01.09.2016 - Gastautor

"Noch bin ich gesund"

Demenz und assistierter Suizid ist ein Tabuthema. Umso notwendiger ist es, öffentlich darüber nachzudenken. Nachdenken über Menschenwürde und Selbstbestimmung

Von Marianne Pletscher

Viele ÄrztInnen und Betreuungspersonen lehnen den begleiteten Freitod bei Demenz ab. Das kann ich verstehen. Ihre Aufgabe ist es, demenzkranken Menschen in jedem Stadium der Krankheit ein so gutes Leben wie nur möglich anzubieten. Aus gesellschaftlicher Sicht ist dieses Anliegen zentral und darf niemals infrage gestellt werden. Es ändert nichts an meiner persönlichen Einstellung: Ich befürworte den begleiteten Suizid bei Demenz. Zu dieser Einstellung haben mich meine beruflichen Erfahrungen, schmerzhafte persönliche Erlebnisse sowie meine ganz eigene Lebenslage gebracht.

Schock über die Diagnose

Als Dokumentarfilmerin beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit dem Thema Demenz. Dank meiner Recherchen weiss ich um die generell hohen Zustimmungsraten zum assistierten Suizid: zwischen sechzig und achtzig Prozent je nach Umfrage, in Deutschland wie in der Schweiz. Seit ich an diesem Thema arbeite, sprechen mich fast täglich FreundInnen und Bekannte darauf an. „Könnte ich als Demenzkranker Hilfe beim Sterben bekommen? und wenn ja, wie und wann?“ lautet ihre häufigste Frage.

red. hinweis zur serie

Auch betroffene Angehörige haben mir immer wieder Geschichten erzählt, die mir aufzeigten, dass viele DemenzpatientInnen zu Beginn ihrer Erkrankung an Suizid dachten. Ob sie später davon absahen, weil sie nach dem ersten Schock über die Diagnose wieder Mut fassten, oder ob die Krankheit schon zu weit fortgeschritten war, ist schwer zu eruieren. Mit Sicherheit kann ich sagen, dass für viele Angehörige eine offene Diskussion sehr wichtig ist.

Viele von ihnen haben schmerzhafte und lang andauernde Erfahrungen bei der Begleitung eines Demenzkranken gemacht und nehmen sich fest vor, mit der Sterbehilfeorganisation Exit aus dem Leben zu scheiden, falls sie selbst demenzkrank würden. Auch Menschen aus dem Umfeld der professionellen Demenzbetreuung vertrauten mir an, dass sie Exit beigetreten sind. Sie baten mich, dies nicht öffentlich zu machen – aus Angst, ihre Haltung könnte negative berufliche Folgen für sie haben. Das Thema ist sehr emotional, und ich habe aus Fachkreisen oftmals heftige Ablehnung erfahren.

Ausgerechnet du, heisst es etwa, du setzt dich mit deinen Filmen doch stets für die Lebensqualitüt der Betroffenen ein! Für mich ist dies kein Widerspruch: Als Dokumentarfilmerin und als Mensch habe ich mich immer dafür eingesetzt, dass demenzkranke Menschen mit ihren Anliegen ernst genommen werden. Und zwar, wenn es ums Leben und wenn es ums Sterben geht.

Das Recht, selber zu entscheiden

Sprechen wir als Erstes von den Fakten: Ja, in der Schweiz ist der begleitete Suizid bei Demenz möglich. Allerdings ist er sehr schwierig durchzuführen, da die kranke Person noch urteilsfähig sein muss. Dies beurteilt im Normalfall der betreuende Arzt. Ein zweites Gutachten durch eine Fachärztin oder einen Facharzt, sei es ein Psychiater, eine Neurologin oder ein Geriater, ist nötig.

Urteilsfähig sein heisst, dass die Krankheit noch nicht zu weit fortgeschritten sein darf. Gleich nach der Diagnosestellung ist ein Mensch in der Regel in der Lage, seine Situation noch selbstbestimmt zu beurteilen. Wann genau er dies nicht mehr sein wird, ist schwer zu bemessen, jede Demenzerkrankung verläuft anders. Es ist wichtig, dass man sich, wenn man diesen Weg gehen will, kurz nach der Diagnose mit einer Sterbehilfeorganisation in Verbindung setzt, selbst wenn es noch lange dauern kann, bis man nicht mehr urteilsfähig ist.

Wenige an Demenz Erkrankte entscheiden sich letztlich für den Freitod, wie die Erfahrungen der behandelnden ÄrztInnen und die Zahlen von Exit zeigen. Das heisst nicht, dass eine offene Diskussion darüber nicht sinnvoll ist. Demenzkranke Menschen, die sich den von einer Sterbehilfeorganisation begleiteten Suizid vorstellen können, müssen das Pro und Kontra in Ruhe überlegen dürfen, ohne dass sie stigmatisiert werden. Jeder Mensch hat das Recht, selbst zu entscheiden, was für ihn ein Sterben in Würde bedeutet. Jeder Mensch hat das Recht zu erfahren, zu welchem Zeitpunkt ein solcher Entscheid getroffen werden muss. Jeder Mensch hat das Recht auf eine unvoreingenommene Beratung, die ihm aufzeigt, was der allfällige Entscheid für seine Angehörigen und FreundInnen bedeutet, aber auch aus juristischer, psychologischer und theologischer Sicht. Jeder Mensch muss wissen, was es bedeuten kann, bis hin zur letzten Phase der Demenzerkrankung zu leben.

Exit bietet ihren Mitgliedern diese Beratung an, ohne den geringsten Zwang. Ich wünsche mir, dass in Zukunft auch HausärztInnen und anderes Betreuungspersonal ohne Vorurteile und offenen Herzens mit ihren PatientInnen darüber reden können. Doch das Thema ist zutiefst weltanschaulich geprägt, und längst nicht alle Fachleute und schon gar nicht jeder Pfarrer können über den eigenen Schatten springen. Auch das habe ich in den vielen Gesprächen erfahren.

Lesen Sie den vollständigen Artikel mit dem Brief, den Marianne Pletscher - gesund - an Marianne Pletscher - mit allfälliger Demenzdiagnose  - schreibt: noch-bin-ich-gesund.pdf

Der nächste Beitrag - Gedanken einer Angehörigen - erscheint in rund einer Woche

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