05.03.2019 - Fritz Vollenweider

Römische Kultur von Arles bis Genf

Was der Rhein für die Nordschweiz, ist die Rhone für die Südwestschweiz. Funde aus Genf und Arles im Musée d’art et d’histoire in Genf zeugen davon.

Es gibt geografische Streifen, auf welchen sich seit undenkbaren Zeiten die Völker und die Kulturen bewegen, oft in beiden Richtungen, manchmal auch nur in einer. Wenn man die Völkerwanderungen in Europa wiederum von der Antike bis zur Gegenwart untersucht – und das wird leider im Zusammenhang mit dem heute virulenten Migrationsproblem nicht getan – stellt man das sofort fest.

Eine solche, nennen wir es «Kulturfurche», ist zum Beispiel der Rhein. Schon vor der Christianisierung Mitteleuropas haben Menschen mit Handels- oder kulturellen Gütern von Norden und Nordosten her unser Land erreicht und haben sich von da über die Alpen weiter nach Süden vorgearbeitet.

Ein ebenso wichtiger geokultureller Streifen ist die Rhone. Vom Mittelmeer gelangt man praktisch hindernisfrei an den Genfersee und weiter in die Plaine d’Orbe. Von dort ist die Weiterverbreitung von Handel und Kultur an den Jurafuss und in den Norden möglich.

Caesar, die Römer und die Rhone

Schon im Jahr 125 v.Chr. rief Marseille wegen der Bedrohung durch die Kelten die Römer um Hilfe. Um die Helvetier an der Migration zu hindern, kam Julius Caesar 58 v. Chr. nach Arles, wo er 46 v. Chr. eine Kolonie gründete. Deren ungefähr 300-jährige Blütezeit dokumentieren über lange Zeiten immer wieder geborgene Funde. Sie sind erstmals aus den Sammlungen des Genfer «Musée d’art et d’histoire» (MAH), des «Musée départemental Arles antique» (MDAA), des «Musée du Louvre» in Paris und verschiedener anderen Einrichtungen in einer Ausstellung zusammengeführt. Gestaltet wird die Schau von Béatrice Blandin. Sie ist am MAH als Konservatorin für die griechisch-römische Antikensammlung verantwortlich. Das ganze Team aus Arles und Genf hat mit Herzblut gearbeitet, das spürt man. Entsprechend reichhaltig, informativ und publizistisch gepflegt gestaltet ist der Ausstellungskatalog. Er liest sich trotz des Umfangs und der französischen Sprache (235 Seiten ohne Apparat und Anhang) spannender als manches wissenschaftliche oder Schul-Geschichtsbuch.

Le chaland Arles-Rhône 3 Construit entre 50 et 60 apr. J.-C. Bois de sapin et de chêne.
Musée départemental Arles antique, Dépôt du DRASSM. Inv. RHO.2004.AR3.1
© MDAA, Rémi Benali

Dieses in Arles gefundene, rekonstruierte Boot schaffte die Verbindung der beiden Städte Arles und Genf über die Rhone. Arles, «das kleine Rom Galliens» genannt, gilt als Konzentrationspunkt des damaligen Handels im südwestlichen Mittelmeerraum, Genf bildete die Drehscheibe der Verbindungen nach Norden und Osten. An beiden Orten bestanden ausgedehnte Hafenanlagen. Zahlreiche ausgestellte Funde zeugen vom aktiven wirtschaftlichen und kulturellen Leben vom ersten vorchristlichen bis ungefähr zum dritten Jahrhundert nach Christus. Betrachtet man die ausgestellten Schätze in den verschiedenen Teilen der Ausstellung, am besten mit Informationen des Katalogs im Gedächtnis, so spürt man intensiv so etwas wie den Hauch der Geschichte. Die Exponate, seien es Mosaike, Skulpturen Reliefs oder Gebrauchsgegenstände, wirken konkret und ohne einen Anflug von Staub der Vergangenheit. Man möchte sie anfassen, mit den Gegenständen arbeiten, das Rad drehen, die Truhe öffnen, die Statuen zum Leben erwecken… Eine Galerie als Illustration zu den historischen Ereignissen breitet sich in den Räumen aus.

Mosaïque représentant l’enlèvement d’Europe. Fin du IIe - début du IIIe siècle apr. J.-C. Découverte à Arles, Trinquetaille, route des Saintes-Maries-de-la-Mer, 1900. Opus tessellatum. Dimensions : 205 x 187 cm Musée départemental Arles antique. Inv. FAN.1992.563. © MDAA, Rémi Bénali.

Couvercle du sarcophage d’Optatina Reticia, surnommée Pascasia. Milieu du IVe siècle apr. J.-C. Découvert à Arles, depuis le XVIe siècle dans l'église de Saint-Honorat. Marbre, atelier de Rome. Dimensions : H. 35,5 ; L. 164 ; Pr. 19 cm. Musée départemental Arles antique, Inv. FAN.1992.2485 © MDAA, Rémi Bénali

Vénus d’Arles. Dernier quart du Ier siècle apr. J.-C. (d’après un modèle du IVe siècle av. J.-C.)  Découverte à Arles, théâtre antique. Marbre de l’Hymette, atelier de Rome(?) Dimensions: H. 220 ; L. 102 ; Pr. 65 cm. Musée du Louvre, Département des Antiquités grecques, étrusques et romaines. Inv. MR 365 (Ma 439). © Musée du Louvre, Dist. RMN-Grand Palais / Daniel Lebée / Carine Déambrosis

«Hier ist die ganze Schönheit Europas versammelt», so vor Jahren die Kuratorin während einer Führung in einer Sammlung von Werken des Impressionismus. Hier, im MAH Genf, könnte man ohne weiteres von der «Versammlung der ganzen Schönheit römischer Geschichte und Kultur» sprechen, auch wenn neben Kunstwerken vor allem Gegenstände zu sehen sind. Die Ausstellung «Cäsar und die Rhone. Meisterwerke aus Arles» vermittelt mehr als nur eine Ahnung davon, was der Begriff «Kultur» alles umfasst: Handwerk, Arbeit, Handel, Schifffahrt, geografische Verbreitung und Entdeckung, Kunstwerke und Literatur. Vielleicht noch viel mehr. Und der Begriff «Geschichte», auch das zeigt diese Ausstellung, erschöpft sich keineswegs, wie die Schule (früher?) zu glauben meinte, in Staatengründungen Annektierungen, Kriegen, Versklavungen, Vertreibungen und wirtschaftlicher Ausbeutung.

Portrait d’homme : César, fondateur de la colonie d’Arles(?).Milieu du Ier siècle av. J.-C. Découvert à Arles, fouilles du Rhône, 2007. Marbre de Dokimeion (Turquie).
Dimensions: H. 39,5; L. 22 ; Pr. 18 cm. Musée départemental Arles antique, Dépôt du DRASSM, Inv. RHO.2007.05.1939.
© MDAA, Rémi Bénali.

Dieses Portrait, vermutlich Cäsar darstellend, ist 2007 erst gefunden worden. Es ist zum Markenzeichen der Ausstellung geworden.

 

Bis 26. Mai 2019

Zur Ausstellung

 

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