06.02.2019 - Bernadette Reichlin

Plasticstrohhalme und Schlammgruben

Fremdwörter sind Glücksache. Sagt man. Wer Zeitungen genau liest, kommt zum Schluss: Was heisst da Fremdwörter? Alle Wörter können auf gut Glück verwendet werden.

Das aktuellste Beispiel sind die Klimawandel-Demonstrationen Jugendlicher. Da wird von "kindlichen Kollektivstrafen" an einem Gymnasium berichtet. Gut möglich, dass ein Teil der Schülerschaft noch kindlich war, die Sanktionen der Schulleitung aber waren, das meint jedenfalls der Kritiker, einfach nur kindisch.

Bleiben wir beim kindlichen – nein, nicht beim kindischen – Teil der Bevölkerung. Da wird beim Bericht über ein Skilager zum Poesiehammer gegriffen: "Das Lager ist ein erster Ausflug in die Wildbahn der sich abzeichnender Jugend." Geschwollener gehts ja kaum mehr. Hoffentlich verirren sich die von der abzeichnenden Jugend betroffenen Jugendlichen nicht im wilden Schnee.

Das soll es ja geben. dass man aus Stroh Gold spinnen kann – oder wenigstens meint, es zu können. Nachzulesen im Märchen "Rumpelstilzchen". Genau genommen hat es zwar nicht geklappt, aber in der Zeitung wird aus Stroh zumindest Plastik. "Plastikstrohhalme sollen verboten werden", heisst es da. Ganz abgesehen davon, dass man nicht mehr als zwei Substantive zusammenschreiben sollte – also Plastikstroh- Halme oder Plastik- Strohhalme – ist der Ausdruck schlicht falsch. Trinkhalm wäre korrekt. Man sagt ja auch nicht Plastikglasflasche.

Da referiert ein Theologe zum Missbrauch-Problem in der katholischen Kirche. Und sagt, so hat es der Berichterstatter jedenfalls gehört, zum Schluss: "Da sind noch etliche Schlammgruben nicht geöffnet worden". Hörgerät einschalten, möchte man da (laut) rufen. Sind es doch die Schlangengruben, bekannt aus Märchen und Sagen, in denen das Böse und Schreckliche haust und die deshalb tunlichst unter Verschluss zu halten sind. Bei Gotthelf war es übrigens keine Grube, sondern ein Türstock, in dem sich das Übel versteckte. Einmal geöffnet, kam der Schwarze Tod, die Pest über das Land. Nachzulesen in der Novelle "Die scharze Spinne". Ob die Kirche ihre schwarzen Geheimnisse, ihre Schlangengruben, offenlegen sollte, darüber wird aktuell ja diskutiert.

Zum Schluss noch Sätze, bei dem jedes Wort richtig ist und die so trotzdem nicht in der Zeitung stehen sollten. Weil sie nicht verstanden und deshalb wohl auch nicht gelesen werden: "Initianten wollen eine Deponieverhinderung durch Schlackenreduktion erreichen." Wird, weil es so unverständlich formuliert ist, gleich noch durch einen zweiten Satz erklärt: "Die Initianten wollen statt einer Deponieverhinderung die Forschung in die bessere Verwertung der Abfallschlacke forcieren." So weit, so unklar?

Solch Bürokratiedeutsch, bei dem der Schreibende den ersten Satz selber unverständlich findet und er deshalb eine ebenso komplizierte Erklärung nachschieben muss, verleidet jedem die Zeitungslektüre. Dabei haben die Initianten ein wichtiges Anliegen. Wenn die Schlacken aus den Kehrichtverbrennungsanlagen sinnvoll genutzt werden könnten, müssten sie nicht irgendwo entsorgt werden.

Kein Bürokratiedeutsch, aber unpassend ist der folgende Satz. "Der Sekundenzeiger bewegte sich seit drei Uhr zum 5700. Mal." Bei Drittklässlern stünde jetzt im Rechenbuch: Rechne!  Aber die meisten Zeitungslesenden sind weder kindisch noch kindlich und über die Wildbahnen der sich abzeichnenden Jugend längst hinaus. Und wollen Fakten lesen, nicht Rätsel lösen.

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