25.09.2018 - Adalbert Hofmann

Mit dem Schiff von Savona nach Savona

Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!

Das Wasser und die Seefahrt faszinieren mich, seit mich mein Vater einst als Dreijährigen in ein Paddelboot gesteckt hatte und mit mir auf dem Untersee zirka 50 Meter weit gefahren war. Völlig logisch, dass mich das Bild im farbigen Ferienkatalog förmlich ansprang: Dieses prächtige Kreuzfahrtschiff!

Kein Wunder also, dass ich diese «exklusive Weltreise mit einzigartiger Route» einer näheren Inspektion unterzog, zumal dem Betrachter (sehr auffällig) «unglaublich günstig, zu einem einmaligen Aktionspreis!» entgegen schrie. Leicht irritiert zwar ob der Tatsache, dass «in 101 Tagen um die Welt» angeboten wurde, denn immerhin hatte es der gute alte Jules Verne in seinem berühmten Roman schon anno 1873 in nur 80 Tagen geschafft. Doch man darf nicht kleinlich sein - bei Vollpension und Tischgetränken zu den Mahlzeiten inklusive.

Geistig versuchte ich die Reiseroute nachzuvollziehen, die im Hafen von Savona begann und sich entlang von Frankreich, Spanien und Portugal fortsetzte. Bevor das Schiff zur Atlantiküberquerung ansetzte, stutzte ich ein erstes Mal: Bis zu sechs Mahlzeiten täglich! Ob dieser Fresserei wohl Schwimmbäder, Whirlpools, Fitnesscenter und Joggingparcours paroli bieten könnten? In der Karibik dann machte ich mir Gedanken über die Kosten - 12500 Franken pro Person in der innenliegenden Doppelkabine, vermutlich leicht unter der Wasserlinie. Aber immerhin 13 Quadratmeter, das ist ja fast mein Büro, und was sind schon 101 Tage in einer fensterlosen Zelle? Die Minisuite mit Balkon für 49990 Franken für meine Frau und mich würde da halt gewisse Grenzen sprengen.

Hätte ich weniger studiert, wären mir nach Durchquerung des Panamakanals zwischen Hawai und Australien nicht unvermittelt die Dimensionen des Schiffs bewusst geworden. 2826 Passagiere in 1130 Kabinen, dazu 1100 Mann Besatzung. Also eine Besetzung wie bei einem gut besuchten Stadtrivalen-Derby zwischen GC und dem FCZ. Und dann all diese Pensionierten, die auf den Weltmeeren ihre Altersvorsorge durchbringen, um anschliessend vom Staat Sozialhilfe zu kassieren…

Vorbei an Thailand, Malaysia, Sri Lanka und Indien schrumpfte meine Begeisterung immer etwas mehr, und mitten im Suezkanal zog ich erste Bilanz: 101 Tage, fünf Kontinente, 22 Länder, 38 Häfen, 15 Landausflüge, 606 Mahlzeiten (von denen infolge von Seekrankheit etwa ein Drittel drauf geht) - und unser Vierbeiner 101 Tage im Hundeheim.

Ich schreckte leicht aus dem Nickerchen auf, in das ich gefallen war und fragte mich, ob wir unterdessen die Insel Giglio wohl schon ohne Havarie passiert haben; ist ja nicht selbstverständlich, dass hier nicht so ein Felsen den Rumpf aufschlitzt! Doch unbeschadet endete die virtuelle Reise im Hafen von Savona. Savona? Da waren wir doch schon einmal, vor gut drei Monaten. Da hätte ich eigentlich doch genauso gut hier bleiben können…

PS: Unsere Ferienwoche letzten Frühling in der kleinen, sauberen Pension an der Via Nizza in Savona für 400 Euro war ganz einfach toll, und auch unser Hund hat sie genossen. «Ein einmaliges Erlebnis, an das Sie sich immer erinnern werden.» Da hat der Kreuzfahrt-Hochglanzprospekt schon recht gehabt, auch wenn er nicht unbedingt das Gleiche meinte.

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