03.11.2018 - Eva Caflisch

Schlüsselmoment der Schweizer Geschichte

So bezeichnet das Landesmuseum den Landesstreik vom November 2018

Ein Zahlungspapier genannt Schweizer Rubel mit den Köpfen prominenter Linker, ein Maschinengewehr der Schweizer Armee – solche wurden beim Landesstreik gegen Streikende eingesetzt, zwei rote Fahnen, eine gehörte einer Füsilierkompanie, die andere der Textilarbeitergewerkschaft Zürich.

Wenige aber eindrückliche Objekte zur Ergänzung der Fotos und Dokumente, die das Landesmuseum zum grossen Streik vor 100 Jahren präsentiert. Der Landesstreik-Spezialist und Direktor des Sozialarchivs, der Geschichtsprofessor Christian Koller wurde als Co-Kurator gewonnen und führte die Medienvertreterinnen und -vertreter kompetent durch die eindrückliche Ausstellung, die – so hoffen die Verantwortlichen – ein Ausflugsziel auch für Schulklassen werden soll.

Suppenküchen linderten im letzten Kriegsjahr die Not. Staatsarchiv Basel-Stadt

Der didaktische Aufbau hilft freilich auch der Generation jener, deren Grossväter vor hundert Jahren noch im Aktivdienst waren und schlimmstenfalls gegen Männer und Frauen der Arbeiterbewegung eingesetzt wurden. Zunächst führt eine Zeitlinie – über dem Strich mit den Daten das Ausland, darunter das Inland – an die wichtigsten Stationen, die den Herbst 1918 zur grössten Krise der Schweiz seit der Gründung des Bundesstaats 1848 machte.

Ursachen: Der erste Weltkrieg brachte auch der nicht involvierten Schweizer Bevölkerung einschneidende soziale Probleme: die Versorgungslage war miserabel, bis 1917 wenigstens ein Rationierungssystem eingeführt wurde; der Sold eines Soldaten im Aktivdienst betrug rund zwei Arbeiterstundenlöhne, damit konnte keine Familie leben, Frauen mussten mitarbeiten; die spanische Grippe traf die halbe Bevölkerung, raffte 250‘000 dahin; im Bürgertum bei Politikern und Unternehmern herrschte nach der russischen Revolution Angst vor Umsturz und Verlust, denn die Arbeiter forderten ihre Rechte.

Ausstellungsansicht: Mit dem neu beschafften Stahlhelm gegen Mitbürger im Arbeitskampf.

Armee und Arbeiterbewegung: Der heisse Herbst beginnt mit dem Zürcher Bankpersonalstreik am 30. September 1918 . Erstmals traten Angestellte und nicht Arbeiter für ihre Rechte ein, worauf die Presse mit Angstkommentaren reagierte – es gehe um eine Generalprobe für die Revolution. Der Oktober 1918 stand im Zeichen des Waffenstillstands, dem Auseinanderbrechen der Habsburger Monarchie, und Anfang November wurde der deutsche Kaiser abgesetzt, die Republik ausgerufen.

Der Generalstreik wurde vom Oltner Aktionskomitee am 12. November ausgerufen, am 14. abgebrochen. Die Provokation war die massive Mobilisierung von Truppen in den Städten durch den Bundesrat, gemäss dem Memorial von General Wille, der präventives Vorgehen für unerlässlich hielt: "Ich weiss sehr wohl, welche Macht in der Demokratie die öffentliche Meinung hat; niemals werde ich sie brüskieren, sondern mich ihr immer unterziehen, wo ich darf. Aber in einer Lage wie jetzt darf man es nicht; das Heil des Vaterlandes steht auf dem Spiel! Pflicht ist es, wenn dies auf dem Spiel steht, sich von dem Denken und Empfinden der öffentlichen Meinung nicht beeinflussen zu lassen." Ausgerüstet wurden die Truppen mit Stahlhelmen, damit unterstrich man, die Situation sei ernst.

