19.01.2019 - Ruth Vuilleumier

Monumente für Tote und Lebende

Reise von Tokyo nach Kyoto (3): Vom Tempelberg zum Bahnhof

Die Reise ging weiter südlich über Takayama nach Osaka, wo wir mit dem Regionalzug und Bus nach Koya-san reisten, zum heiligen Tempelberg des Shingon-Buddhismus, einer esoterischen Ausrichtung des Buddhismus. Der Tempelberg gehört heute zum UNESCO Weltkulturerbe. Hier konnten wir in einem Tempelgasthaus übernachten. Dieses war für Gäste bestens organisiert und eingerichtet mit Internetanschluss, Klimaanlage, Handtüchern, Bademantel für das heisse Bad im Onsen, sogar mit einem Café - eben wie im Hotel. Da die japanischen Tempel nicht subventioniert werden, sind sie auf Einkünfte angewiesen, und da kommen die Einnahmen aus dem Tourismus sehr gelegen.

Garten des Tempelgasthauses in Koya-san

Der Eingang zu unserem Gästehaus führte über einen kurzen Weg durch den gepflegten Japanischen Garten hin zur Treppe, wo uns ein Mönch empfing. Er wies uns an, in die bereitgestellten Slippers zu schlüpfen und die Schuhe in einem Regal zu deponieren. Das Gebäude im Inneren war weitläufig mit vielen Gängen und Schiebetüren, auch mit kunstvollen Malereien an den Wänden. Wir schliefen wieder traditionell auf den Futonmatratzen. Frühmorgens praktizierten die Mönche ihr morgendliches Ritualgebet während fünfzig Minuten im Beisein der Gäste, dann folgte das vegetarische Frühstück.

Wandmalerei auf sliding doors im Koya-san Tempel

Doch mehr als die Übernachtung im Tempel beeindruckte mich in Koya-san der Besuch des grössten Friedhofs Japans, der Okuno-in. Da es bereits später Nachmittag war, hielten sich hier nur noch wenig Besucher auf. Zuerst bewunderten wir die neuzeitlichen gross angelegten Grab- und Ehrenmale von Familien und von Firmen mit gut sichtbarem Firmenlogo, wie Panasonic. Zu unserem Erstaunen entdeckten wir auch ein Grabmal mit einem Hund oder einer Rakete, auch Monumente für Fukushima.

Gedenkstätte mit Rakete auf dem Friedhof Okuno-in

Es ist nicht so, dass hier nur Verstorbene begraben wären, nein, wer etwas auf sich oder auf seine Firma hält und gut betucht ist, lässt sich schon zu Lebzeiten ein Ehren- oder Denkmal errichten. Das hebt das Renommee der Firma und der Familie. Zudem ruhen nach der Prophezeiung des Begründers der buddhistischen Shingon-Lehre hier keine Toten, sondern nur wartende Seelen, die einst ins Jenseits emporgetragen würden.

Und der Geist dieser Seelen wird spürbar, je tiefer man im Friedhof vordringt. Der Zedernwald wird immer dichter, die mit Moos überwachsenen Grabmale immer älter. Kindergräber erkennt man an den Steinfiguren mit roten Käppchen oder Lätzchen, welche die traurigen Eltern den verstorbenen Kindern zum Schutz im Jenseits angezogen haben.

Grabmal der Kinder. Die roten Käppchen und Lätzchen sollen sie im Jenseits schützen

Überschreitet man die Brücke im Zentrum, herrscht strengstes Fotografier-Verbot, denn nun kommt man in die Nähe des höchsten Heiligtums. Doch zuerst gilt es, eine kaum zu bewältigende Prüfung abzulegen: In einem kleinen Holzhäuschen befindet sich ein Stein, mit dem das Gewicht der Verfehlungen eines Menschen gewogen wird. Doch kaum jemand schafft es, diesen zu heben. Etwas weiter vorn steht ein leuchtender Pavillon, in welchem hunderte von Laternen aufbewahrt werden, die zum Teil angeblich seit mehr als 900 Jahren hier brennen. Hier im Licht endet auch die Pilgerreise für die Gläubigen, denn zum Allerheiligsten, dem Mausoleum, wo der Shingon-Gründer noch immer meditieren soll, haben gemeine Sterbliche keinen Zutritt.

Je tiefer man im Friedhof Okuno-in vordringt, je dichter wird der Zedernwald und spürbarer der Geist der Seelen.

Die Reise führte uns weiter nach Kyoto, wo die meisten Tempel beheimatet sind. Aber bevor wir die alten Tempel besuchten, besichtigten wir einen modernen „Tempel“, den futuristisch-avantgardistischen Hauptbahnhof in Kyoto. Er wurde vom japanischen Architekten Hiroshi Hara (*1936) entworfen und 1997 fertiggestellt.

Das Bahnhofgebäude ist circa 470 Meter lang und 15 Etagen hoch. Die Eingangshalle wird von einer imposanten Glaskonstruktion überdacht und ahmt von der Grundidee her die Eigenheiten der japanischen Natur nach: Berge, Teich, Lotus, Bambuswald, Kiefern, Tempel. Mit etwas Fantasie kann man sich diese vorstellen.

Halle des futuristisch-avantgardistischen Hauptbahnhofs (1997) von Kyoto mit einer Shoppingmeile und unendlich vielen Treppen, die zum Himmel hinauf zu führen scheinen

Besonders beeindruckend sind die Dimensionen dieses Bahnhofgebäudes: die extreme Höhe der Halle, die nicht enden wollenden Stufen und Rolltreppen auf verschiedene Ebenen, die raffinierten Metall- und Glasstrukturen der Wände und des Daches, die wunderbare Aussicht auf die Stadt. Die Frage war dann, wo befindet sich der Bahnhof mit den Gleisen und Zügen? Wir entdeckten ihn schliesslich hinter der monumentalen Eingangshalle, wo er auf verschiedenen Ebenen auch unterirdisch angelegt ist.

Hauptbahnhof in Kyoto von aussen

 

Teil 1 / Teil 2 / Teil 4 des vierteiligen Reiseberichts

Alle Fotos: © Ruth Vuilleumier

 

Kommentare

Liebe Ruth
Ich warte schon fast süchtig auf deine nächste Japan-Beschreibung!
Gruss Michèle

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