17.01.2019 - Andreas Iten

Mein Körper hat andere Ideen als ich

Er glaubte, er könne sich selbst heilen. Aber da waren Käfer im Spiel, die er nicht einfach besiegen konnte.

Mich hatte drei Wochen vor Weihnachten ein starker Husten erwischst. In meiner Brust tönte es wie in einem Bergwerk. Immer wenn ich hustete, hörte ich ein Krachen und ein Krosen. Das war sehr lästig, weil ich glaubte, man höre es noch zwei Stockwerke tiefer. Ich bemühe mich stets, dass ich andere Leute nicht störe. Kam ich in den letzten Wochen mit Bekannten zusammen, die hörten, wie ich hustete, empfahlen sie mir, den Arzt zu konsultieren. Ein Leben lang hatte ich behauptet, ich sei Selbstheiler, deshalb winkte ich ab und behauptete, der Husten werde mich bald wieder in Ruhe lassen. Allein es war nicht so. Ich lutschte Husten-Bonbons und trank Pfarrer Künzle`s Kräutertee. Der Husten blieb mir treu wie ein Schosshündchen einer Dame. Es bahnte sich eine empfindliche Niederlage meines Selbstverständnisses an. Ich ging zum Arzt.

Ich als Selbstheiler tat vor dem Arzt so, als ob der Husten eine Bagatelle sei. Ich machte den Rücken frei, damit er mit dem Stethoskop vernehmen konnte, woher das Krachen und Krosen stammt. Der Arzt fand keine verdächtigen Geräusche und schickte mich nach Hause. Ich verliess die Praxis im Bewusstsein, dass ich es ja gewusst hätte, dass die Sache harmlos sei. Der Arzt gab mir ein Mittel. Es sollte das Krachen im Hals verschwinden lassen. Wieder vergingen lange Tage. Der Husten blieb mein hartnäckiger, schäbiger Begleiter. Inzwischen war Weihnachten. Als das Krosen am Nachheiligtag sogar noch stärker wurde und mein Hausarzt nicht erreichbar war, besuchte ich die Permanence im Bahnhof Luzern.

Hier blieb ich lange in der Reihe der Wartenden sitzen. Als ich nach anderthalb Stunden aufgeboten wurde und der Arzt mit dem Stethoskop keine Viren ausmachen konnte, wollte er zur Sicherheit eine Röntgenaufnahme machen lassen. Auch als die Aufnahme vorlag, erkannte er darin keine. Ich könne beruhigt mit einem Paket Medizin nach Hause gehen. Zwei Tage später klingelte das Telefon, der Arzt aus der Permanence rief an. Der Radiologe habe im Zelluloid am Rand der Lunge doch lästige Viecher entdeckt, denen er mit Antibiotika auf den Leib rücken möchte und müsse. Das hiess für mich «Schach dem König». Der Selbstheiler verlor die Sprache. Ich trottete geschlagen  mit dem Co-amoxi-Mepha Dispersible nach Hause. Das Antibiotikum sollte dem Husten innert zehn Tagen den Garaus machen.

Ich war inzwischen ordentlich müde geworden. Die Arbeitslust, die mich sonst immer beflügelt, war verschwunden. Ich lag herum, schrieb nicht, las nicht, übte mich in das mir so verhasste Faulenzen ein. Zur Not glotzte ich in den Fernseher, fand es lustig, wenn Laurel und Hardy auftraten. Von der Politik verabschiedete ich mich durch Zappen. Inzwischen hatte sich der Hustenreiz in die Bronchien verschoben und liess mich weiter bellen. Ich ging zum Hausarzt. Er meinte. «Herr Iten, Sie brauchen Geduld. Es wird sich bald geben.»

Ich mochte nicht mehr das Bald abwarten und griff nach Mutters Rezepten. Ich begann mit heissem Dampf die ätherische Kraft von Salbeiblättern zu inhalieren, was mir schon zu Beginn des Hustens empfohlen worden war. Ich wich damals bequem aus und erwartete mein Heil durch Schlucken von Pillen. Mit dem Inhalieren kehrte die Lebens- und die Arbeitslust zurück, und ich erinnerte mich, dass ich in der Pflicht gewesen wäre, eine Kolumne zu schreiben. Fünf Wochen lang blieb meine Schreibphantasie verlöscht. Nun fiel mir ein Satz von Roland Barthes ein: «Die Lust am Text, das ist jener Moment, wo mein Körper seinen eigenen Ideen folgt – denn mein Körper hat nicht dieselben Ideen wie ich.»* Das hiess auf eine einfache Formel gebracht: Mein Körper war auf die Idee gekommen, mich so sehr zu schwächen, dass ich die Lust am Schreiben verlor.

Nun kann ich der besorgten Leserin meiner Kolumnen, die um mein Leben fürchtete, beweisen, dass ich noch lebe und bald wieder regelmässig Texte im Seniorweb veröffentlichen werde.

* Roland Barthes: Die Lust am Text. Bibliothek Suhrkamp 1982

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