13.07.2013 - Anton Schaller

Mädchen verändern die Welt

Ein berührender, souveräner Auftritt vor der Weltöffentlichkeit

„Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern“, ruft Malala Yousafzai in den voll besetzten Saal im UNO-Hauptquartier in New York. Stehende Ovationen unterbrechen ihre starken Worte. Selbstbewusst, aufrecht, erhebt die 16-jährige Frau aus Pakistan den Zeigfinger, blickt entschlossen in den Saal, ihre vollen, schwarzen Haare bedeckt, und ruft der Weltöffentlichkeit entgegen: „Jedes Kind auf dieser Welt hat ein Anrecht auf Bildung. Nur mit Bildung haben alle eine Zukunft, eine leuchtende Zukunft. Bildung besiegt Hass, Fanatismus und Terrorismus.“ Erneut kommt tosender Beifall auf. „Das mutigste Mädchen der Welt hat zu uns gesprochen“, kommentiert der UNO-Gesandte für Bildung, Georg Brown, der ehemalige britische Premierminister, den so würdigen wie grandiosen Auftritt. Und UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon ruft sie zur „Heldin“ aus.

Im Oktober 2012, als Malala auf dem Heimweg von der Schule war, stoppte ein Auto neben ihr, ein Mann fragte sie nach dem Namen, als er sicher war, wen er vor sich hatte, schoss er ihr drei Kugeln in den Kopf. Sie sollte zum Schweigen gebracht, aus dem Verkehr gezogen werden. Sie hatte in ihren weit verbreitenden Blogs die Politik der Taliban gegeisselt, hatte es gewagt, die fundamentalistischen Gotteskämpfer offen zu kritisieren, weil sie den Mädchen jegliche Bildung verbieten wollen. Die Taliban nahmen Rache.

Schwer verletzt blieb Malala liegen. Dank der sofortigen Hilfe, dank der Ärztekunst zuerst in Pakistan, dann in Grossbritannien, überlebte sie, konnte am Freitag den 16. Geburtstag feiern, nahm am Freitag ihren Kampf für Bildung vor der Weltöffentlichkeit wieder auf, im Bewusstsein, dass sie sich damit auch weiterhin der Rache der Taliban aussetzt.

Mutige junge Frauen

Immer wieder sind es junge Frauen, die es wagen, in die Öffentlichkeit zu treten, um für Freiheit, Menschenrechte zu kämpfen, um gegen Gewalt und Unterdrückung einzustehen, um die Integrität der Frauen zu verteidigen. „Der Spiegel“ berichtet in seiner Ausgabe von letzter Woche von „Malalas Schwestern“. Von der 13-jährigen Diya aus Indien. Als Diya für die Familie Wasser holen sollte, wurde sie vergewaltigt. Jetzt lässt sie sich ausbilden. Sie will lernen, wie man einen Mann kampfunfähig macht. Das Nachrichtenmagazin berichtet von der 14-jährigen Isadora aus Brasilien, die in ihrem Blog bereits vor einem Jahr auf Missstände in ihrem Land hinwies, die die Milliarden-Aufwendungen für die Fussball-WM 2014 und die Olympischen Spiele in den Vergleich zu den Ausgaben für die Bildung setzt. Ihr Blog „Diàrio Classe“ (Klassentagebuch) wird von 600‘000 Nutzern gelesen.

Das Magazin porträtiert die 17-jährige Valentini aus Südafrika, die es nicht mehr ertrug, was ihren Vorfahren widerfuhr, die bedingungslos schlecht bezahlte Arbeit auf den Farmen der Weissen erdulden zu müssen. Sie schloss sich der Rebellion schwarzer Landarbeiterinnen an, wurde damit bekannt. Heute sitzt sie in Talkshows und führt den Kampf für gerechte Löhne in den Medien an und weiter.

Sina Vann befreite sich nach drei Jahren von der Sex-Gefangenschaft in Kambodscha; sie war 15 Jahre alt. Heute läuft sie durch die Nacht und sucht Mädchen auf, die wie sie als „gebrochene Mädchen“ gelten, als Huren. Sie will das ändern, „weil es so nicht weitergehen kann“. Und schliesslich vermittelt das deutsche Nachrichtenmagazin uns das Leben der 24-jährigen Ägypterin Nahla. Sie und ihre Mutter wurden gemeinsam in einer Seitenstrasse beim Tahrirplatz von Männern eingekesselt, die griffen ihnen in die Hosen, rissen sie am T-Shirt, warfen sie zu Boden und würgten sie: “Es war die Hölle.“ Doch sie hat nicht aufgegeben, für die Rechte der Frauen einzustehen. Jetzt hat sie sich mit Männern zusammengetan, die bei den Demonstrationen die Frauen beschützen.

Für eine gerechte Gesellschaft ohne Gewalt

Die fünf porträtierten Frauen sind nicht allein, bei weitem keine Ausnahmen. Auch in Bosnien Herzegowina ist mir eine junge Frau begegnet, die selbstbewusst, aufrecht, eines zum Ziel hat: eine gerechte Gesellschaft ohne Gewalt. Als 12-Jährige hat sie ihr Vater 1992, zu Beginn des Kriegs, mit der Mutter und dem Bruder nach Österreich geschickt, sie sollten den Wirren des Krieges entgehen. In Österreich hungerten sie im Flüchtlingslager, der Vater schickte sie weiter zu Verwandten nach Deutschland. Dort wuchs Merima auf, sie besuchte die Schulen, machte Abitur, begann Deutsch und Ökonomie zu studieren. Ihr Vater wurde als „Falke von Sarajevo“ kriegsversehrt, ist arbeitsunfähig, ihre Mutter litt unter der Situation, wurde zusehends depressiv. Merima nahm das Schicksal selbst in die Hand, zog mit Mutter und Bruder zurück zur Familie nach Sarajevo. Am Morgen arbeitete sie als Bürolistin, am Nachmittag ging sie nach Möglichkeit an die Uni. Und wenn wir mit unserem Entwicklungshilfe-Programm „Bürgernahe Polizei und Antikorruptions-Kampagne“ im Lande waren, stand sie uns als Übersetzerin zur Verfügung. Mit dem was sie verdiente, unterhielt und unterhält sie die ganze Familie. Heute setzt sie sich für eine multiethische Gesellschaft ein und meint: „Leider müssen wir Frauen in unserem Land immer wieder allein das Zepter in die Hand nehmen.“

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