23.02.2019 - Joseph Auchter

Nello Santi dirigiert die "Lucia"

60 Jahre sind es her, dass der blutjunge Nello Santi in Zürich als Dirigent debütierte. Nun ist er im 88. Lebensjahr noch einmal mit der „Lucia di Lammermoor“ zu erleben.

Der Kronleuchter dimmt ab im Opernhaus Zürich und erwartungsvolle Stille kehrt ein. Es dauert eine ganze Weile, bis Nello Santi mit schwerem Gang den Dirigentenbock erklimmt, und dann ist kein Halten mehr im Publikum. Der sehnlichst vermisste Maestro, der wie kein anderer ein Musikerleben lang für das Gütesiegel der Italianità an der Limmatstadt Gewähr bot, wird frenetisch gefeiert. Und es ist wie immer: Auch wenn seine unnachahmlichen Gesten und Fingerzeige mit dem fibrierenden, langen Dirigentenstab etwas zurückhaltender geworden sind, die Aura ist sofort wieder da. Donizettis schwärmerische Romantik erfüllt das Haus und unsere Seelen. „Prima la musica“ und nichts weiter.

Nello Santi, seit 60 Jahren ein Garant der Italianità im Opernhaus Zürich

Nello Santi war in den letzten Jahren mehr an der Mailänder Scala bei Pereira zu hören als bei uns. Und das hat auch damit zu tun, dass ihm jeder Bühnenklamauk und jede Selbstdarstellung narzisstischer Regisseure ein Greuel sind und er dann lieber auf das Dirigat verzichtet. Man mag das als konservativ etikettieren, aber seine unbedingte Werktreue gibt ihm jedesmal recht. Da passte die Inszenierung von Verdis „Rigoletto“ durch Tatjana Gürbaca, die er nicht dirigieren wollte, nicht zu seiner Philosophie. Und auch der tumben Mode, die Protagonisten während der Ouvertüre bei offenem Vorhang ihr Schicksal mimisch anzudeuten, würde er garantiert vehement widersprechen. Während bei der jüngsten Zürcher Premiere von Mozarts „La finta giardiniera“ Gürbaca die Liebespaare in vom Himmel gefallenen Schaumbadwolken - läppisch genug - sich verlustieren lässt, ist Santi jeder Schnickschnack zuwider. Es geht ihm um das Primat der Musik, Rampensingen hin oder her.

Die Inszenierung der „Lucia“ durch Damiano Michieletto stammt aus dem Jahre 2008 und ist sicher nicht das Gelbe vom Ei, aber sie erlaubt es Santi, den irisierenden Belcanto wie Labsal strömen zu lassen. Das Orchesterkolorit ergänzt und verdichtet das anachronistische Bühnenprozedere mit dem Romeo und Julia-Motiv zweier verfehdeter Familien dann halt so, wie es Libretto und Partitur Donizettis vorgeben. Oper geht halt so, und wer sie, Teufel komm raus, aktualisieren will, gerät in die Sackgasse der Beliebigkeit. 

Nina Minasian (Lucia) und Ismael Jordi (Edgardo) im Liebeszauber / Fotos  T+T Toni Suter

Die Besetzung der Wiederaufnahmen von 2015 und 2017 ist teilweise identisch. So interpretieren der spanische Tenor Ismael Jordi den verfehmten Liebhaber Edgardo und der assimilierte chinesische Bass-Bariton Wenwei Zhang den Priester Raimomdo erneut mit präsenter, viriler Statur und glaubwürdigem Charakter. Auch Artur Rucinski (Bruder von Lucia) ist wieder von der Partie und hat an Profil sogar noch hinzugewonnen. Nina Minasyan alterniert als noch recht junge Lucia mit Venera Gimadieva mit untadeliger, einnehmender Rollendeckung, auch wenn sie, Kunststück, die Gruberova nicht vergessen lässt. Auch die Nebenrollen und der von Janko Kastelic einstudierte Chor fügen sich in ein harmonisches Ganzes, das der unnachgiebig fordernden Präzision unseres Maestro zu verdanken ist.

Würdigen Sie die Verdienste Nello Santis in den folgenden Vorstellungen durch ihre Präsenz oder gönnen Sie sich im September an der  Mailänder Scala den andern "Rigoletto" mit Nello Santi am Pult (Inszenierung Gilbert Deflo, Bühnenbild Ezio Frigerio) und mit dem unvergesslichen Leo Nucci in der Titelrolle.

 

Weitere Vorstellungen: Februar 26, 28, März 5, 10, 14, 19

"Rigoletto" an der Scala Mailand: September 2, 5, 7, 11, 13, 16, 18, 20, 22

   

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