15.04.2019 - Maja Petzold

Schweizerdeutsch, Deutsch oder was sonst

"Helvetismen - Schweizer Sprachspezialitäten": eine Ausstellung im Centre Dürrenmatt widmet sich einem Thema, das es in sich hat.

Vorbemerkung: Ich bin in Deutschland aufgewachsen und entsprechend sprachlich geprägt. Als ich in die Schweiz kam, stolperte ich zuerst mal über Wörter, die ich zuvor nie gehört hatte: Türfallen oder Vorfenster liessen mich staunen, Traktanden oder Pendenzen waren mir unbekannt; oder aus dem Bereich der Politik: eine Vorlage bachab schicken. Diese Formulierung fand ich äusserst treffend, nur begegnet war sie mir noch nie. Erst später kamen die Schwierigkeiten mit den verschiedenen Schweizer Dialekten. Davon soll hier nicht die Rede sein.

Helvetismen in der ganzen Schweiz (Ausstellungsplakat, Foto mp)

Den Blickwinkel, die Sprache der Schweizer, auch wenn sie Hochdeutsch sprechen, teilweise von aussen anzuschauen, konnte ich bis heute nicht ablegen. Inzwischen betrachte ich allerdings auch das Deutsch in Deutschland mit einem "Halbaussenblick". – Das könnte nicht nur auf meine Herkunft zurückzuführen sein, sondern auch darauf, dass Sprachen und die Art, wie man sich darin ausdrücken kann, mich seit jeher fasziniert haben. Und auf diese Art werden sich alle Sprachliebhaberinnen und -liebhaber an der Vielfalt der Begriffe erfreuen.

Reichtümer in der viersprachigen Schweiz

Die Schau "Helvetismen", die zur Zeit im Centre Dürrenmatt hoch über dem Neuenburger See gezeigt wird, berücksichtigt nicht nur die Ausdrücke, die in der deutschen Schweiz anders sind, sondern ebenso französische oder Tessiner Wörter im Vergleich zu den Begriffen in Frankreich oder Italien. – Ein echt eidgenössisches Unternehmen, das den Besucherinnen und Besuchern den Reichtum der Sprachen in unserem flächenmässig kleinen Land vor Augen führt.

Friedrich Dürrenmatt: Wilhelm Tell. Filzstift auf Papier,  20.5 × 14 cm, Sammlung Beatrice Liechti   © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft

Den Anlass, dass diese Ausstellung ausgerechnet in Neuenburg gezeigt wird, hat der Namensgeber dieses Zentrums gegeben: Friedrich Dürrenmatt, der sprachmächtige Schriftsteller, der an seinen Formulierungen feilte und sich dann nicht davon abbringen liess, auch wenn er Begriffe benutzte, die eben nur in der Schweiz gängig waren.

Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass die deutsche Literatur Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst entdeckte und gern in den Kreis deutschsprachiger Schriftsteller und Dichter aufnahm. Mit Regionalismen kam man damals wohl nicht gut zurecht.

Friedrich Dürrenmatt und seine Berner Wurzeln

Von Dürrenmatt wird berichtet, dass ein deutscher Regisseur für eine Aufführung von "Romulus der Grosse" vorschlug, "Morgenessen" durch "Frühstück" zu ersetzen, was Dürrenmatt rundweg ablehnte und den Dialog durch einen witzigen Zusatz um das Morgenessen ergänzte. Schlimmer erging es einigen Journalisten, die im Vorabdruck eines Dürrenmattschen Romans alle Helvetismen ersetzten – Dürrenmatt verklagte sie, zu Recht. Immerhin darf ein literarisches Werk nicht einfach verändert werden. Zu Friedrich Dürrenmatt gehört seine träfe Sprache – dies ein Helvetismus, der eigentlich unübersetzbar ist.

Es fällt auf, dass in der Schweiz und besonders im Berner Raum die Nähe zur französischen Sprache sichtbar wird. Dürrenmatt verwendete zahlreiche – nur in der Schweiz gebräuchliche - Lehnwörter aus dem Französischen, wie beispielsweise Kommissär, Garagist oder Fauteuil.

Friedrich Dürrenmatt: Tell trank Kläfner.  In: ders.: Die Heimat im Plakat, 1963. Tusche auf Papier.   „Kläfner“ (auch „Klevner“ oder „Clevner“) bezeichnet in der Deutschschweiz die Rebsorte Blauburgunder  © Diogenes Verlag AG Zürich

Bekanntlich war Dürrenmatt nicht nur ein tiefsinniger Schriftsteller, sondern auch schlagfertig. Als man ihn in Deutschland bei einem Vortrag bat, Hochdeutsch zu sprechen, antwortete er: "Ich kann nicht höher." – Wer die bernische Seite in Dürrenmatts Charakter, die sich auch in seiner Sprache äusserte, nicht wahrnehmen konnte, hatte etwas Wesentliches seiner Persönlichkeit nicht erkannt.

Niemand wird darüber erstaunt sein, dass es in der Sprache der Politik und Gesellschaftsordnung zahlreiche Helvetismen gibt, jeder Staat, jede gewachsene Gemeinschaft hat für die Regeln und den Umgang miteinander eigene Begriffe geschaffen. Die Zauberformel der Bundespolitik hat mit Hänschens Zauberkasten nichts zu tun, Vernehmlassungen und Urnengänge sind als Begriffe nur in der Schweiz üblich.

Der Themenbereich politische Sprache wird durch diese Runde von Bildschirmen dargestellt, dort sieht und hört man abwechselnd und gleichzeitig Zitate bekannter Politiker, die Helvetismen enthalten. (Foto mp)

Manchmal ist nicht die Bezeichnung eines Objekts, der Spritzkanne beispielsweise, die Ursache verschiedener Wörter, sondern was man damit tut: In Deutschland giesst man Blumen oder zarte Gemüsepflänzchen. Zum Spritzen nimmt man den Schlauch und bewässert damit den Rasen – oder die Kinder, die im heissen Sommer im Planschbecken spielen.

Fotomontage Helvetismen.  Design: kong.gmbh – funktion gestaltung

Als ich sah, dass die nur in der Deutschschweiz bekannten Fasnachtsküechli in der französischen Schweiz Merveilles heissen, wurde mir endlich klar, warum einige meiner Bekannten ganze Packungen vertilgen, wenn es dieses Gebäck von einem bestimmten Hersteller gibt.

Diese Ausstellung regt zu allerlei erhellenden und amüsanten Beobachtungen an. Sie ist als Wanderausstellung des Centre Dürrenmatt Neuchâtel in Zusammenarbeit mit dem Forum Helveticum konzipiert, mit Unterstützung des Centre de dialectologie et d’étude du français régional der Universität Neuenburg, dem Forum für die Zweisprachigkeit, dem Osservatorio linguistico della Svizzera italiana und dem Schweizerischen Verein für die deutsche Sprache. Sie ist später in verschiedenen Kulturinstitutionen der Schweiz zu sehen.

Bis 21. Juli 2019.

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