18.07.2018 - Fritz Vollenweider

Mehr als Vergangenheitsbewältigung

Ein Roman erzählt, wie eine Zwölfjährige sich selbst, ihr Leben und ihr Umfeld vor rund 50 Jahren in der Schweiz erlebte.

Katharina, intelligent, aufnahmefähig und aufmerksam; rund 12- bis ungefähr 16jährig, pubertär, aufmüpfisch, mit viel Gespür für Zwischentöne und Ungereimtheiten und letztlich mit der so überraschenden wie notwendigen Klugheit, Aufgenommenes und Erkanntes aus dem familiären und gesellschaftlichen Umfeld für sich zu behalten… Sie ist die Hauptfigur im Roman mit dem spontan so seltsam klingenden Titel. Dieser mag schon als solcher ein Schlüssel zum Verhalten von Katharina bedeuten: Was die in einem eher engen, ja quälenden Umfeld zur jungen Erwachsenen heranreifende Kluge aufnimmt und nicht auf Anhieb versteht, das reflektiert sie in einer sozusagen phonetischen Sprache. Das führt hie und da zu seltsamen, ja belustigenden Wortbildern, die jedoch gekonnt ausdrücken, wie das Fremde, das Unverstandene und Unverständliche auf das aufgeweckte junge Mädchen wirken. Ein geschicktes formales Element des Romans!

Was da wegen Versailles alles passiert sein soll, wir wissen es aus dem Stoff der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus. Tantelotte, die Betreuerin von Katharina, hat ihre Zeit beim BDM (Bund Deutscher Mädel) auch 1965 noch nicht vergessen und gerät hin und wieder ins Schwärmen – Wasser auf die Mühle von Katharinas Vater, senkrechter Schweizer, BGB-Mitglied (Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei) und begeisterter Landesverteidigungs-Militarist. Der Romanautorin gelingt es, diese Art Schweizer und die damit verbundene Stimmung mit einfacher, stilsicherer Sprache und Erzählweise aufsteigen zu lassen, ohne plakativ oder belehrend ausholen zu müssen. Unsere Generation wird diesen Roman gut verstehen, vor allem die gesellschafts- und kulturgeschichtlichen Vorgänge und Zusammenhänge, die er schildert und mit den Verhaltensweisen und Dialogen vorab des Dreiecks Vater – Tante Lotte – Katharina illustriert. Kontrapunkte und Weiterungen geschehen in einem zweiten und weiteren Kreisen: Erst die enge Familie, zu der noch ein Bruder und die todkranke Mutter gehört, die mit MS nach einem Sturz stirbt. Da ist auch eine Schwester des Vaters mit ihrer Familie, die manchmal flieht, weil sie Gespräche und Verhalten nicht aushält und dennoch eine nicht ganz aufrichtige Rolle in der Geschichte spielt. Überhaupt ist die weitgefächerte allgemeine und besondere Unehrlichkeit im Handeln und Denken ein wichtiges Mittel, das Stimmung schafft. Katharina registriert diese seismografischen Ausschläge mit grosser Aufmerksamkeit.

Wesentlich sind auch noch weitere Personen, Einrichtungen und Vorgänge. Den faktischen, historischen Kontext schaffen der 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965, die Expo 1964 und der Bergsturz von Mattmark 1965. Ein wesentlicher Bezug des literarisch und historisch aufbereiteten Einst zum aktuellen Heute ist in der Person des Klassenkameraden und Jugendfreundes Lorenzo symbolisiert. Er ist ein Fremder, ein «Tschingg» und damit auch Ziel der peniblen Fremdenfeindlichkeit von Katharinas Vater und seiner gleichgesinnten Freunde und Kollegen.

Dagmar Schifferli, geboren 1951, Sozialpädagogin, Gerontologin und Literatin, war 1962 bis 1965 selber 11 bis 14 Jahre alt. Wen wundert’s, wenn man beim Lesen ihres Romans auch an mögliche autobiografische Züge in ihrer Hauptfigur denkt? Doch die Komposition des Werks und dessen einzelne Handlungslinien lassen diese mögliche autobiografische Verknüpfung eher in der Betroffenheit über die Ereignisse und Haltungen jener Zeit im Vergleich zu heutigen Haltungen und Vorgängen erkennen als in Katharina oder anderen Personen.

Meisterhaft verbinden die verschiedenen Elemente und Funktionen dieses literarischen Werks das Faktische, das Intuitive, das Emotionale und das Formale zu einem vielseitigen, geschlossenen Erlebnisraum für die Leser. Vieles schwingt mit, was nur angetönt oder höchstens zum Teil ausgesprochen, beschrieben wird. Die Charakter- und Persönlichkeitszeichnungen, die Schilderung der gesellschaftlichen Stimmungen und Zustände und schliesslich der historische Vergleich von Damals und Heute sind die Qualitäten, deretwegen «Wegen Wersai» ein gutes, gedankenvolles und spannend zu lesendes Buch geworden ist.

Verlag Rüffer&Rub

http://www.dagmarschifferli.ch/

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