24.09.2018 - Joseph Auchter

Seelische Abgründe

Franz Schreker gehört mit seiner Oper „Die Gezeichneten“ zu den eindrücklichen Zeitzeugen der Zwischenkriegsjahre - erschütternd im Stoff, plakativ in der musikalischen Umsetzung.

„Und nun die Gezeichneten! Ich Unseliger schuf sie im tiefsten Frieden. In der Musik, in dem degenerierten Charakter dieses Werkes ist der Zusammenbruch Deutschlands, ja der Untergang unserer Kultur, einem Menetekel gleich, deutlich erkennbar.“ War Schreker ein Hellseher? Er ahnte 1918, im Jahre der Uraufführung, bereits, wohin Deutschland in seiner Verblendung treiben würde. Der jüdische Künstler wurde 1932 zum Rücktritt von seinem Amt als Direktor der Berliner Musikhochschule gezwungen und starb 1934 an einem Herzinfarkt.

Im Elysium der Träume: Carlotta (Catherine Naglestad) und Alviano (John  Daszak)

Seine Bühnenwerke erlebten in den 20er-Jahren eine erstaunliche Popularität, die teilweise sogar das Opus von Richard Strauss in den Schatten stellten. Zu dieser Zeit war die Psychoanalyse Sigmund Freuds in aller Munde, und Gustav Klimt und Arthur Schnitzler waren seine Weggenossen. Schreker als sein eigener Librettist lotete die Seelenabgründe auf vereinnahmende Weise aus. Und sein Musikstil zwischen Spätromantik und Expressionismus verstörte das Publikum weit weniger als die radikalen Zwölftöner Alban Berg und Arnold Schönberg.

Der riesige Orchesterapparat mit wagnerischen Dimensionen mäandriert unablässig zwischen einer hochgekochten Klangsuppe mit effektvoll eruptiven Tutti-Ballungen und einigen berührenden Momenten seelischer Innigkeit. In der Orchestrierung steht er aber meilenweit hinter dem Magier Richard Strauss, vor allem, was die Verknüpfung von Orchesterpart und Bühne betrifft. Obwohl Schreker fast zwanzig Solisten aufbietet, haben eigentlich nur gerade deren vier die Möglichkeit, sich stimmlich wie charakterlich zu entfalten. Alles andere ist schmückendes Beiwerk, mehr auf Füllmaterial ausgerichtet denn auf ein adäquat profiliertes Ensemble.

 Carlotta in der Mange zwischen Alviano und Tamare (Thomas Johannes Mayer)

Schreker ergeht sich auch in sich aneinander reihenden, monologisierenden Sprechgesängen, die kaum je Duett- oder Ensemble-Charakter annehmen, geschweige denn melodische Eingebungen aus dem Orchestergraben weiterspinnen. Damit zerfällt die Oper in zwei wenig kompatible Teile und bekommt wegen der häufigen Wartehaltung der Kontrahenten dramaturgische Längen. Auch die abrupt kurzen Choreinsätze (Janko Kastelic) stehen neben den Schuhen. Was der international umworbene Dirigent Vladimir Jurowski allerdings aus der Partitur und der Philharmonia Zürich herausdestilliert und und mit grosser Übersicht elaboriert, ist grosse Klasse und zeigt charismatische Meisterschaft.

Der Regisseur Barrie Kosky schätzt die cinematografische Qualität von Franz Schrekers Musiktheaterwerk «Die Gezeichneten». Die Musik der 1918 uraufgeführten Oper klinge, als habe der Komponist den Soundtrack zu Sigmund Freuds «Traumdeutung» geschrieben. Plausibel, aber eben, der Soundtrack entspricht nicht dem monologischen Duktus der Bühne. Aber auf Kosky ist auch dann Verlass, wenn eine Inszenierung besondere Fähigkeiten verlangt, das hat sein in Zürich umjubelter „Macbeth“ (nun wieder auf dem Spielplan) bewiesen. Das "klassische" Bühnenbild von Rufus Didwiszus ist atmosphärisch deckungsgleich mit der Regie.

 Geschunden und gedemütigt: Alviano Salvago / Fotos © Monika Rittershaus

Die Handlung basiert auf einem Theaterstück von Frank Wedekind und spielt in vornehmen Kreisen Genuas während der Renaissance. Ein missgebildeter Adliger, Alviano Salvago - in Zürich nur mit Armstümpfen - hadert mit seinem Schicksal und kompensiert seine Versehrtheit mit der Erschaffung eines „Elysiums“ von überirdischer Schönheit. Antike Gipsfiguren wie der berühmte Raub der Sabinerinnen und erotisierende Nacktheiten bevölkern den Palast zum Gaudi der Lüstlinge. Dass die Adligen sich dort dann mit den Bürgerstöchtern verlustieren und ein Bordell daraus machen, weiss Alviano gar nicht.

  Carlotta, eine Bildhauerin, nimmt den Krüppel zum Modell und weckt in ihm die Sehnsucht und  Begierde nach einer Geliebten. Doch der Draufgänger und Macho Tamare erobert sie inzwischen. In den Wahnsinn getrieben, bringt ihn Alviano daraufhin um und dreht als restlos Ausgestossener, zur Figur erstarrt, auf einem Rondell seine Kreise, wie es die Statuen zu Beginn taten. Da ist wieder der Barry Kosky, wie wir ihn lieben: schnörkellos, getrieben von einer Ästhetik, die erschauern lässt. Ganz grosses Theater.

Gesanglich fesselnd bis in alle Poren gibt Catherine Naglestad die Carlotta, während John Daszaks Tenor den Alviano zwar in die leicht gepresste Schrille führt, doch ist das absolut rollendeckend und darstellerisch einfach grossartig. Der Nebenbuhler und Dreckskerl Tamare hat in Thomas Johannes Mayer genau jenen Typen, der über Leichen geht. Und der Herzog, ein Fiesling besonderen Zuschnitts, der Alviano für die Unzucht im Elysium verantwortlich macht, ist auch so eine Paradefigur. Man möge mir die Aufzählung der Nebenfiguren ersparen, da sie leider, leider von Schreker nur als Stichwortlieferanten eingesetzt werden. Aber das Opernhaus Zürich hat sich mit dieser Wiederentdeckung mehr als verdient gemacht.

 

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