17.03.2018 - Bernadette Reichlin

Medizin ohne Schwellenängste

Stellen Sie sich vor, ein Arzt, eine Ärztin unterhält sich ausführlich und ohne Zeitdruck mit Ihnen. Eine Utopie? Nein, das Café Med am Zähringerplatz in Zürich.

Das kennen doch alle: Man sitzt in der Sprechstunde und der Arzt oder die Ärztin schlägt eine Behandlung, eine Therapie oder sogar eine Operation vor. Viel Zeit bleibt nach der Untersuchung jeweils nicht mehr: Der nächste Patient steht schon bereit, das Wartezimmer ist voll.

Zudem setzt der Tarmed, der Tarif für ambulante ärztliche Leistungen, dem Arzt zeitlich Grenzen – im heutigen Gesundheitswesen wird speditiv, zeitsparend und enorm rationell gearbeitet.

Fragen ohne Antworten

Und dann steht man da mit seinen Fragen, Einwände und Ängsten – auch solchen, die erst im Nachhinein, zu Hause, im Gespräch mit dem Partner oder Freunden auftauchen. Ist das wirklich nötig, gibt es Nebenwirkungen, Alternativen, wie sind die Erfolgsaussichten? Weshalb wurde der Nachbarin mit fast derselben Diagnose zu einer anderen Therapie geraten. Und was, wenn die Beschwerden einen ganz anderen Grund haben?

Die Initianten des Café Med-: Brida von Castelberg, Annina Hess-Cabalzar und Christian Hess. (Akademie Menschenmedizin)

In Zürich gibt es seit dem Juli letzten Jahres eine Anlaufstelle genau für solche Probleme: Am Zähringerplatz, im Bistrot chez Marion gastiert jeweils am zweiten und vierten Montagnachmittag des Monats das Café Med, eine unentgeltliche Anlaufstelle für Personen mit einem medizinischen oder psychologischen Problem.

Konsultationen im Café

Pensionierte Ärte und Ärztinnen verschiedenster Fachrichtungen stehen an den "Sprechstundendaten" von 15 bis 18 Uhr Ratsuchenden zur Verfügung. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, bei sehr fachspezifischen Problemen aber trotzdem erwünscht. So ist sichergestellt, dass die entsprechenden Fachärzte vor Ort sind. Unter www.menschenmedizin.com kann eingesehen werden, wer von den 15 am Café Med beteiligten Fachpersonen wann "Dienst" hat.

Gast oder Patient?

Ein Besuch vor Ort lässt wirklich staunen: Man kommt rein, wird begrüsst und nach seinem Anliegen gefragt. Ist keine geeignete Ansprechperson frei, setzt man sich an ein Tischchen, bestellt ein Getränk und wartet auf seine Beratung. Nebenan sitzen ganz normale Gäste, alles läuft in ruhigem, freundlichen Rahmen ab. An einem Tisch sind zwei Ärzte mit einer Frau in ein Gespräch vertieft, ohne Zeitdruck, aber voller Interesse.

"Für uns ist es schön, mit dem Beruf verbunden zu bleiben, unser Fachwissen einzubringen, um Menschen zu beraten", sagt einer der Ärzte im Gespräch. Wichtig sei vor allem das Zuhören, die Anliegen ernst zu nehmen und auf Fragen einzugehen. Ob eine Indikation medizinisch vertretbar oder eher kommerziell sei, könne ohne Konkurrenzdenken und Wettbewerb sehr viel leichter beurteilt werden.

Helfen, zu entscheiden

"Wir verordnen weder Therapien noch geben wir Medikamente ab, wir stellen keine Diagnosen und führen keine Untersuchungen durch" betont ein anderer Mediziner. "Wir sind auch keine Anlaufstelle, um eine Zweitmeinung einzuholen. Wir helfen aber, Fragen zu erarbeiten, mit denen dann eine Zweitmeinung eingeholt werden kann, bieten Unterstützung, um zu einem guten Entscheid zu kommen."

Die lockere Bistro-Atmosphäre täuscht: Hier warten Ärzte auf Ratsuchende. (B.R.)

Ihre Aufgabe sei in erster Linie zuzuhören, manchmal zu beruhigen, ohne Interessensbindung zu beraten. Gerade bei komplizierten Eingriffe könne es enorm hilfreich sein, wenn zum Beispiel ein Kardiologe ganz genau und in aller Ruhe über die bevorstehende Operation informiere – eine Aufgabe, die in einer hektischen Arztpraxis kaum mehr möglich ist.

"Wir sind gegen zuviel Medizin und gegen zuwenig Information" bringt es ein anderer Mediziner auf den Punkt. Entgegen gewisser Befürchtungen reagierte die Ärztegesellschaft positiv auf die "Konkurrenz" im Bistro. Sicher nicht zuletzt, weil sie weiss, dass da erfahrene Profis, die übrigens jeweils aus der ganzen Deutschschweiz anreisen, am Werk sind.

Beratungen auch für Fachleute

Übrigens sind es nicht nur Personen mit gesundheitlichen Problemen, die das Café Med aufsuchen. Es ist auch Anlaufstelle für Berufstätige im Bereich Gesundheitswesen. Denn auch die bekommen den Zeit- und Kostendruck des heutigen Gesundheitsesens zu spüren. Da brauche es manchmal nicht mehr als ein bisschen Anteilnahme oder aber konkrete Ratschläge, wie zum Beispiel mit dem Zeitdruck umgegangen werden kann. So lasse sich, meint einer der Mediziner, sicher auch mal einem Burnout vorbeugen.        

Akademie Menschenmedizin

Hinter der Idee des Café Med stehen als Initianten die Psychologin Annina Hess-Cabalzar, die Gynäkologin Brida von Castelberg und der Internist Christian Hess. Sie wissen aus ihrem noch gar nicht lange zurückliegenden Medizineralltag um die Nöte vieler Patienten, aber auch um die Zwänge, denen die Ärzte und das Pflegepersonal mit der heutigen Gesundheitspolitik ausgesetzt sind. Sie beurteilen die Entwicklungen, zum Beispiel das neue Spitalfinanzierungsmodell, kritisch und haben sich einen Weg überlegt, wenigstens im Kleinen etwas Gegensteuer zu geben.

Die Akademie Menschenmedizin, als "Dachorganisation" des Café Med, wurde 2009 als unabhängiger Verein von Annina Hess-Cabalzar und Christian Hess gegründet, ist nicht gewinnorientiert und setzt sich für ein menschengerechtes, finanzierbares und patientenorientiertes Gesundheitswesen ein.

Café Med im Bistrot chez Marion am Zähringerplatz in Zürich. "Sprechstunden" jeden 2. und 4. Montag im Monat, jeweils von 15 bis 18 Uhr. www.menschenmedizin.com

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