15.12.2018 - Fritz Vollenweider

Mancherlei Arten von Licht

«Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein grosses Licht, und über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell.»

Schon seit frühesten Anfängen meiner Beschäftigung mit den Büchern der Bibel hat mich dieses Zitat (Jesaja 9;1) vor allem in der Adventszeit bewegt. Und die Melodie dazu, von Hugo Distler in seiner Weihnachtsgeschichte komponiert, kling dabei jetzt noch unüberhörbar in meinem Innern. Ich staune zeitweise, wie sich meine Erinnerungen mit zunehmenden Lebensjahren auf einige wesentliche Lichter reduzieren und konzentrieren, sozusagen zu Leuchten auf meinen Wegen sich wandeln.

Mit Weihnachten verknüpft ist das Licht seit christlichen Urzeiten. Ich erinnere mich, im Religionsunterricht an irgendeiner meiner besuchten Schulen gehört zu haben, dass die abendländischen Urchristen die Zeit der Geburt von Jesus von Nazareth auf die heidnische Wintersonnenwendfeier gelegt haben. Ein geschicktes Strategem ureinst, und noch immer für viele von hoher symbolischer Bedeutung. Ich erinnere mich an meine eigene und die Kindheit meiner Kinder. Mit dem frühen Eindunkeln im November begann es, mit Schnee, Advent und Samichlaus verdichtete sich das Geheimnisvolle, und an Weihnachten strahlten die Kerzen am Baum: Christus ist geboren! Die Parallele zum Beginn der Schöpfungsgeschichte: Es werde Licht! Dazu gehörte auch die Musik – am Anfang waren es Winter- und Weihnachtslieder so wie Lasst uns froh und munter sein… bis O du fröhliche…, später war das mehrmalige Abspielen von Bachs Weihnachtsoratorium ein Brauch, der zur Gewohnheit wurde – ganz abgesehen vom selber Musizieren mit Blockflöten, Geige, Klavier.

Musik und Licht:
Beides hat sich gewandelt. Es ist gewiss falsch, in Kulturpessimismus zu versinken oder die Unart des Alters zu pflegen mit der Klage, «früher war alles besser». Bestimmt gab es Besseres, das Schlechtere haben wir ja zum Glück vergessen oder sogar überwinden dürfen. Und es sei hier auch nur kurz angetippt, das geschäftige musikalische Tingeltangel, verbunden mit flackernden und blinkenden farbigen Lampen, unterbrochen von lautsprecherplärrendem Anpreisen besonders billiger Schnäppchen, Aktionen und besonderen Rabatten bei unnötigen Mengenkäufen.

Wundert es da, wenn der Gedanke an die Vertreibung der Händler und Wechsler aus dem Tempel auftaucht? Wäre da vielleicht einmal eine Reinigung nötig? Die Gesellschaftsform nenne ich «Ökonomokratie», die heute grassiert. Selbst Entscheide, die institutionell und formal mit demokratischen Mitteln getroffen werden, kommen oft mindestens ansatzweise unter dem Einfluss der Wirtschaft zustande, die eine beinahe religiös anmutende Kraft geworden ist. Mit den Stichworten «Wirtschaftswachstum» und «Arbeitsplätze» verteidigt man fast alles, und nicht nur, was gut ist.

Damit ist uns ja eindeutig eine «schöne Bescherung» ins Haus geschneit. Wie sollen wir mit ihr umgehen? Was kann sie uns bieten? Wie wird sie uns verfolgen? Wie können wir ihr entrinnen?

«Es ist, wie es ist, sagt die Liebe». Erich Fried hat Recht. Jede Frau, jeder Mann, alle werden die Sache auf die ihnen entsprechende Weise angehen. Wir verfallen ja wohl alle den einen oder anderen Versuchungen und Anfechtungen; sie gehören einfach zum Dasein, und die das wegheucheln, «die straft das Leben und Gott erbarmt sich ihrer nicht» (H. v. Hoffmannsthal im Rosenkavalier).

In diesem Zusammenhang, wenn auch vielleicht in etwas übertragenem Sinn, tröstete mich jeweils ein anderes Bibelwort, das mich seit vielen Jahren immer wieder berührt:
«Denn unsere Trübsal, welche zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Massen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig» (2. Korinther, 4;17-18).

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