13.01.2017 - Brigitte Poltera

Sattle den Gaul und wähle deinen Weg

Im Buch “Hier können Sie im Kreis gehen“ von Frédéric Zwicker ergreift der 91-jährige Johannes Kehr ein letztes Mal die Zügel, um über den Rest seines Lebens zu bestimmen.

Frédéric Zwicker, gerade mal 34 Jahre alt, legt seinen Roman in ein Pflegeheim, in dem alte Menschen wohl behütet auf das Ende ihres Lebens warten, „in einem gepflegten Zauberschloss, in welchem sich teuflische Komödien ereignen“ wie er in seinem Erstling schreibt, für den er von Literaturkritikern bereits viele Komplimente erhalten hat.

Nach dem Tod seiner Frau scheint dem Johannes Kehr der Eintritt ins Altersheim und die Vortäuschung einer Demenz der einzig gangbare Weg zu sein, um sein Leben gepflegt und möglichst selbstbestimmt zu Ende zu führen. Der Autor stattet seinen Romanhelden mit so viel Energie aus, dass es ihm vergönnt ist, mit 91 Jahren nochmals nach vorne zu schauen und selbständig nach den Zügeln für sein Leben zu greifen. Unter dem Deckmantel der Demenz setzt Kehr abstruse, gesellschaftlich zu verachtende Mittel ein, um seine Wünsche zu erfüllen, oder um sich zu rächen, aus Langeweile oder auch einfach aus Lust am schlechten Gewissen. Die Ideen dazu holt er sich aus dem Fundus von dementen Menschen, deren Verhalten er sorgfältig recherchiert hat.

zwicker-hier können sieAlltag und Stimmung im Pflegeheim werden einfühlend und witzig beschrieben, mit verblüffenden Vergleichen aus dem unermesslichen Wortschatz, über den Zwicker als Germanist und Slam-Poet verfügt. Die Geschichten unterhalten und amüsieren und versickern als schwarzer Humor in den abgrundtiefen Gräben der Einsamkeit im hohen Alter.

Zwicker hat als Betreuer erlebt, wovon Johannes Kehr als Pensionär spricht. Es wäre wohl kaum möglich, den Alltag im Pflegeheim so detailliert und glasklar zu schildern, hätte der Autor nicht seinen Zivildienst in einem solchen Heim geleistet. Aus den skurrilen Situationen spricht auch die grosse Bewunderung für die aufopfernde Arbeit des Pflegepersonals, das sich in stoischer Liebenswürdigkeit und mit endloser Geduld für die alten Menschen einsetzt.

Hinter lachenden Menschen aber, hinter den Fotos von glücklichen Alten, den Therapien und Aktivitäten und den blitzsauberen Fluren wird das Heim von einer festen Ordnung wie durch einen Zaun umschlossen. Mit dem Heimeintritt verlieren die Angehörigen die Kontrolle über den alten Menschen. Die Abteilungsleiterin übernimmt die Verantwortung, und nur sie entscheidet, wer wie über die Abteilung informieren darf. Nur das Pflegepersonal teilt die Demenztypen ein in die „leeren Hüllen“ und in die „Ausbrecher“. Wer den Code für Türe und Lift nicht kennt, kann die Abteilung nicht verlassen. „Hinter den Pflegeheimfenstern stapeln sich die Wünsche und Hoffnungen der Ausbrecher, die bis zu den Knien in zerschmetterten Sehnsüchten stecken“, mutmasst Kehr. Und wundert sich dann doch, dass eine Angestellte ihre demente Mutter zur Pflege nach Hause nehmen und sich auch noch in ihrer Freizeit mit einer „Königin des Chaos“ auseinander setzen will.

Parallel zum Alltag philosophiert Kehr über sein eigenes Leben im letzten Jahrhundert. Der Tod hat ihm gründlich mitgespielt: Die Eltern, der Onkel, die Tante, sein Sohn sind zu früh verstorben, dann auch seine Frau und sein Freund. Manche haben die Ankerleinen selbst gekappt. Die Enkelin Sophie ist der funkelnde Diamant in seinem Kaleidoskop der Gefühle. Und letztlich überlegt er, ob seine Tochter, die ihn nur pflichtbewusst unterstütze, eben doch etwas mehr Zuneigung verdient hätte, weil sie die Abonnemente auf Tagi und NZZ, die er täglich so sehr schätzt, bis ans sein Lebensende kommentarlos weiter laufen lässt.

Der Autor

Zwicker-Frédéric-Frédéric Zwicker, Foto Marcel Müller

Frédéric Zwicker, wurde 1983 in Lausanne geboren und wuchs in Rapperswil-Jona am Zürichsee auf, wo er heute wieder lebt. Während seines Studiums der Germanistik, Geschichte und Philosophie trat er regelmässig an Poetry Slams auf. 2006 gründete er mit dem Jazzmusiker Matthias Tschopp die Band Knuts Koffer, die seine Texte musikalisch umsetzt. Zwicker arbeitete als Werbetexter, Journalist, Pointenschreiber für die Satiresendung Giacobbo/Müller, als Moderator von Lesungen, Musiklehrer und Leiter von Literaturworkshops an Schulen. Während einer Afrikareise schrieb er für die Zeitung Südostschweiz den Blog „Zu Tee bei Mutter Afrika“. Neben seinen Auftritten arbeitet Zwicker heute für die Kulturzeitschrift Saiten. 

Das Buch

Frédéric Zwicker
"Hier können Sie im Kreis gehen"
Roman, Nagel & Kimche
2016, 160 Seiten
ISBN 978-3-312-00999-2 fester Einband
ISBN 978-3-312-01010-3 ePUB-Format
CHF 26.90 unverbindliche Preisempfehlung

 

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