In Grenchen kommt es am letzten Streiktag zum Schusswaffengebrauch der Ordnungstruppen gegen Demonstranten. Drei unbeteiligte Zivilisten sterben.
Streikalbum, Kulturhistorisches Museum Grenchen

Folgen: Der Bundesrat stellte ein Ultimatum auf Streikabbruch, aber das Streikkomitee mit Robert Grimm an der Spitze agierte besonnen und brach den Streik nach zwei Tagen ab. Die Hauptforderungen: 48-Stunden-Woche, AHV, Frauenstimmrecht, kamen als Hauptforderungen auf die politische Agenda, wobei die Arbeitszeitreduktion praktisch unverzüglich umgesetzt, der Verfassungsartikel zur Altersversicherung zügig in die Verfassung aufgenommen, das Frauenstimmrecht dagegen eine halbe Ewigkeit schubladisiert wurde, weil es keine Mehrheit bei den stimmberechtigten Herren und Männern fand.

Abstimmungskampf um das Wahlrecht kurz vor dem Landesstreik.

Ein Zeitzeuge versicherte aber, dass der Bundesrat noch nie und nie mehr so schnell arbeitete wie nach dem Generalstreik.

Schon vor dem Streik hatten die Stimmbürger das Proporzrecht für die Nationalratswahlen gutgeheissen, nach dem Landesstreik wurde ein Jahr vor dem Termin neu gewählt, die absolute Mehrheit der Freisinnigen war gebrochen. Die Arbeiterbewegung wurde integriert, 1937 kam es zum Friedensabkommen in der Maschinenindustrie. Und während des 2. Weltkriegs 1943 wurde der Sozialdemokrat Ernst Nobs in den Bundesrat gewählt, ein vorbestraftes Mitglied des Oltner Aktionskomitees. Der Gerichtstermin hat – ausser vier Verurteilungen (neben Nobs auch Robert Grimm, Friedrich Schneider und Fritz Platten) zu Freisprüchen und zum einzigen Gruppenfoto des Komitees geführt.

Wie wichtig die Frauen der Arbeiterbewegung waren, wird belegt mit der einzigen Frau im Oltner Aktionskomitee Rosa Bloch-Bollag und mit Anny Klawa-Morf, die das Komitee von links kritisierte.

Anny Klawa-Morf, Bern, 11. November 1922, war im Landesstreik als Jungsozialistin aktiv.
Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich

Bloch-Bollag organisierte schon im Sommer 1918 eine Frauendemonstration vor dem Rathaus Zürich gegen die Teuerung. Eine Woche darauf durften gar drei Frauen im Kantonsrat kurz sprechen. Danach ging lange nichts mehr – Frauen blieben allenfalls Zuschauerinnen bei Ratssitzungen.

Der Generalstreik hatte die Nation in ihren Grundfesten erschüttert, aber dank bedächtiger und vernünftiger Protagonisten kam es nicht zum Bruch, sondern wiederum zum Kompromiss und langjährigen stabilen politischen und sozialen Verhältnissen. Eine Vitrine mit Literatur von einem frühen Fake-News-Pamphlet, das Angst vor den bevorstehenden Umsturz schürt, über das Standardwerk von Willi Gautschi von 1968 bis zum neuesten Buch zum Landesstreik, bei dem Co-Kurator Christian Koller Mitherausgeber ist, beschliesst die Ausstellung. Der Landesstreik wurde und wird bis heute immer wieder vereinnahmt, wenn es darum geht, die Umsturzthese zu popularisieren, zeigte Koller anhand jüngster Beispiele.

Bei der Vernissage zog Bundesrat Alain Berset in seiner Rede folgende Lehre aus dem Landesstreik: „Unsere zu Recht vielgerühmte politische Stabilität hat Voraussetzungen. Nämlich dass es in diesem Land fair zu- und hergeht, dass die soziale und politische Teilhabe mehr ist als ein Versprechen.“

bis 20. Januar 2019
Teaserbild: Oltner Aktionskomitee kam vor Gericht. Bild: Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich

https://www.nationalmuseum.ch/d/microsites/2018/Zuerich/Landesstreik.php

Abonnieren Sie unseren Newsletter seniornews: 
Nach Oben