse der Mutter nach Lektüre des Romans 1944 schrieb: «Als Grund für diesen Untergang sehe ich, ausser dem Benehmen jenes Thomas, die geistige Umgebung an, auf die ihre Tochter leider angewiesen war. Ihre Schilderung dieses Milieus und zwar sowohl der dilettantischen Künstlerclique wie der widerlichen Redaktorinnen, ist so völlig überzeugend, dass man dieses Urteil aussprechen darf. Ein einziger echter, wirklicher Mensch in diesem Kreise hätte vielleicht genügt, um sie nichtverzweifeln zu lassen. Aber wir haben am Schicksal nichts zu korrigieren.» (Zitiert von Charles Linsmayer aus dem Nachlass von Lore Berger auf Seite 319 des Buchs.) 

Bild: Christiane Wagner, DAS THEATER an der Effingerstrasse (auch das Titelbild)

Was bei der Lektüre ebenfalls beeindruckt, ist die Erscheinung der anscheinend selbstbewussten, herzlichen und lebensfrohen Frau im äusserlichen, gesellschaftlichen Leben einerseits gegenüber der recht schwermütigen, im wahrsten Sinne todeskranken jungen Unglücklichen, wie sie uns in den Zeilen ihres Journals intime begegnet. Charles Linsmayer arbeitet das einerseits in der Biografie1), andererseits in seinen interpretatorischen Deutungen, die nie den geringsten Anflug von Spekulation enthalten, und in seinen Angaben zur Rezeptionsgeschichte gründlich und weitsichtig heraus.

1) «Ein Liebeskummer von vorsintflutlicher Tiefe» - Lore Bergmanns Roman ‘Der barmherzige Hügel’, ihr ‘Journal intime’ und ihr kurzes Leben in einer dunklen Zeit

Beim Lesen fühlt man sich überrascht von der klaren, dramaturgisch aussagekräftig komponierten und originellen Sprache, sowohl im Tagebuch als auch im Roman. Die junge Frau mit ihrer so sensiblen Persönlichkeit verfügt schreibend über eine Kraft und Unmittelbarkeit, der man in der gegenwärtigen Literatur in dieser Form kaum noch begegnet. Im Tagebuch führt das hin und wieder auch zu stark gefühlsbetonter, doch nie sentimentaler Wirkung. Im Ganzen erfährt man eine durchwegs ehrlich verarbeitete Lebensgeschichte, deren vielfältiger Gehalt – Anklänge von Feminismus, intellektueller Widerstand gegen Banalität wie gegen Einbildung, Empathie, weiträumige Offenheit dem Leben und den Anderen gegenüber – eben auch von Schattenseiten wie Unverständnis, Enttäuschung, Verraten werden, erzieherischer Repression zeugt.

Eine hilfreiche Förderung der Gesamtschau und des Verständnisses beim Leser bieten auch die zahlreichen Fotografien in diesem Buch. Es sind dabei nicht nur die Portraits – zahlreiche von Lore selbst in verschiedenen Lebensaltern – sondern unter anderem auch der wie ein Fanal aufgerichtete schicksalhafte Wasserturm. Er steht für die wesentlichen symbolischen Metaphern sowohl des Romans als auch der Lebensgeschichte: Der Hügel, der Turm, der Hund…

Carles Linsmayer_als_Herausgeber
Lore Berger

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