26.01.2017 - Andreas Iten

Schnupfzeit

Viele Leute leiden unter der Grippe oder sie haben eine verschnupfte Nase und husten tief aus den Bronchien. Das kann auch zu einem Moment des Innehaltens werden.

Du solltest eine Kolumne schreiben. Die Nase läuft. Du hustest stark. Die Atemwege sind belegt. Telefonieren ist nutzlos. Die Stimme versagt. Bist du nicht ein Selbstheiler? Du inhalierst und gurgelst. Papiernastuch um -nastuch verbrauchst du. Es kracht in den Atemwegen. Du wirfst Schleim aus. Der Bart wächst. Irgendwie lächelt der Spiegel zurück, wenn du ihn anblickst. „Verwahrlost siehst du aus“, sagt er. „Heruntergekommen!“ Du quälst dich, du solltest eine Kolumne schreiben. Du hast genügend Empörungspotential in dir, damit dir ein Thema einfällt. Du hockst tatenlos vor dem Fernseher und zappst. Früher, wenn dir nichts einfiel, hieltest du dich an die Dichter. Ein leuchtendes Wort, ein origineller Satz diente dir. Aber jetzt! Du kommst dir wie eine Fliege am Fenster vor. Sie krabbelt über die von Licht erhellte Scheibe auf und ab, hin und her. Sie findet keinen Weg in die frische Luft. Endlich liegt sie matt auf dem Fenstersims. Du liegst schlaff auf deinem Fernsehstuhl. Schaltest das Programm aus, wieder ein, zappst Hundert Sender durch. Es hilft nicht. Mit Trial and Error, mit Versuch und Irrtum kommst du nicht weiter. Das gelang auch der Fliege nicht.

Du kannst doch nicht einfach ein Tagesgeschehen kommentieren! Seit Trump die Bühne betrat, wird endlos spekuliert, kommentiert, gehofft, entrüstet. Daraus flickst du keine Kolumne zusammen. Du müsstest sie auf eine Pointe zuspitzen. Wie soll man Trump auf einen Gedanken zuspitzen? Er springt hin und her. Er bleibt nicht bei dem, was er sagt. Raus aus dem Tagesgeschehen!

Du liegst auf der Corbusier-Liege, lässt die Beine hängen, legst die Arme unter den Kopf. Er lastet schwer. Du hustest. Wo sind die Papier-Tüchlein? Du bist zerstreut. Du fühlst dich müde. Du wartest auf einen Einfall. Der Abgabetermin rückt näher. Du bist unfähig zu lesen, zu denken, zu planen. Du wirst noch einige Tage in der warmen Stube verweilen müssen. Du machst ein Feuer. „Ignis sanat, das Feuer heilt“, sagten die alten Römer. Es flackert und murmelt, es frisst Scheit um Scheit. Die Flammen springen auf und sinken zusammen. Du merkst, wie dich das Feuer entspannt. Lob der Müdigkeit!, denkst du. Warum eigentlich immer Lob der Aktivität? 

Dieser grippeähnliche Zustand beginnt dich zu schwächen. Du haderst. Du spürst, wie dein Ich klein wird. Was sich sonst spreizt in dir, lahmt. Müde kannst du dir vorstellen, was es heisst, immer weniger zu sein. Einfach nur Beobachter des Lebens, den grossen Fragen ausgesetzt, der Frage nach dem Sinn. Die Schwerkraft deines Lebens hat sich schon vor der Verschnupfung verlagert, aber du musst dir dessen endlich bewusst werden. Dazu ist jetzt Zeit. Du musst erfahren, dass die Müdigkeit des Alters inspirierend sein kann. Es gibt so viel Wunderbares. Das Feuer leuchtet. Gegen den Nihilismus der Zeit kommst du nur auf, wenn du siehst, was leuchtet.

Du liest einen Satz von Maurice Blanchot, dem französischen Schriftsteller und Philosophen: „Die Müdigkeit hat ein weites Herz.“ Du fühlst, dass er recht hat. Aber was bedeutet dieser Satz, was sagt er dir? Du sollst deinen Aktivismus bremsen, Ruhe finden, gelassen hinnehmen, was du nicht ändern kannst, sich mit der leichten Grippe versöhnen und warten, dass sich dein Wesen öffnet. Du murrst doch so gern und schimpfst. Du stehst dir selber im Weg. Nimm den Balken aus deinem Auge. Dein Herz wird empfänglich, achtsam dein Gespür. Das Gemüt schwingt mit den guten Dingen mit. Das Spektakel der Welt wird in der Distanz zum Narrenschiff. Du hast selbst einmal auf dem Narrenschiff mitgerudert und noch immer glaubst du, rudern zu müssen. Früher waren deine Arme stark. In der Müdigkeit zeigen sich Demut und Dankbarkeit, und das Gefühl, dass es besser ist zu sein, als nicht zu sein.

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